Das Studium ist auch in Unna im Trend

dzGesamtschülerinnen erzählen

Katharina Tholl und Miriam Jacobs haben noch ein Jahr Zeit bis zum Abitur. Beide möchten studieren – das verschafft Zeit und bietet mehr Möglichkeiten.

Unna

, 13.08.2018 / Lesedauer: 5 min

„Es gibt durchweg keinen handwerklichen Betrieb im Kreis Unna, der sagen würde: Ich suche keinen Auszubildenden mehr.“ Thomas Behrning, Pressesprecher der Kreishandwerkschaft Hellweg-Lippe, bringt das Problem auf den Punkt: Handwerker suchen händeringend Nachwuchs. Laut Behrning bekommen die Betriebe immer weniger und immer schlechtere Bewerbungen. Es komme auch vor, dass manche Firmen für den Bewerber augenscheinlich nur die zweite oder dritte Wahl sind. Wer qualifiziert ist, gehe lieber studieren. Dazu gehören auch die Schülerinnen Katharina Tholl und Miriam Jacobs. Die beiden 18-Jährigen besuchen die Peter-Weiss-Gesamtschule in Unna. Nächstes Jahr stehen für sie Abiprüfungen auf dem Plan – und damit auch die Entscheidung, wie es in ihrem Leben weitergehen soll. Während Tholl sich noch nicht auf einen Traumberuf festlegen möchte, weiß Jacobs, dass es in Richtung Biologie gehen soll. Sie könne sich vorstellen, einmal in der Forschung zu arbeiten – beispielsweise als Meeresbiologin an der Küste Deutschlands.

Studium ist angesagter

Die meisten Freunde der Mädchen möchten studieren. Das hat verschiedene Gründe. Für Jacobs ist die Flexibilität, die ein Studium mit sich bringt das Hauptargument. „Wenn ich ein Studium mache, muss ich mich noch nicht auf einen Beruf festlegen“, sagt sie. Außerdem könne man unterschiedliche Studienfächer kombinieren. Bei Ausbildungen sehe das schon anders aus. „Man bindet sich an einen Betrieb.“

Ein weiterer möglicher Grund dafür, dass viele studieren möchten, könnte das schlechter werdende Ansehen von Ausbildungen sein – vor allem für jene mit Abitur. „Für manche wäre eine Ausbildung ein Verbrauch ihres Talents“, vermutet Tholl. Außerdem hätten viele Ausbildungsberufe einen schlechten Ruf. „Das ist schade, denn man kann ja nicht auf sie verzichten“, sagt Jacobs. Die Freunde, die sie am Gymnasium habe, hätten nie darüber nachgedacht, eine Ausbildung zu machen. „Jeder will besser sein als die anderen.“

Das sagen sich nicht nur die Schüler selbst, sondern auch die Eltern. Laut Behrning wollten viele Eltern, dass ihre Kinder das Abitur machen und dann studieren. Wenn es doch eine Ausbildung werde, dann am besten im Öffentlichen Dienst. „Handwerk kommt erst am Schluss.“ Und das, obwohl sich 2017 im Vergleich zum Vorjahr 300 Personen mehr in einer beruflichen Ausbildung befunden haben sollen – laut Bilanz der amtlichen Statistikstelle vom Land. Dem Handwerk ist damit allerdings nicht geholfen. „Konzentration auf wenige Ausbildungsberufe in NRW“ ist die Überschrift der Pressemitteilung von „Information und Technik Nordrhein-Westfalen“ vom 10. Juli dieses Jahres. Heißt: Es gab zwar mehr Auszubildende – insgesamt 6.090 im Kreis Unna – aber die interessierten sich nur für bestimmte Berufe. Im Kreis waren das unter anderem Ausbildungen zum Kaufmann für Büromanagement, zum Kraftfahrzeugmechatroniker, zum Verkäufer und zum Industriekaufmann.

Berufe richtig kennenlernen

Dafür, dass der Ruf mancher Berufe schlecht ist, gibt es laut Tholl und Jacobs zumindest einen guten Grund: Unwissenheit. Einerseits kennen die jungen Leute viele Tätigkeiten gar nicht, andererseits erfahren sie nicht, was in den Berufen Tag für Tag wirklich gemacht wird. Es gebe zwar Messen und Besuche von Experten, doch es werde immer nur das Positive dargeboten. „Ein Erfahrungsbericht wäre schön“, sagt Jacobs. So könnten die Schüler von einem Arbeiter aus erster Hand erfahren, was zu seinem Aufgabenbereich gehört. Das sieht Behrning ähnlich.

Wer heutzutage Dachdecker werden wolle, müsse mehr können als auf dem Dach zu stehen und nicht herunterzufallen. Der Dachdeckerberuf werde technischer und häufig wüssten weder Eltern noch Jugendliche genug über die Vorqualifikationen für handwerkliche Berufe. Außerdem gebe es von den 130 verschiedenen Handwerksberufen einige abseitige, die manche gar nicht kennen. Das sei ein Problem, welches Verbände mit Imagekampagnen angehen wollen.

Schülerpraktika sind auch eine Möglichkeit, Berufe kennenzulernen – für Tholl und Jacobs reicht das aber nicht. Tholl hat ein dreiwöchiges Praktikum bei einem Architekten gemacht. „Es war schwierig, einen Einblick in den richtigen Beruf zu bekommen. Ich war nur einmal mit auf einer Baustelle“, sagt sie im Nachhinein. Außerdem könne man nicht in jeden Beruf hineinschnuppern, so Jacobs. Wolle man Arzt werden, könne man nur ein Praktikum als Arzthelfer oder Krankenschwester machen. Den richtigen Beruf lerne man erst nach dem Studium kennen. Und dann ist es zu spät dafür, sich noch umzuentscheiden.“Dann wird man vielleicht Chirurg, weil sich das besser anhört als Friseur. Aber am Ende macht das gar keinen Spaß.“

Mehr als nur Haare schneiden

Dabei haben Friseure tatsächlich einen sehr schönen Beruf – zumindest, wenn es nach Wolfgang Mikeleit geht, Obermeister der Friseur-Innung Unna. „Viele sagen, dass es nur Haare schneiden ist. Aber man kann auch seine Meisterprüfung ablegen, ans Theater gehen oder den Betriebswirt machen“, sagt der Friseurmeister aus Unna. Er finde es schade, dass das das Ansehen der Friseure sich verschlechtert, denn da gehe der Trend hin. Die Zahl der Auszubildenden sei kleiner als noch vor ein paar Jahren, aber „noch schwimmen wir ganz gut mit“, sagt er. „Vor zehn Jahren sind einige Gewerke aus der Meisterpflicht herausgefallen. Die Friseure aber nicht, weil es noch genug Auszubildende gab. Aber auch sie leiden unter dem Imageproblem des Handwerks“, sagt auch Behrning. Mikeleit glaubt, dass die Jugendlichen einfach zu wenig über den Beruf wissen – genau wie ihre Eltern. „Er wird von den Eltern schlecht geredet. ‚Werd bloß nicht Friseur‘, sagen viele“. Man müsse sich mehr damit beschäftigen, um zu erkennen, dass der Friseurberuf viel mehr ist, als Haare schneiden.

Und damit wären wir wieder bei der Idee von Katharina Tholl und Miriam Jacobs – die auch Mikeleit nicht schlecht findet. „Wenn eine Schule die Innung fragen würde, ob wir ein zwei Friseure vorbeischicken, dann würden wir das machen. Dafür sind wir da.“ Die Menschen würden nur bis zur Gesellenprüfung denken, und nicht weiter. Das sei ein Problem.

Übrigens will auch Tholl etwas dafür tun, dass Schüler mehr über die verschiedenen Berufe erfahren. Sie kann sich vorstellen, einmal in einem Verlag zu arbeiten und ein Buch herauszubringen, in dem einzelne Berufe beleuchtet werden. „Ich möchte die Berufe hinter den Klischees zeigen.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Bewohner des Monats

Der Dreiecksstrudelwurm im Massener Bach: schwimmend und schielend unterwegs

Hellweger Anzeiger Geschwindigkeitskontrollen

Darum darf der Blitzer im Halteverbot an der Hammer Straße in Unna stehen

Meistgelesen