Mit dem Deutschen Haus verschwindet eine weitere Traditionsgaststätte in Unna. Sie war Teil der Geschichte von Bad Königsborn, zuletzt über 50 Jahre lang ein Stück bodenständiger Kneipenkultur.

Königsborn

, 13.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Als Josef Stute Anfang des 20. Jahrhunderts die Gaststätte Deutsches Haus übernahm, die nun zu Wohnungen umgebaut wird, weilten in Bad Königsborn über 2700 Tagesgäste. Aus Dortmund, Hagen, Hamm und Soest kamen die Menschen, um sich im Solebad zu erholen oder verschiedene Gebrechen lindern zu lassen. 1882 war im Kurpark ein neues Bade- und Kurhaus mit 80 Badezellen eröffnet worden. Das Kurtheater hatte seinen Betrieb aufgenommen. Das wohl Anfang des 19. Jahrhunderts gebaute Deutsche Haus, vormals „Herbrechtsches Hotel“ wurde 1887 von einem Betreiber namens Stillger renoviert. Sein Nachfolger Stute bewarb das Haus 1907 in einer Annonce so: „Deutsches Haus, [...] in schönster Lage direkt am Badehause, Kurpark und den Gradierwerken, hält sich den geehrten Kurgästen bestens empfohlen. Veranda und Garten.“

Eine gute Adresse an der Kaiserstraße

Ein Zimmer gab es mit voller Verpflegung für höchstens 5 Mark am Tag. Ausflüglern empfahl Stute seinen vorzüglichen Mittagstisch für 1,50 bis 2 Mark. Praktisch auch: die nahe Haltestelle der Straßenbahn Unna-Kamen. Die gehobene Gesellschaft flanierte noch über die Kaiserstraße, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Friedrich-Ebert-Straße umbenannt wurde.

Das Gasthaus in schönster Lage am Kurbad und Unnas beständigste Kneipe

Dieses Bild ziert eine Postkarte aus dem Jahr 1904. Vor dem Deutschen Haus verlief die Flaniermeile der Kaiserstraße. © Archiv Patzkowsky

Auf Stute folgten rund ein halbes Dutzend verschiedene Inhaber beziehungsweise Pächter, wie Unnas Stadtheimatpfleger und Kneipenhistoriker Wolfgang Patzkowsky recherchiert hat. In die Zeit eines Herrn Schrots in den 1920er-Jahren fiel die Ära der „Flaschenbierloge“. So wurde im Volksmund die Freimaurerloge „Born der Wahrheit“ genannt, die im noch heute erhaltenen Gebäude links neben der Gaststätte ihren Tempel hatte.

Fischmanns begannen mit 35 Pfennig für ein Bier

1964 waren die ruhmreichen Jahre des Bades Königsborn längst vorbei. Kurz zuvor erst war der Theatersaal des Kurbads abgebrannt, das Badehaus schräg gegenüber war bereits Ende der 50er-Jahre verschwunden, um Platz zu schaffen für den Bau der Harkortschule. So ist es Klaus Basners „Unna - Historisches Porträt einer Stadt“ zu entnehmen. 1964 - ein Bier am Tresen gab es für 35 Pfennig - traten zwei Menschen auf den Plan, die das Deutsche Haus so lange betreiben sollten wie keine anderen noch bekannten Wirte zuvor. Heinz Fischmann war eigentlich von Beruf Bergmann, hatte mit 14 Jahren noch als Lehrling auf „Heinrich Robert“ angefangen. Dann stieg er in die Gastronomie ein und übernahm zusammen mit seiner Frau Inge die Wirtschaft.

Kneipenkultur und gutbürgerliche Küche

Das Ehepaar Fischmann sollte die Kneipe prägen mit der liebevollen Pflege traditioneller Kneipenkultur und gutbürgerlicher Küche. Erst im Jahr 2017 klappte das Wirte-Ehepaar endgültig den Zapfhahn hoch. Stammgäste schätzten bis dahin unter anderem den preiswerten Mittagstisch oder auch die Räume für Vereinstreffen und Gesellschaften.

Das Gasthaus in schönster Lage am Kurbad und Unnas beständigste Kneipe

Mal mit Holzbrettern wie auf diesem Bild, mal mit einer Klinker-Imitation war die Fassade des Deutschen Hauses verkleidet. Ende der 1980er-Jahre legte Inhaber Heinz Fischmann das alte Fachwerk frei. © Archiv Patzkowsky

Heinz Fischmann, als bodenständiger Kassierer auch eine langjährige Säule des Unnaer Wirtevereins, steckte auch Kraft in das Äußere des Hauses. So legte er Ende der 80er-Jahre das alte Fachwerk frei, das bis dahin hinter einer Klinker-Imitation verborgen war, davor hinter Holzbrettern. Auch 1999 stemmten Fischmanns noch eine Sanierung und einen Umbau ihres Deutschen Hauses.

Das Gasthaus in schönster Lage am Kurbad und Unnas beständigste Kneipe

So sah das Deutsche Haus ab 1988 aus. Nach über 150 Jahren erhielt das Gebäude wieder sein ursprüngliches Fachwerk-Gesicht zurück. © Archiv Patzkowsky

Später spielte das Schicksal den Fischmanns noch übel mit. 2009 brannte es in einer der Wohnungen über der Kneipe. Ein Mieter starb. 2013 dann hatten es Fischmanns mit bewaffneten Räubern zu tun. Mit Pistole und Schlagstock bedrohten zwei Männer die Wirte, die das Rentenalter schon lange überschritten hatten. Dennoch ging es weiter. Vor drei Jahren feierte Heinz Fischmann als dienstältester Gastwirt Unnas seinen 75. Geburtstag. Ein Jahr darauf konnte sich das Wirteehepaar zum 50-Jährigen gratulieren lassen. 2017 aber wechselte das Paar in den wohlverdienten Ruhestand.

Damit endete die Kneipengeschichte. Für das Deutsche Haus aber wird nun ein weiteres Kapitel geschrieben. Das Gebäude wird abgerissen, an seiner Stelle ein Wohngebäude errichtet. In drei Wohngemeinschaften entstehen 24 Wohneinheiten für Senioren.

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