Mit rund 400 Menschen haben überraschend viele beim Protest-Spaziergang gegen die Erweiterungspläne des Dortmunder Flughafens mitgemacht. In Unna vereint der Kampf die Politik.

Unna

, 19.07.2020, 17:16 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein langer Protestzug ist am Sonntag halb um das Gelände des Dortmunder Flughafens herumspaziert. Bei der Demo gegen die Erweiterungspläne der Flughafenbetreiber machten rund 400 Teilnehmer ihre kritische Position deutlich. Es waren mehr als die Organisatoren der Schutzgemeinschaft Fluglärm im Vorfeld vermutet hatten. Wenig überraschend: In Unna ist der Kampf gegen den Flughafen das wohl einzige Thema, in dem sich die politischen Lager sogar im Wahlkampf einig sind.

Immerhin zweieinhalb Kilometer bei recht schwül-warmem Wetter hatten all jene zu Fuß zu bewältigen, die dem Aufruf der Schutzgemeinschaft Fluglärm (SGF) gefolgt waren. Nichts für jedermann also, und Ferien sind auch meist nicht der beste Zeitpunkt, will man viele Menschen mobilisieren. Doch es kamen viele.

Menge begeistert Initiatoren

„Ich bin begeistert. Ein voller Erfolg“, resümierte der SGF-Vorsitzende Mario Krüger. Er nutzte an Start und Ziel des Wegs die Gelegenheit, per Megafon einmal mehr die Argumente gegen die geplante Verlegung der Landeschwelle aufzuzählen. Krüger sprach sich gegen die Strategie der Flughafenbetreiber insgesamt aus, die er als „Ausweitung des Billigflugverkehrs auf Teufel komm raus“, bezeichnete.

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Demo gegen Erweiterungspläne des Flughafens

Im Kern prophezeien die Protestler einerseits eine zunehmende Belastung der Anwohner: Wird der nutzbare Teil der Landebahn um 300 auf 1700 Meter in Richtung Unna verlängert, würden die Wizz-Air-Maschinen, für die diese Planung vorangetrieben wird, 15 bis 20 Meter tiefer über Unna-Massen niedergehen - damit lauter und beängstigender. Der Flughafen hatte im Vorfeld schon erklärt, diese neuen Maschinen seien moderner und damit auch leiser als ältere Modelle. Doch auch an diesem Argument gibt es Zweifel, wie ein Kundgebungsteilnehmer aus Massen erklärte: Es seien schließlich Billigflieger, die in Dortmund landen sollen, und er könne sich nicht vorstellen, dass viel Geld in diese Flotte investiert werde.

„Verlustträchtiger Flughafen für Billigflieger“

Ein zweiter wesentlicher Kritikpunkt ist das wirtschaftliche Konstrukt: Dortmund sei ein „verlustträchtiger Flughafen für Billigflieger“, wie es in einer aktuellen Veröffentlichung der SGF heißt. Der Verein prangert regelmäßig die Verluste durch den Flughafen an, die sich 2020 auf mindestens 30 Millionen Euro summieren würden und zulasten unter anderem der Dortmunder Stadtwerke gingen.

Einst ein Sportflugplatz, sei der Dortmunder Flughafen vor Jahrzehnten entwickelt worden, um das Ruhrgebiet wirtschaftlich nach vorne zu bringen, erinnerte Massens Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht. Wie andere Kritiker sieht er aber längst weniger geschäftliche und vielmehr touristische Nutzung.

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Dass der Flughafen wenig Bedeutung für die Wirtschaft der Region habe, ist allerdings nicht Konsens. So hatte kürzlich noch die Industrie- und Handelskammer zu Dortmund erklärt, der geplanten Landeschwellen-Verlegung zuzustimmen. Die regionale Wirtschaft habe klar Bedarf an Luftverkehrsangeboten.

Nicht nur Massen lärmbelastet

Kracht indes betonte beim Gang um die Landebahn, dass vom Fluglärm nicht nur Massen betroffen sei, die Menschen in Unna-Mitte ebenso. Und erst kürzlich habe ihm ein Königsborner einmal mehr bestätigt, wie sehr die Flieger heute schon lärmten.

SGF-Vorstand Krüger kündigte an, dass die Schutzgemeinschaft sich aktiv in den Wahlkampf in Dortmund einmischen werde, unter anderem mit einer Plakatkampagne. Anders als in Dortmund sind sich die politischen Gruppierungen in Unna weitgehend einig, was den Flughafen angeht. Seit Jahren versucht die Stadt Unna mit breiter politischer Rückendeckung gegen Projekte wie die Ausweitung des Flugbetriebs in Nachtstunden vorzugehen.

Bürgermeisterkandidaten am Megafon

Und es deutet vieles darauf hin, dass sich das nicht grundsätzlich ändern wird, wer auch immer ab September im Unnaer Rathaus das Sagen hat. So nutzten am Sonntagmittag gleich vier Bürgermeisterkandidaten das Podium der Protestaktion, um zu den Menschen zu sprechen: Katja Schuon (SPD), Claudia Keuchel (Bündnis 90/Die Grünen), Dirk Wigant (CDU) und Frank Murmann (FLU) äußerten sich alle kritisch zum Flugbetrieb.

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Protest-Spaziergang gegen die Flughafenpläne

Beeindruckender Protest: Rund 400 Leute haben deutlich gemacht, was sie davon halten, wenn der Flugbetrieb in Dortmund erweitert wird. Wir haben Eindrücke vom "Spaziergang" gesammelt.
19.07.2020
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Auch der Massener Armin Schumacher blickte wie Kracht zurück auf die Entwicklung und die Proteste von der Unnaer Seite. Vor 30 Jahren seien die Unnaer „von Dortmunder Genossen ausgepfiffen“ worden. Der damalige Flughafenchef habe für die Ausweitung des Flugbetriebs argumentiert, aus jedem Flieger stiegen 30 Geschäftsleute. Und in der Aktentasche eines jeden seien 50 Arbeitsplätze für die Region, erinnert sich Schumacher. Das alles habe sich nicht bewahrheitet.

Auch wenn Klimaschutz inzwischen für viele Menschen ein Thema ist und günstiges Fliegen womöglich mehr denn je kritisiert wird, zeigte sich Schumacher skeptisch, ob das Umweltschutz-Argument im Kampf gegen die Erweiterungspläne hilft. „Man kann nur hoffen, dass der Flughafen pleite geht“, sagte er.

Zur Sache

Die Strategie der Flughafengegner

  • Es sollte mehr solcher Protestaktionen gegen die Erweiterungspläne des Flughafens geben: Das äußerten Teilnehmer schon am Sonntag. Einige stellten allerdings auch nüchtern fest, die Flughafenbetreiber würden sich kaum an diesem Protest stören.
  • Die Schutzgemeinschaft Fluglärm (SGF) hat mit der Sammlung von Unterschriften begonnen und will Gleichgesinnten regelmäßig die Gelegenheit geben, ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, unter anderem auf dem Unnaer Wochenmarkt.
  • Die SGF will auch alle Möglichkeiten nutzen, auf behördliche Verfahren Einfluss zu nehmen. SGF-Chef Mario Krüger erwartet für Ende Juli eine Entscheidung der Bezirksregierung in Münster, ob für die Verlegung der Landeschwelle bloß eine Genehmigung oder ein Planfeststellungsverfahren nötig ist. Erst wenn das eine oder das andere Verfahren ein Ergebnis hat, könnte dagegen Klage erhoben werden.
  • Ein Planfeststellungsverfahren wäre aufwendiger und kann mehrere Jahre dauern. Die SGF habe die Hoffnung, dass bei einer solchen Verzögerung die Fluggesellschaft Wizz-Air als Hauptkunde des Flughafens ihre Planungen für Dortmund verwirft.

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