Keine Schule wegen Corona: Seit zwei Wochen ist das Realität, auch für Melina Schmitt. Die 16-jährige Schülerin des Pestalozzi-Gymnasium Unna hat dies kreativ verarbeitet und eine Kurzgeschichte geschrieben.

Unna

, 29.03.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 6 min

Aufgaben per Mail oder Online-Plattform statt Unterricht im Kurs- oder Klassenverbund: Melina Schmitt sitzt seit zwei Wochen Zuhause an ihrem Schreibtisch und nicht mehr im Pestalozzi-Gymnasium Unna. Eine der ersten Aufgaben, die sie dort von ihrer Deutschlehrerin erreichte: „Schreibe eine Kurzgeschichte, die Bezug auf deinen Alltag nimmt!“ Alltag? Der sieht in Zeiten von Corona ganz anders aus. Melina Schmitt entschied sich kurzerhand, Corona zum Thema zu machen.

„Da ist vieles drin, was ich selbst erlebt und gedacht habe. Ich habe auch erst gedacht, dass das alles nicht so schlimm werden wird.“
Melina Schmitt über ihre Kurzgeschichte zu Corona

„Ich bin wie alle Schüler jetzt Zuhause und von allen Seiten prasselt nur dieses eine Thema auf mich ein. Da gibt es keinen Alltag mehr wie früher“, schildert uns die Schülerin ihre Situation am Telefon. Für sie lag es daher nahe, das Virus, das auch ihren Alltag durcheinander wirbelt, zum Thema ihrer Kurzgeschichte zu machen. „Da ist vieles drin, was ich selbst erlebt und gedacht habe. Ich habe auch erst gedacht, dass das alles nicht so schlimm werden wird“, sagt Melina.

Auch jetzt hat sie keine Angst davor, dass sie sich mit Corona infizieren könne; Sorgen macht sie sich aber um ihre Oma - und um das, was nach der Krise kommt. „Ich habe vor allem Angst vor den ganzen Veränderungen, die das mit sich bringt, in der Wirtschaft und überhaupt in der Gesellschaft.“ Eigentlich wollte sie im Mai ihre französische Austauschschülerin in Lille besuchen - ob das klappt, das fragt sie sich angesichts der aktuellen Situation auch.

Die 16-jährige Melina Schmitt besucht die zehnte Klasse des Pestalozzi-Gymnasiums Unna und hat eine Kurzgeschichte zum Coronavirus geschrieben.

Die 16-jährige Melina Schmitt besucht die zehnte Klasse des Pestalozzi-Gymnasiums Unna und hat eine Kurzgeschichte zum Coronavirus geschrieben. © Anna Gemünd

„Beim Schreiben der Geschichte wusste ich zuerst gar nicht, wohin das geht; ich wollte einfach nur aufschreiben, was ich erlebe und fühle.“ Herausgekommen ist eine Kurzgeschichte, die eindrucksvoll zeigt, wie Jugendliche die aktuelle Krise verarbeiten. Melina Schmitt hat unsere ihre Geschichte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt:

Die verschlossenen Augen

Nach einem langen Arbeitstag kam sie wie gewohnt nach Hause. Der Kopf rauchend, die Beine schmerzend, schloss sie die klapprige Haustür auf und taumelte in den Flur. Eigentlich war alles wie immer. Kaum empfang sie das wohlige Gefühl zu Hause zu sein, das gedämpfte Licht und der Geruch nach den süßlichen Duftkerzen, überkam sie ein Lächeln.

„Ich bin da.“, rief sie wie jedes Mal, als die Tür ins Schloss fiel. Doch wie gesagt war längst nicht mehr alles so wie früher. Während sie auf eine fröhliche Antwort wartete und ihre Füße aus den lästigen drückenden Schuhen befreite, hielt sie auf einmal ruckartig inne. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Anstatt, der vertrauten Stimme ihres Freundes, ertönte der Sound von den 20-Uhr-Nachrichten.

Verstörend: Bilder aus Wuhan, jener chinesischen Stadt, in der die Ausbreitung des Coronavirus seinen Anfang nahm.

Verstörend: Bilder aus Wuhan, jener chinesischen Stadt, in der die Ausbreitung des Coronavirus seinen Anfang nahm. © AFP

„Hallo?“, fragte sie verwundert, als sie das Wohnzimmer betrat. Immer noch wurde auf ihren Worten nichts erwidert. Doch nachdem sie um die Säule gespäht hatte, sah sie ihren Mann dort sitzen. Seine Miene war ziemlich ernst und seine Augen klebten wortwörtlich an den Lippen der Nachrichtensprecherin. Sie holte tief Luft und wollte schon fragen, ob etwas passiert sei, aber genau in derselben Sekunde hob ihr Mann die Hand und antwortete mit einem Zischen, sie solle endlich

leise sein. Nun schaute auch sie auf den Fernseher, verwirrt und mit einem unwohlen Gefühl. Es gab nicht viele Momente, in denen sie ihren Mann so sorgenvoll erlebt hatte. War etwas passiert, was sie nicht mitbekommen hatte?

Sie vermutete schon einen grausamen Anschlag oder eine heftige Naturkatastrophe, doch stattdessen erschienen die Gesichter der Kandidaten des CDU-Parteivorsitzes. Auf einmal konnte sie sich nicht mehr halten und fing an zu lachen: „Seit wann interessierst du dich für Politik?“ Auch wenn sie die Situation mit ihrem heiteren Lachen entschärfen wollte, so sprang es keines Wegs auf ihren Mann über. Nicht einmal eine Reaktion löste sie in seinem Gesicht aus. Also konnte sie nichts anderes tun, als sich nun auch auf das Sofa zu setzen und nun still und aufmerksam die Nachrichten zu verfolgen. Kurz darauf folgte der Abschnitt, der ihren Mann so aufzuwühlen schien.

„Das neuartige Corona-Virus breitet sich rasant in China aus. In Wuhan wurde der erste Todesfall gemeldet. Außerdem wurde in Thailand der erste Fall außerhalb Chinas bestätigt.“, berichtete die Sprecherin mit ihrer ruhigen sachlichen Stimme, ehe die vielen Bilder von dem Fischmarkt eingeblendet wurden. Die Augen ihres Mannes weiteten sich, als versuchte er jedes einzelne Wort der Reportage aufzuschnappen und in sich aufzunehmen. Doch noch nicht einmal die Hälfte der Bilder brauchte sie zu sehen, da war sie schon aufgestanden. Warum sich ihr Mann so aufführte, dass verstand sie nicht wirklich. Machte er sich wirklich Gedanken

darüber, dass so ein Virus Deutschland erreichen würde? Sie fing an innerlich zu lachen, so lächerlich erschien ihr dieser Gedanke. Und so blieb der gemeinsame Fernsehabend aus.

Italien ist besonders schwer vom Coronavirus betroffen.

Italien ist besonders schwer vom Coronavirus betroffen. © dpa

Dennoch war es nicht der einzige Abend, der so endete. Es erschien ihr beinahe, als würden jeden Tag die nächsten furchteinflößenden Fakten ausgepackt werden. Mensch-zu-Mensch-Übertragung, Wuhan unter Quarantäne bis zur Isolierung einer ganzen Region. Trotzdem fand sie die Reaktion ihres Mannes noch immer übertrieben und schon fast nervig. Am Frühstückstisch las er gebannt die

Nachrichten, am Abend bestand er darauf ihr alles darüber erzählen zu müssen.

Einige Wochen später verschlimmerte sich der Zustand mehr als ihr lieb war.

Genauso wie immer kam sie mit rauchendem Kopf und schmerzenden Beinen nach Hause. Sie schloss die Tür auf und trat in ihr Zuhause ein. Noch immer empfang sie ein wohliges Gefühl, doch hatte sie schon längst aufgegeben zu sagen: „Ich bin da.“ Zwar lief auch heute der Fernseher, doch diesmal klebten seine Augen an dem Bildschirm seines Computers. Als er hörte, wie sie ins Wohnzimmer trat, sprang er aus seiner Erstarrung auf und rief: „Gut, dass du da bist, Schatz! Kannst du eben in den Baumarkt fahren?“ Automatisch schaute sie auf die Uhr, doch natürlich hatte er schon zu. „Wieso in den Baumarkt?“, fragte sie verwundert. Abgesehen von irgendwelchen IKEA-Regalen, die er mal zusammenbauen musste, war er nie wirklich der Tüftler gewesen. Was brauchte er zu Hölle dann aus einem Baumarkt?

Atemschutzmasken gehören plötzlich zum täglichen Bild auf den Straßen dazu.

Atemschutzmasken gehören plötzlich zum täglichen Bild auf den Straßen dazu. © dpa

Augenblicklich drehte er seinen Computer in meine Richtung. Masken sprangen mir ins Auge. Man erwartet im ersten Moment die bunten fröhlichen Kostümmasken, die wir uns im Voraus für Karneval besorgt hatten. Allerdings brannten sich andere Bilder in mein innerstes. Grausame kaltweiße Masken mit einem blauen… Punkt in der Mitte? Eine Gänsehaut überkam mich und ich wendete energisch meinen Blick des schrecklichen Szenarios ab. „Die Atemschutzmasken sind in ganz Deutschland ausverkauft!“, alarmierte sie ihr Mann. „China liefert uns bald keine mehr. Genauso wenig wie Desinfektionsmittel.“

Angewidert wich sie einen Schritt zurück, als hoffte sie, sie würde dadurch die Realität von sich abschirmen können. Sie versuchte ihn mit lieblicher Stimme auf andere Gedanken zu bringen und sagte: „Mach dir keinen Kopf.“

Natürlich fasste es ihr Mann ganz anders auf, als sie es ihm eigentlich vermitteln wollte: „Ich finde schon eine Lösung. Dann fühlen wir uns gleich sicherer.“ Leider hatte sie es immer noch nicht begriffen, wie sich die Situation immer mehr zuspitze. Doch selbst wenn sie angefangen hätte sich Sorgen zu machen, so wollte sie nicht länger mit ihrem Mann darüber reden. Schließlich übertrieb er. Schließlich würde es nie so schlimm kommen.

Gespenstisch leere Städte - dazu zählt mittlerweile auch Unna, hier die Fußgängerzone im Bereich der Massener Straße.

Gespenstisch leere Städte - dazu zählt mittlerweile auch Unna, hier die Fußgängerzone im Bereich der Massener Straße. © Marcel Drawe

Somit änderte auch sie ihre Gewohnheiten, als sie nach einigen Tagen durch die Tür schritt. Zwar bekam sie beiläufig mit, wie die ersten Fälle in Italien gemeldet wurden, doch sollte sie wirklich ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen? Sie redete sich ein, dass der Spuk in ihrem Zuhause schon bald ein Ende haben würde.

Dennoch entschied sie sich allein am Wochenende auszugehen. Sie traf sich mit ihren engsten Freundinnen und machten die Stadt unsicher, genauso wie sie es in alten Zeiten getan hatten. Als die Empfehlung kam sich nicht mehr zu umarmen, taten sie genau das Gegenteil. Es schien beinahe, als würden sie sich aneinander festklammern. Ihnen war das Risiko egal, sie wollten einfach nur so

weitermachen wie früher.

Mitten in der Nacht kam sie nach Hause. Sie schloss die klapprige Tür auf, doch diesmal war dort kein wohliges Gefühl mehr, denn sie sah ihren Mann im Flur sitzen. „Ich mache mir Sorgen“, begann er, aber schon bei diesen Worten stellte sie ihre Ohren auf stumm. Nicht schon wieder. Konnte er nicht einmal von etwas anderes reden? „Der erste Fall wurde in NRW gemeldet. Im Kreis Heinsberg.“

Sollte sich nicht jetzt ein nervöses Gefühl in ihr aufkeimen? Sie spürte davon nichts. Also entgegnete sie beherrscht: „Was soll mir das sagen?“

Corona, Corona, Corona: Die Nachrichten sind voll mit den neuesten Meldungen zu dem Virus.

Corona, Corona, Corona: Die Nachrichten sind voll mit den neuesten Meldungen zu dem Virus. © dpa

Ihr Mann holte tief Luft: „Der Betroffene soll in Norditalien Urlaub gemacht haben. Hast du mir nicht erzählt, dass Kathrin letztens noch in Mailand war?“ Am liebsten hätte sie verneint, doch sie wusste, dass es erst einige Wochen her war, wo Kathrin aus ihrem Urlaub zurückgekehrt war. Aber warum sich Gedanken darüber machen? Kathrin ging es blendend. Sie hatten doch gerade noch in der Bar gesessen und ihre Cocktails geschlürft. „Heißt das jetzt, du willst, dass ich mich nicht mehr mit Kathrin treffe?“, fuhr sie ihn an und verschränkte wütend die Arme vor ihrer Brust. Ihr Mann schüttelte energisch den Kopf und sie konnte einen traurigen Blick in seinen Augen ausmachen: „Vielleicht wäre es besser, wenn wir eine Zeit lang zuhause bleiben.“

Diese Worte trafen sie hart und die Welt schien für eine Sekunde um sie still zu stehen. Und dann fielen da auch noch die abscheulichen Masken ihr ins Auge, die aus der Hand ihres Mannes baumelten. Sie schienen sie beinahe anzugrinsen und sie zu verhöhnen. Ihr Mann übertrieb, sagte sie sich immer wieder. Doch was er von ihr forderte, war zu viel verlangt. Ohne ein weiteres Wort lief sie an ihm vorbei.

Immer mehr Fälle entwickelten sich in Deutschland. Sie befielen die kleinsten Orte und machten auch nicht vor den Grenzen zu anderen Bundesländern halt. Genauso erging es Frankreich. Und Spanien. Und anderen Ländern in ganz Europa. Schließlich explodierte es in Amerika und dann war es in der ganzen Welt verbreitet. Allerdings schien sie es noch immer nicht zu interessieren, denn sie sah jeden Tag, wie die anderen um sie herum weiter ihr glückliches Leben führten. Warum sollte sie als einzige daran etwas ändern?

Der Test auf Corona erfolgt durch einen Rachenabstrich.

Der Test auf Corona erfolgt durch einen Rachenabstrich. © dpa

Und dann kam der Tag, als sie mit rauchendem Kopf und schmerzenden Beinen die Tür öffnete. Von dem erwarteten Sound der Tagesschau war nichts zu hören. Auch sah sie nicht ihren Mann auf der Couch mit seinem Computer sitzen.

„Hallo?“, fragte sie in die erdrückende Stille. Mit klopfenden Herzen lief sie die anderen Räume ihrer Wohnung ab bis sie vor dem Schlafzimmer stand. Sie drückte die Türklinke hinunter, doch was sich hinter ihr verbarg, war bloß tiefste Dunkelheit und dieselbe ohrenbetäubende Stille. Erst dann entdeckte sie den Zettel vor ihren Füßen. Ein Teil von ihr wusste schon was kommen würde, doch sie betete, sie würde sich irren. Die vielen Informationen verschwammen vor ihren

Augen, als ihr ein einziges Wort entgegensprang: Positiv.

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