Der Aufstieg und Fall Thomas Wieses - der Mann, dem man den Lamborghini gönnte

dzAluwerk Unna

Thomas Wiese war einmal ein Held: Retter des Aluwerks Unna, Vater des Reitsportzentrums, ein Mann, dem man den Lamborghini gönnte. Was er anfasste, schien zu Gold zu werden. Bis vor Kurzem.

Unna

, 13.01.2019 / Lesedauer: 5 min

Einen Hang zum Extravaganten kann man Thomas Wiese, Ex-Chef des Aluwerkes in Unna, durchaus nachsagen. Auf seinem weitläufigen Anwesen, dem Vogelpark in Uelzen, soll es ein Gebäude nur für seine Sammlung seltener Spielzeugfiguren geben. So war es den Unterlagen für die Ausbauplanung zu entnehmen, die von den politischen Gremien in Unna genehmigt werden mussten. Einem Reitsportmagazin vertraute Wiese einmal an, dass der Wert dieser Sammlung über eine Million Euro betragen dürfte. Dem Vernehmen nach besitzt Wiese 220.000 Timpo-Toys.

Ein Vorstandsvorsitzender in einer deutschen Aktiengesellschaft muss mit derlei Hobbys vorsichtig umgehen: Zu leicht würde ihm vorgeworfen, die Bodenhaftung verloren zu haben. Wiese allerdings galt in Unna als Held. Kritik oder gar Häme musste sich der Unternehmer nicht anhören. Nicht einmal, als er einen seiner geliebten Lamborghinis zu Schrott fuhr. Denn seinen Sportwagen hatte man Wiese gegönnt: Verdient hatte er ihn sich, als er ein unternehmerisches Risiko auf seine Schultern lud, von dem 230 Kollegen profitieren sollten.

Thomas Wiese war ein Aluwerker von klein auf

Bis in die 1990er-Jahre war Thomas Wiese im Aluwerk ein Angestellter. Mit 17 hatte er dort eine Lehre angefangen. Als Betriebsschlosser arbeitet er im Schichtbetrieb. Bis 1989 auf einer Betriebsversammlung Massenentlassungen angekündigt werden. Der 23-jährige Wiese springt auf, hält aus dem Bauch heraus eine Rede, die die Belegschaft zum Toben bringt. Am Tag darauf wird Wiese in den Betriebsrat gewählt. 1991 übernimmt er dessen Vorsitz. Wiese wird freigestellt, rückt ins Management auf. Und ist zur Stelle, als ein weiteres Mal Ungemach droht.

Eine Mark Kaufpreis für ein Werk mit Schuldenberg

Der österreichische Mehrheitsaktionär Amag will sich von dem Werk trennen. Weil völlig unklar ist, „was“ passieren wird, wenn „wer“ das Werk kauft, schmieden die Unnaer einen Plan: Sie wollen es selbst kaufen. Ein „Management Buy Out“ wird vorbereitet. Am 1. Januar 2000 ist Wiese mit 72,7 Prozent der Aktienanteile Mehrheitseigner des Unternehmens. Eine symbolische D-Mark für den Verkauf und die Übernahme von 19,3 Millionen Euro Schulden sind Wieses Preis für das Aktienpaket. Ein Verein aus Mitgliedern der Belegschaft erhält 25,1 Prozent – eine Sperrminorität, mit der sich grundlegende Beschlüsse zur Unternehmensverfassung verhindern lassen.

Das Unnaer Modell bringt das Werk auf die Erfolgsspur

Dieses Modell bedeutet eine Art Eigenverwaltung von Betriebsrat und Belegschaft. Und es ist erfolgreich: Wiese wird Vorstandsvorsitzender. Bald mit Volker Findeisen an seiner Seite führt er das Werk in eine stabile Phase. Umsätze und Absatz steigen. Das Werk, das in den zehn Jahren zuvor 180 Millionen D-Mark Verluste eingefahren haben soll, verdient Geld. Reichlich Geld.

Wiese nimmt die Zügel im Reitsport in die Hand

Wieses Ruf, ein Mann mit goldenen Händen zu sein, stützt sich allerdings nicht allein auf den Erfolg des Aluwerks. Die reitsportbegeisterte Familie Wiese nutzt einen Umbruch im damaligen Reit- und Fahrverein Massener Heide, um ein Projekt anzuschieben, das den Reitsport in der Region verändern wird: In der Massener Heide entsteht das Reitsportzentrum, das in Größe und Ausstattung alles in den Schatten stellt, was Pferdehaltern zuvor in Unna und Umgebung geboten wurde.

Der Aufstieg und Fall Thomas Wieses - der Mann, dem man den Lamborghini gönnte

Das auch von der Autobahn aus gut zu sehende Reitsportzentrum wäre ohne den Einsatz von Thomas Wiese (rechts, hier mit dem Schöpfer der großen Pferdeskulptur, Bernd Moenikes) nicht denkbar. © Udo Hennes

3,5 Millionen Euro sollen in die erste Ausbaustufe gesteckt worden sein. Doch unter dem Dach der Reitsport GmbH, deren Geschäftsführung Wiese und seine Frau innehaben, kommt es zu weiteren Gründungen und Übernahmen. Das Reitsportzentrum kauft das nahe Landgasthaus Massener Heide, eröffnet eine Hengstation und schließlich das Reitsportfachgeschäft Equitan an der Massener Straße.

Wieses persönliche Vorliebe für schnelle Autos spiegelt sich in einer kleinen, aber exklusiven Verkaufstätigkeit unter dem Dach der W.B. Metallverarbeitung Service GmbH wieder, die auch als Leiharbeitsfirma Personal für den Einsatz im Aluwerk stellt. Bei Veranstaltungen am Reitsportzentrum sind seine Fahrzeuge oft aufgereiht worden. Reitsport hat ein zahlungskräftiges Publikum.

Vor Wieses Ausstieg hatten die Aluwerker Angst

Im Aluwerk schien Wiese unersetzlich. Gedankenspiele des Chefs, sein Aktienpaket irgendwann wieder abzugeben, bereiteten den Mitarbeitern lange Bauchweh. Wiese war gerade 34 Jahre alt, als er zum Mehrheitsaktionär geworden war. Und mit 40, daraus machte er anfangs kein Geheimnis, wollte er dieses Maß an Verantwortung gerne wieder los sein. Sein Rückzug aus dem Werk kam dann gewissermaßen mit Ankündigung, aber später und sanfter als von vielen befürchtet. 2011 zog sich Wiese einfach aus dem operativen Geschäft zurück, das sein bisheriger Vorstandspartner Volker Findeisen danach allein weiterführte. Er blieb aber Mehrheitsaktionär und wurde Vorsitzender des Aufsichtsrates.

Auch Volker Findeisen führte das Werk erfolgreich

Auch unter der alleinigen Führung Findeisens blieb das Aluwerk auf der Erfolgsspur. Aber vielleicht war es dabei nicht schnell genug. 2015 gab es im Aluwerk einen überraschenden Wechsel. Im März trat Thomas Wiese aus dem Aufsichtsrat aus, um gleichzeitig in den operativen Vorstand zurückzukehren. Wenige Tage später erklärte Volker Findeisen seinen Rücktritt. Nach 13 Jahren im Vorstand und 18 im Unternehmen war ihm das Vertrauen entzogen worden. Findeisen letztes allein verantwortetes Geschäftsjahr hatte einen Gewinn von 1,5 Millionen Euro eingebracht. Es war wohl nicht genug.

Abwärtstrend nach Wieses Rückkehr

Wiese führte das Werk danach allein. Aber die Dinge wurden nicht besser. Am 13. September 2017 gab das Unternehmen den Verkauf an den chinesischen Branchenriesen Zhongwang bekannt. Wiese blieb Vorsitzender. Bis zu dem Tag, der seine Entzauberung einleiten sollte. Nun war es Wiese, dem vom Aufsichtsrat das Vertrauen entzogen wurde. Volker Findeisen kehrte zurück, Wiese war draußen. Zumindest als Vorstand. Leiharbeiter der W.B. Metallverarbeitung Service GmbH stellten noch ein Drittel des Arbeitskräftekontingentes. Als im Werk das Aufräumen begann, sorgte auch diese Verbindung für Probleme.

Zwischen Wieses Rückkehr auf den Vorstandssessel und der Übernahme durch Zhongwang müssen bis zu fünf Millionen Euro an Vorauszahlungen vom Aluwerk an die W.B. geflossen sein. Unter Findeisens Führung hatte die W.B. etwa ein Zehntel davon als Vorschuss bekommen. Die Chinesen fanden, dass W.B. diesen Vorschuss erst einmal abarbeiten müsse, bevor weitere Rechnungen bezahlt werden. Im Dezember warteten die Leiharbeiter aus dem Pool von W.B. zwischenzeitlich auf ihr Gehalt. Ein Protestzug marschierte zum Uelzener Vogelpark, um bei den Wieses vorzusprechen. Offen und scharf äußern sie Kritik an der Person Thomas Wieses und an seinem Führungsstil. Unter anderem sollen die Mitarbeiter der W.B. an der Gründung eines Betriebsrates gehindert worden sein – ausgerechnet von einem früheren Betriebsratsvorsitzenden.

Für die Arbeiter scheint es danach ein Happy End gegeben zu haben: Über hundert von ihnen konnten Aufhebungsverträge abschließen, um in die Stammbelegschaft des Aluwerks zu wechseln. Ohne den Großkunden hätte W.B. die Leute nicht dauerhaft bezahlen können.

Die Aufarbeitung der Ära Wiese hat derweil im Aluwerk erst begonnen. Rote Zahlen im operativen Geschäft, drei Millionen Euro Außenstände bei W.B., ein eigenmächtiger Umgang mit Investitionsmitteln der Chinesen und unerklärliche Leasingverträge über drei Supersportwagen mit zusammen 1978 Pferdestärken gehören zu den Dingen, die die Prüfung bislang zutage gefordert hatte. Und recht offen erklärt Aufsichtsratschef Yanjie Tang, dass es wohl noch weitere Dinge gebe, über die zurzeit noch nicht gesprochen werden könne.

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Wiese indes beklagte eine Kampagne gegen ihn, als unsere Redaktion ihn zuletzt sprach. Der 52-Jährige war zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich angeschlagen. Als er im November die Nachricht von seiner Abberufung erhielt, sei er aus dem Krankenhaus ins Werk gefahren.

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