Zu den Symptomen der Covid-19-Pandemie gehören Angst und Verunsicherung. Die Aufklärungskampagne eines Arztes lässt Zweifel zu, ob sie in dieser Hinsicht Heilmittel oder Erreger ist. Jetzt erreicht sie Unna.

Unna

, 22.10.2020, 12:03 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die beiden „Freiheitsbotinnen“ kamen in der Nacht und trugen Stirnlampen, um sich ihren Weg durch die schlecht ausgeleuchteten Teile Lünerns zu bahnen. Weniger erhellend wirkten dagegen die Flugblätter, die die beiden Frauen in die Briefkästen der Besuchten steckten.

Irgendwie scheint es wohl um Corona zu gehen, vermutet der flüchtige Leser. Für alles weitere verweist das Blatt auf Internet-Quellen. „Es besteht kein Grund zur Panik“, schließt der relativ knappe Textanteil des offenbar professionell erstellten Druckstücks. Aber wirklich zur Beruhigung trägt der Zettel auch nicht bei.

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Eine der Empfängerinnen ist Charlotte Kunert, langjährige Ratsfrau und bis vor kurzem Fraktionsvorsitzende der Grünen in Unna. „Ich finde es schlimm, wie die Gefahren des Coronavirus geleugnet werden. Wir sind doch ohnehin schon alle sehr verunsichert“, findet sie. Und regelrecht irritiert sei sie darüber, welchen Aufwand manche Initiativen betreiben, um ihre Botschaften in die Welt zu tragen.

Arzt aus Sinsheim beliefert „Freiheitboten“ mit Flugblättern

Hinter den Flugblättern steht ein Arzt aus Sinsheim in Baden-Württemberg. Er gibt regelmäßig neue Druckwerke in Auftrag, die sich die ehrenamtlichen Verteiler in ganz Deutschland bei ihm bestellen können. Liefergröße ist jeweils eine Auflage von 200.000 Stück, wie eine Internetseite des Mediziners erklärt. Im Kreis Unna würde das für eine flächendeckende Bestückung aller Haushalte reichen.

Dr. Bodo Schiffmann ist niedergelassener HNO-Arzt mit Schwerpunkt in der Behandlung von Schwindel – was tatsächlich Probleme mit dem Gleichgewichtssinn meint und nicht ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit. Schiffmann wird von Gegnern inzwischen offen als Corona-Leugner bezeichnet. Möglicherweise ist das in dieser Radikalität zu kurz gegriffen.

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Thesen, die der Arzt in eigenen Internetvideos verbreitet, entsprechen an sich dem aktuellen Kenntnisstand der Medizin. In der durchaus strittigen Frage, welche Maßnahmen daraus abgeleitet werden sollten, verweist er auf die Verantwortung des Einzelnen. Das Tragen einer Schutzmaske empfahl er bereits im März, als die Bundesregierung die Maskenpflicht noch skeptisch bewertete. Auch mit seinen Empfehlungen für Handhygiene und das Abstandhalten bewegt sich Schiffmann auf einer Linie mit der offiziellen Politik.

Allerdings wirft er ihr an anderer Stelle Verfehlungen vor. Schiffmann erklärt höhere Sterblichkeitsraten in einigen Ländern auch mit der eingeschränkten Leistungsfähigkeit der dortigen Gesundheitssysteme – und zeigt vor diesem Hintergrund warnend auf Sparmaßnahen in Deutschland. Auch in diesem Punkt dürfte er viele Branchenkollegen hinter sich wissen.

Allianz mit ausgewiesenen Corona-Leugnern

Das Problem, mit dem der Mediziner seine eigene Glaubwürdigkeit untergräbt, sind die Allianzen, die er für seine Kampagne eingegangen ist. Die Internetlinks auf seinem Flugblatt verweisen zum Beispiel auf die Initiative „Querdenken“, deren Corona-Demos offenkundig gegen die Abstandsempfehlung verstoßen, die selbst Schiffmann ausgesprochen hat. Eine Initiative „Eltern stehen auf“ setzt sich dafür ein, dass „sich Kinder gesund entwickeln“, indem sie gegen die Maskenpflicht an Schulen zu Felde zieht. Eine Gruppe von erklärten Juristen bewertet Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor allem als Eingriff in die Grundrechte des Einzelnen.

Schiffmann selbst tritt in einem „außerparlamentarischen Untersuchungsausschuss“ auf und macht sich spätestens dabei mit Verschwörungstheoretikern gemein, die den Widerstand gegen eine repressive Obrigkeit für nötig erachten.

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Charlotte Kunert in Unna ist nahezu sprachlos angesichts solcher Thesen. „Ich arbeite selbst in einem Krankenhaus und weiß, wie ernst die momentane Situation ist. Was wir brauchen, sind seriöse Informationen darüber, wie wir uns selbst und andere vor einer weiteren Ausbreitung schützen können.“ Natürlich seien die Einschnitte durch die Corona-Maßnahmen unangenehm und belastend. „Wir alle wollen wieder ein normales Leben führen, Menschen begegnen und ihnen nahe sein“, sagt sie. Aber das ändere nichts daran, dass Corona eine Gefahr ist und der Kampf dagegen notwendig.

Polizei sieht zulässige Meinungsäußerung

Wer genau die Verteilaktion in Unna organisiert und durchführt, ist schwer zu ermitteln, auch wenn Dr. Bodo Schiffmann als Herausgeber der Flugblätter die Verantwortung dafür übernimmt. Rein rechtlich lässt sich die Verteilaktion der dezentral arbeitenden „Freiheitsboten“ nicht angehen. „Es scheint sich um eine zulässige Aktion im Rahmen der Meinungsfreiheit zu handeln“, erklärt Polizeisprecherin Vera Howanietz. „Allein der Empfänger kann entscheiden, was er mit dem Zettel macht. Er kann ihn wegwerfen oder verbrennen, aber auch lesen und sich seine eigene Meinung bilden.“

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