Der teuerste Brief aller Zeiten

dzInflation 1923

Die Juristen im Jahr 1923 sollten auch ein Mathematikstudium absolviert haben. Wie nennt man eine Eins mit elf Nullen - diese Frage stellte sich bei einem Brief an das Amtsgericht Pegnau.

Unna

, 01.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Es ist ein besonderer Schatz in seiner Sammlung, den der Unnaer Briefmarkenfreund Hans Borghoff anlässlich eines Stichtages hervorgeholt hat. Der 1. Dezember 1923 ging als der Tag mit den höchsten Briefgebühren aller Zeiten in die deutsche Geschichte ein. Hundert Milliarden Mark betrug das Porto eines Schreibens, das an diesem Tag in Leipzig aufgegeben wurde und dessen Umschlag sich 95 Jahre später in der Sammlung des Unnaer Philatelisten befindet.

Selten sind die Briefmarken von 1923 eher nicht

Dass der teuerste Brief aller Zeiten heute einer der wertvollsten wäre, ist übrigens ein Fehlschluss. Borghoffs Exponat hat zwar einen besonderen zeitgeschichtlichen Wert durch die Komposition der 19 Einzelmarken, aber was den Wert einer Briefmarke auf Versteigerungen antreibt, ist ihre Seltenheit. Und selten waren die Briefmarken aus den Tagen der Hyperinflation nicht – im Gegenteil.

Geld war schneller entwertet als gedruckt

Dass sich das Geld in jenen Monaten des Jahres 1923 so rasant entwertete, war zunächst einmal eine Herausforderung für spezialisierte Druckbetriebe. Ob Geldnoten oder Briefmarken: Im Grunde verloren diese Verbriefungen schneller an Wert, als nachgedruckt werden konnte.

Die Menschen in Unna spürten es auch vor Ort. Im November 1923 kostete eine Kilowattstunde Strom beim Städtischen Beleuchtungswerk unvorstellbare 400 Milliarden Mark – also viermal so viel wie der Brief aus der Borghoffschen Sammlung. Zum Glück musste der Strom nicht Einheit für Einheit bar bezahlt werden.

Unna gab eigenes Notgeld heraus

Denn der Wirtschaft ging seinerzeit auch buchstäblich das Geld aus. Die Notendruckereien kamen nicht gegen das Tempo der Entwertung an. Auf der Zeche Alter Hellweg entschied man sich daher im August 1923, anstelle der Löhne Gutscheine auszugeben. Die Händler der Stadt wurden gebeten, sie anstelle von Geld anzunehmen. Dabei war völlig unklar, wer den Wert dieses Ersatzgelds garantieren sollte.

Die Stadt Unna ordnete daraufhin die Einziehung dieser Gutscheine an und beschloss stattdessen, ein eigenes Notgeld einzuführen. Am 15. August 1923 machte sie im Hellweger Anzeiger bekannt, Scheine im Gesamtwert von 50 Milliarden Mark auszugeben, die allerdings nur einen Monat gültig sein sollten. Die Stückelung: Eine halbe und eine ganze Million Mark.

Die Hoffnung, dass sich mit dieser kurzfristigen Maßnahme genug Zeit für eine Lösung des Problems gewinnen ließe, erfüllte sich nicht. Denn schon im Oktober wurde es wieder kritisch: Vor der Lohnauszahlung in den Betrieben zum Ende des Monats wurde absehbar, dass die Reichsbank kein neues Geld liefern konnte. Der Ersatz kam aus der Zeitungsdruckerei.

Banknoten aus der Zeitungsdruckerei

Am 25. Oktober 1923, dem Vorabend der ersten Zahltage, bereitete sich der Zeitungsverlag F.W. Rubens darauf vor, auf seiner Rotationsdruckanlage am Rande der Innenstadt Geld zu drucken – natürlich unter behördlicher Aufsicht. Um 2 Uhr in der Nacht liefen die ersten Scheine aus der Maschine. Mit Noten zu 10, 50 und 60 Milliarden Euro machte die Druckerei des Hellweger Anzeigers die Menschen im Bezirk des Amtes Unna-Kamen wieder flüssig. Insgesamt wurden auf diesem Wege 6288 Billionen Mark geschaffen. Doch die Entwertung hielt an. Erst die Einführung der „Rentenmark“ beendete die Hyperinflation. Strom gab es bald wieder für 40 Pfennig pro Kilowattstunde – etwas günstiger als bei Ende des Ersten Weltkrieges. Und auch von den Briefmarken wurden etliche Nullen gestrichen. Der 1. Dezember 1923 ging in die Geschichte ein als letzter Höhepunkt der Hyperinflation.

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