Alexandra Khariakova erklärt auch bei Führungen in der Synagoge der liberalen jüdischen Gemeinde „haKochaw“ die Bedeutung verschiedener Symbole. Der Kerzenständer ist nur ein Beispiel. © Udo Hennes
Religionsgemeinschaften

Das Miteinander zwischen Juden und Christen ist in Unna tief verwurzelt

Jüdisches Leben in Unna – dass es das wieder gibt, ist auch Christen zu verdanken. Das sagt Alexandra Khariakova, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde „haKochaw“, zum Start der „Woche der Brüderlichkeit“.

Wenn Alexandra Khariakova über das gute Verhältnis zwischen Christen und Juden in Unna spricht, dann klingt daraus auch Dankbarkeit. „Das ist eine lange Geschichte, die schon älter ist als die Geschichte unserer Gemeinde“, sagt die Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde, die den Namen „haKochaw“ – zu deutsch: der Stern – trägt.

In dieser Woche wird das Verbindende zwischen Christentum und Judentum betont. Die „Woche der Brüderlichkeit“ wird in vielen Städten bewusst begangen, in Unna bislang aber noch nicht. Alexandra Kharakova kann über Veranstaltungen in Hamm berichten, auch bei Verleihungen der Buber-Rosenzweig-Medaille war sie schon dabei.

Stichwort

Woche der Brüderlichkeit

  • Die „Woche der Brüderlichkeit“ wird vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit veranstaltet. Die Verständigung zwischen Juden und Christen und der Kampf gegen Antisemitismus sind ihre Ziele.
  • Seit 1968 wird zum Auftakt der Woche die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen – in diesem Jahr in Stuttgart an Christian Stückl, der sich als Regisseur der Oberammergauer Passionsspiele von Anfang an dem Vorwurf des christlichen Antijudaismus gestellt und mit Geduld und Ausdauer Zug um Zug die Aufführung entsprechend überarbeitet hat.

Ob Unna Veranstaltungen in der „Woche der Brüderlichkeit“ braucht? Angesichts der Corona-Pandemie stellte sich die Frage in diesem Jahr gar nicht erst. Doch vielleicht muss die gute Verbindung zwischen Christen und Juden in Unna auch gar nicht betont werden, weil sie immer selbstverständlicher wird.

Ursprung der Gemeinde in christlichem Raum

Alexandra Khariakova erinnert sich an den 13. Mai 2007. Damals fand eine Vollversammlung der Juden des Kreises Unna statt – und zwar in einer christlichen Einrichtung. Das St. Bonifatius Wohn- und Pflegeheim ist heute in Trägerschaft des Katholischen Hospitalverbundes Hellweg. Früher in der Historie war es ein israelitisches Altenheim.

Im Wohn- und Pflegeheim St. Bonifatius an der Mühlenstraße in Unna wurde beschlossen, eine liberale jüdische Gemeinde zu gründen. Früher war das Gebäude auch ein israelitisches Altenheim.
Im Wohn- und Pflegeheim St. Bonifatius an der Mühlenstraße in Unna wurde beschlossen, eine liberale jüdische Gemeinde zu gründen. Früher war das Gebäude auch ein israelitisches Altenheim. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Ein Ort – wie gemacht, um dort die Gründung der liberalen jüdischen Gemeinde zu beschließen. Er war der erste Treffpunkt der Gemeinde – die Schaffung einer neuen Synagoge war damals noch ein Traum.

Ab 2010 mietete die jüdische Gemeinde „haKochaw“ das ehemalige Bodelschwingh-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Massen. „Es ist natürlich schade, dass die Evangelische Kirche das Gebäude aufgeben musste, aber für uns wurde es ein neues Zuhause“, empfindet Alexandra Khariakova viel Dankbarkeit.

Inzwischen ist aus dem Treffpunkt viel mehr geworden. Der Traum von einer neuen Synagoge ist wahr geworden. Und die ist mehr als eine Heimat für die Juden in Unna: Die jüdische Gemeinde betont ihren liberalen Charakter und öffnet das Haus für die Öffentlichkeit.

Joe Bausch las in der Synagoge. Auf dem Kopf trug er eine Kippa, die Alexandra Khariakova aus Jerusalem mitgebracht hat. Der Stuhl, auf dem er Platz nehmen durfte, war ein alter Richterstuhl, den die Gemeinde aus dem Amtsgericht besorgt hatte.
Joe Bausch las in der Synagoge. Auf dem Kopf trug er eine Kippa, die Alexandra Khariakova aus Jerusalem mitgebracht hat. Der Stuhl, auf dem er Platz nehmen durfte, war ein alter Richterstuhl, den die Gemeinde aus dem Amtsgericht besorgt hatte. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

So war 2020 etwa der Autor, Schauspieler und Mediziner Joe Bausch zu Gast. Auch Führungen – etwa für Schulen – finden regelmäßig statt. Alexandra Khariakova hofft, dass die Pandemie diese Veranstaltungen in absehbarer Zukunft nicht mehr verhindert.

Wann immer sich Christen und Juden in Unna begegnen und sich offen zeigen, wird deutlich, dass es viel gibt, was beide Religionen gemein haben. „Nicht nur in der Woche der Brüderlichkeit ist es wichtig, das Verbindende zu betonen“, findet Alexandra Khariakova.

Jüdische Feste müssen noch bekannter werden

Für viele Unnaer ist jüdisches Leben, das es in Unna glücklicherweise wieder gibt, noch fremd. „Es wird die Zeit kommen, in der die Menschen wissen, dass sie mir oder der Rabbinerin nicht Frohe Weihnachten wünschen müssen“, ist sich die Gemeindevorsitzende sicher, dass auch das jüdische Chanukka-Fest bekannter werden wird.

Der „Raum der Stille“ im Christlichen Klinikum Unna-Mitte dient außerhalb von Corona-Zeiten als Rückzugsort für Menschen aller Religionen.
Der „Raum der Stille“ im Christlichen Klinikum Unna-Mitte dient außerhalb von Corona-Zeiten als Rückzugsort für Menschen aller Religionen. © Christliches Klinikum Unna © Christliches Klinikum Unna

Sie kennt aber auch ein Beispiel, wo jüdischer Glaube schon selbstverständlich geworden ist. Das ehemalige Katharinen-Hospital Unna – heute Christliches Klinikum – hat einen Raum der Stille eingerichtet. Dort können Juden, aber zum Beispiel auch Muslime, in einem Raum beten, in dem kein Kreuz als christliches Symbol hängt. Jetzt, in Corona-Zeiten, steht der Raum nicht zur Verfügung. Er soll aber in Zukunft wieder als ein Rückzugsraum für Menschen aller Religionen genutzt werden, erklärt Karin Riedel, Pressesprecherin des Katholischen Hospitalverbundes Hellweg.

Ein weiteres Zeichen dafür, dass jüdisches Leben wieder in Unna angekommen ist, ist die Wiedereröffnung des jüdischen Friedhofes. Ein Bestattungsunternehmen führt Beisetzungen unter Einhaltung aller jüdischen Regeln durch.

Nicht zuletzt gibt es auch den „Freundeskreis der Jüdischen Gemeinde für den Kreis Unna“, der eine Verbindung zwischen den Religionen herstellt. „In diesem Verein sind nur christliche Mitglieder. Und das freut mich besonders. Die Jüdische Gemeinde wird mehr als nur akzeptiert – die ist ein Teil Unnas“, sagt Alexandra Khariakova.

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Redaktion Unna
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