Coronavirus bremst die Kultur in Unna, aber stoppt sie nicht

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Die Jugendkunstschule, der Circus Travados, das Theater Narrenschiff: Unna hat eine außergewöhnlich vielseitige Kulturszene. Und die wird auch Corona überdauern, da ist André Decker sicher.

Unna

, 27.03.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenige Tage vor der Premiere ein Stück absagen zu müssen - das ist für Schauspieler wohl das Schlimmste. So ging es dem Theater Narrenschiff mit „Curtain Call“: Samstag wäre Premiere der Inszenierung gewesen, alle Karten waren längst verkauft. Doch dann kam Corona.

Mitten in der Endphase der Proben für das von André Decker inszenierte Stück über das Broadway-Theater der 1950er-Jahre mussten die Schauspieler plötzlich abbrechen. Die Schließung der Theater und die später folgende Kontaktsperre machen die Aufführung von „Curtain Call“ unmöglich. „Für das Theaterherz ist das natürlich ein Albtraum, aber man muss das im Verhältnis sehen. Und da steht für alle Menschen, auch für uns, gerade die Gesundheit an oberster Stelle“, sagt André Decker im Gespräch mit unserer Redaktion.

Das Ensemble von „Curtain Call" bei der letzten Probe, bevor wegen der Corona-Krise die Premiere am 28. März abgesagt werden musste.

Das Ensemble von „Curtain Call" bei der letzten Probe, bevor wegen der Corona-Krise die Premiere am 28. März abgesagt werden musste. © Theater Narrenschiff

Jetzt, so kurz vor dem eigentlichen Premierentermin und wenige Tage nachdem das Ensemble gemeinsam das Theater vor der Schließung aufgeräumt hat, findet Decker Zeit, das Ganze zu rekapitulieren. „Das war für den Energiehaushalt richtig schlimm, denn in dieser heißen Phase der Proben pusht man sich richtig hoch. Da bist du zehn Stunden am Stück im Theater und hast keine Zeit und keinen Gedanken für etwas anderes.“

Das hatte allein schon praktische Folgen: „Wir hatten keine Zeit, Klopapier zu kaufen“, lacht André Decker. Plötzlich verschoben sich die Prioritäten: Statt rund um die Uhr an den Feinheiten für „Curtain Call“ zu feilen, macht Decker sich jetzt Sorgen, dass sein über 70-jähriger Vater sich nicht mit Corona infiziert und kauft für ihn ein. „So hat jeder jetzt seine Aufgaben, die schlagartig in den Fokus gerückt sind und wo das Theater jetzt zurecht zurücksteckt“, findet Decker.

Ob die beliebten Aufführungen auf dem Westfriedhof Mitte Juli wie geplant stattfinden können, steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest.

Ob die beliebten Aufführungen auf dem Westfriedhof Mitte Juli wie geplant stattfinden können, steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest. © UDO HENNES

Open Air im Juli

Aufführung von „Emma - Austen im Park“ noch unklar

  • Es sind jedes Jahr die am schnellsten ausverkauften Aufführungen des Theater Narrenschiff: die Inszenierungen unter freiem Himmel auf dem Gelände des Westfriedhofes.
  • In diesem Jahr soll Jane Austens „Emma“ am 16., 17., 18. und 19. Juli aufgeführt werden. Der Vorverkauf startet in der Regel Anfang Mai.
  • Ob die Aufführungen wie geplant stattfinden können, kann zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht gesagt werden.

Natürlich hat auch er die Nachrichten zu Corona verfolgt, doch so richtig klar, was das vielleicht für die Kulturszene bedeuten könnte, wurde André Decker das erst, als er die Nachricht aus Hamburg hörte: „Als wir mitbekamen, dass die Premiere des Harry-Potter-Musicals nicht nur abgesagt wurde, sondern sogar sofort bis in den Oktober verschoben wurde, da wurden wir hellhörig. Was wissen die, was wir nicht wissen, haben wir uns gefragt. Das war schon ein bisschen gruselig.“

Wann und wie es mit den Theatern und überhaupt dem kulturellen Leben weitergeht, sei gerade schwierig zu beantworten. „Die Theater tun sich da alle gerade schwer, Aussagen zu treffe. Das ist aber auch verständlich.“ Für das Theater Narrenschiff steht fest, dass die für Juni angedachte Inszenierung „Shakespeare Revisited“ komplett ausfallen wird.

Coronavirus bremst die Kultur in Unna, aber stoppt sie nicht

© Theater Narrenschiff

„Ich glaube, nach Corona wird Kultur aufgesaugt wie ein Schwamm.“
ANDRÉ DECKER, KÜNSTLERISCHER LEITER DES THEATER NARRENSCHIFF

Gerade für den Shakespeare-Fan Decker ist das traurig, er sagt aber auch: „An dem Stück habe ich noch nichts vorbereitet, von daher war es naheliegend, es jetzt ausfallen zu lassen. Stattdessen wird unsere nächste Premiere „Curtain Call“ sein - zur Not eben auch erst in einem Jahr.“

Er ist erstaunt, wie schnell einige große Theater jetzt alternative Theaterformen via Internet auf die Beine gestellt haben. „So weit sind wir noch nicht. Aber wir werden uns Gedanken machen und schauen, was vom Publikum gewünscht wird.“ Auf jeden Fall soll es am Wochenende, wenn die Premiere von „Curtain Call“ stattgefunden hätte, ein paar Veröffentlichungen in den Sozialen Netzwerken aus der Produktion geben.

Sorgen, dass die Kulturangebote, wie es sie bisher in Unna gegeben hat, durch die Corona-Krise jetzt wegbrechen, hat André Decker übrigens nicht. „Die ganze Schwarzmalerei bringt doch jetzt nichts. Ich glaube, nach Corona wird Kultur aufgesaugt wie ein Schwamm. Und ich bin zuversichtlich, dass es Kultur auch nach Corona noch in Unna geben wird - weil das Interesse dafür in dieser Stadt vorhanden ist.

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