Der harte Arbeitsalltag in Unnas Zechen

dzEnde der Bergbauära

Was die körperlich belastende Arbeit im Bergbau mit ihnen gemacht hat – das verrieten Anfang der 90er-Jahre ehemalige Bergleute dem Unnaer Horst Weckelmann. Er hat ihre Erinnerungen aufgezeichnet.

von Niko Wiedemann

Unna

, 22.10.2018, 17:17 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Bergbau hat das Ruhrgebiet geprägt wie keine andere Region in Deutschland. Heute bestimmen die Fördertürme und Gasometer nach wie vor das Erscheinungsbild des „Kohlenpotts“ und erinnern an eine industrielle Blütezeit. Auch Unna blickt auf eine lange Bergbaugeschichte zurück. In den Zechen „Unna“ und „Massener Tiefbau“ wurde bis Mitte der 1920er-Jahre Steinkohle gefördert, das Bergwerk „Alter Hellweg“ stellte seinen Betrieb im Jahr 1961 ein. Mit der Zeche „Königsborn“ schloss im Jahr 1978 das letzte aktive Bergwerk in Unna.

Bei der ganzen Bergbau-Nostalgie anlässlich der Schließung der letzten Zeche im Ruhrgebiet in diesem Jahr bleibt oft unerwähnt, unter welchen Bedingungen die Bergleute in den hiesigen Zechen arbeiten mussten.

Zeitzeugen schildern ihre Erfahrungen

Der Unnaer Horst Weckelmann hat den Großteil seines Berufslebens im Bergbau verbracht. Anfang der 1960er-Jahre arbeitete er als Bezirksjugendsekretär in der Industriegewerkschaft „Bergbau und Energie“, als Arbeitsdirektor der Zeche Ibbenbüren war er für die Belegschaft verantwortlich. Anfang der 90er-Jahre sprach Horst Weckelmann mit ehemaligen Bergleuten aus Unna, die ihm Erfahrungen aus ihrem Arbeitsalltag schilderten. Aus seinen Aufzeichnungen entstand eine Broschüre, die Interessierten ein ungefärbtes Bild von der schweren Arbeit im Steinkohlebergbau vermitteln soll.

Leistungsdruck durch das „Gedinge“

Die Arbeit in den bis zu 1200 Meter tiefen Schächten der Bergwerke galt in den Nachkriegsjahren als hart und gefährlich. Täglich sahen sich die Bergleute unter Tage schweißtreibenden Temperaturen, staubiger Luft und unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen ausgesetzt. Hinzu kamen lange Arbeitszeiten und der Leistungsdruck durch das „Gedinge“ (Akkordlohn): Eine direkte Überwachung der Arbeitsleistung der Belegschaft war nicht möglich, aus diesem Grund entlohnten die Betriebe ihre Arbeiter nach der erbrachten Leistung, zum Beispiel nach der Anzahl der geförderten Wagen oder der Länge der durch den Abbau von Steinkohle freigelegten Strecke.

„Es wurde um jeden Pfennig gekämpft! Trotz der harten Arbeit musste manchmal auch am Sonntag gearbeitet werden, damit der Betrieb am Montag wieder lief“, erinnerte sich Oskar Jeske im Gespräch mit Horst Weckelmann. Der Bergmann arbeitete in den 50er-Jahren als Schwerarbeiter in der Zeche „Alter Hellweg“.

Der harte Arbeitsalltag in Unnas Zechen

•Das Bild aus dem Jahr 1956 zeigt die Betriebsanlage der Zeche Alter Hellweg. Im Jahr 1961 wurde das Bergwerk geschlossen. Foto: Privatarchiv Patzkowsky

Dauerhaft Gefahren ausgesetzt

Der Leistungsdruck führte dazu, dass die Bergleute zum Teil die ohnehin dürftigen Sicherheitsbestimmungen missachteten. Infolgedessen erlitten nicht wenige von ihnen Brüche durch herabstürzendes Gestein oder wurden verschüttet. Eigentlich war es die Aufgabe des „Wettermanns“, die Stollen und Schächte nach losem Gestein abzutasten und festzustellen, ob sich dort methanhaltiges Grubengas befand. Der „Wettermann“ trug die Ergebnisse anschließend auf der „Wetterkarte“ ein, die die Bergarbeiter über die Sicherheitslage informierte.

Ein weiteres Gesundheitsrisiko ergab sich durch den beim Abbau der Steinkohle aufgewirbelten Kohlenstaub, den die Bergarbeiter oft einatmeten, wenn nicht optimal für die Belüftung der Schächte (das „Wetter“) gesorgt wurde.

Werner Klute arbeitete dreißig Jahre lang als Bergmann auf der Zeche „Massener Tiefbau“. Infolge der hohen Staubbelastung über all die Jahre erkrankte er an Silikose, die umgangssprachlich auch als „Staublunge“ bezeichnet wird: Der eingeatmete „Quarzstaub“ führt zu einer Vernarbung des Lungengewebes – Husten, Atemnot und Atemwegsinfekte sind die Folge. Werner Klute sah sich aufgrund seiner Erkrankung gezwungen, in den Frühruhestand zu gehen: „Besonders schlimm war die Staubentwicklung beim Auffahren von Blindschächten. Beim Bohren gab es viel Staub, den wir durch den Wetterzug alle einatmeten. Die Staublunge macht mir bis heute zu schaffen. Um die Anerkennung habe ich lange kämpfen müssen“.

Bergleute hielten zusammen

Die körperlich belastende Arbeit unter Tage und die Gefahren, denen sie ständig ausgesetzt waren, stärkten den Zusammenhalt unter den Bergleuten. Zuverlässigkeit und Kameradschaft waren unbedingt notwendig, da man in Notsituationen aufeinander angewiesen war. Darüber hinaus förderten der Akkordlohn und der zunehmende hohe gewerkschaftliche Organisationsgrad das Solidaritätsgefühl in der Belegschaft. Viele Bergarbeiter engagierten sich in den Ortsgruppen der örtlichen Gewerkschaft „IG Bergbau und Energie“, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Es ist der Arbeit der Gewerkschaft und dem Einfluss der Betriebsräte zu verdanken, dass sich die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung der Bergleute schrittweise verbesserten. Bergmann Werner Klute engagierte sich 63 Jahre lang in der Gewerkschaft „IG Bergbau und Energie“. Sein Fazit: „Hätte es keinen Betriebsrat und keine Gewerkschaft gegeben, so wären wir der Unternehmerwillkür ausgeliefert worden. Das ständige Eintreten für Frieden und Freiheit, aber auch vor allem für bessere Arbeitsbedingungen hat sich gelohnt“.Trotz der „Knochenarbeit“ und den schlechten Arbeitsbedingungen unter Tage, blickten die Bergleute im Gespräch mit Horst Weckelmann mit Zufriedenheit zurück auf ihr Arbeitsleben. Die tolle Kameradschaft unter den „Kumpels“, das gemeinsame Miteinander in den Ortsgruppen der Gewerkschaft und schöne Revierfeste gaben ihnen immer wieder „Auftrieb für neue Taten“.

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