Schlafplätze für Obdachlose im ehemaligen Nachtclub „Mirabelle“

dzMit Fotostrecke

Die Bettenzahl hat in der Geschichte der Kamener Straße 125 immer eine Rolle gespielt. Und das soll auch so bleiben: Die Caritas wird im früheren Club Mirabelle ihre Übernachtungsstätte unterbringen.

Unna

, 27.12.2019, 14:38 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Schlüsselübergabe an den Caritasverband für den Kreis Unna hat etwas Spezielles. Die stählerne Eingangstür mit dem Bullauge wirkt wie aus dem Kühlraum eines Schlachthauses übernommen. Dahinter aber wird es wärmer, fast schon heiß: Ein dunkler Barraum tut sich auf. Am Ende des Tresens ein erstes Séparée. Davor die kleine Bühne mit der Stange für den Poledance.

Bis 1996 befand sich an der Kamener Straße 125 in Königsborn eine seriöse Raststätte für den Fernverkehr. Danach kamen die Nutzungen, die das Haus in Unna legendär und berüchtigt gemacht haben. Gerade die Zeit unter dem schillernden Achim Megger hat dem Club Mirabelle beziehungsweise Club Bad Königsborn einen besonderen Bekanntheitsgrad verliehen – auch wenn natürlich niemand je in dem Gebäude zu Gast gewesen sein will.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Ein letzter Besuch im Club Mirabelle

Aus dem früheren Nachtclub in Unna-Königsborn will die Caritas eine Übernachtungsstätte für wohnungslose Männer machen. Bei der Schlüsselübergabe fanden die neuen Hausherren ein weitgehend erhaltenes Inventar vor.
27.12.2019
/
Der Club Mirabelle: Legendärer Nachtclub in nicht allzu großer Ferne vom Kasernentor und mit Sichtschutzhecke für den diskreten Zutritt... © Udo Hennes
...der nach strenger Eingangskontrolle durch eine Tür mit Kühlraumambiente erfolgte. © Udo Hennes
Dabei ging es innen bisweilen heiß zu, etwa beim...© Udo Hennes
Tanz an der Poledancestange, oder...© Udo Hennes
...im sagenumwobenen Käfig. © Udo Hennes
Wer es gar nicht aushielt, dem blieben die Kühlung per Luftstrom oder...© Udo Hennes
...der Rückzug in die Unterkünfte im Obergeschoss. © Udo Hennes
Entlang eines ziemlich langen Flures lagen einst die Zimmer der Reisenden, später die der Frauen, die offiziell als Mieterinnen geführt wurden. © Udo Hennes
Noch heute wirken einige Betten wie frisch gemacht – zumindest aus der Distanz.© Udo Hennes
Wie einladend dies wirkt, mag eine Frage der persönlichen Vorlieben sein. © Udo Hennes
Für ein langes Verweilen waren die Räume im Club Mirabelle aber vermutlich auch nicht gedacht. © Udo Hennes
Die Einrichtung war dementsprechend auch etwas spartanisch. © Udo Hennes
Architekt Wilhelm Ehrenberg und Caritas-Chef Ralf Plogmann wollen das Haus entkernen und in eine Übernachtungsstätte für Wohnungslose umwandeln. © Udo Hennes
Ein Haus für die Nacht bleibt die Kamener Straße 125 also – nur eben auf andere Weise als früher. © Udo Hennes

Seit zwei Jahren ruht der Betrieb. Und nun soll ein neues Kapitel der Nutzung aufgeschlagen werden: Die Caritas übernimmt die Immobilie, um darin unter anderem eine Übernachtungsstätte für obdachlose Männer einzurichten.

Jetzt lesen

Mit dieser Funktion soll das Haus die heutige Übernachtungsstätte an der Zechenstraße ablösen, an deren Stelle die Caritas Sozialwohnungen errichten lassen will. Die Kapazität würde unverändert bei 14 Plätzen für Männer liegen, die im Zeitfenster zwischen 17 und 9 Uhr eine Bleibe suchen.

Ergänzend dazu plant die Caritas zwei Trainingswohnungen, in denen Menschen auf dem Weg von der Straße ins bürgerliche Leben lernen können, ihren Alltag zu meistern. Und auch die Sozialstation der Caritas soll an der Kamener Straße 125 Platz finden.

Service

Anlaufstelle für Wohnungslose

  • Die Caritas unterhält eine Übernachtungsstelle für Männer, die zurzeit an der Zechenstraße 17 untergebracht ist. Geöffnet ist sie von 17 bis 9 Uhr, telefonisch erreichbar unter (02303) 2585043.
  • Außerhalb dieser Zeiten steht allen Wohnungslosen eine Tagesstätte an der Hansastraße 6 zur Verfügung. Dort finden sie warme Räume, Waschmöglichkeiten und Gesellschaft.
  • Ebenfalls an der Hansastraße 6 betreibt die Caritas eine Beratungsstelle, die Obdachlosen beim Weg von der Straße zurück in geordnetere Verhältnisse helfen soll.
  • Eine Übernachtungsmöglichkeit für Frauen in Notlagen bietet das Frauenforum im Kreis Unna, Tel. (02303) 7789130, an.

Zwischen 300.000 und 350.000 Euro soll der Umbau kosten. Das Gebäude hat einen entsprechenden Aufwand nötig, den die Caritas mit Hilfe von Stiftungen zu meistern hofft. Wann der Umbau beginnt, ist noch nicht klar, weil der Bauantrag erst bearbeitet werden muss. Die Bauzeit dürfte danach etwa ein Jahr betragen.

Die Caritas erhält dieses Gebäude quasi als Geschenk. In ihre Hände gelangt es nach einem recht abenteuerlichen „Weg“: Vermutlich 1963 war an der Kamener Straße eine Tankstelle mit angeschlossenem Gasthaus entstanden, in dem Fernreisende übernachten konnten. Das Autobahnnetz in der Region war im Vergleich zu heute noch sehr lückenhaft, die B233 noch eine wichtigere Nord-Süd-Verbindung auch für lange Fahrten.

Treibstoff bezog der damalige Tankstellenbetreiber von einem Mineralölhändler aus Hamm, für dessen Lieferungen er eine Sicherheitsleistung erbringen musste: das Gebäude auf dem Erbpachtgrundstück an der Kamener Straße 125. Eines Tages blieben Rechnungen unbezahlt, das Pfand musste eingelöst werden. Und ein Geschäftsmann aus Hamm kam in den Besitz eines Hauses in Königsborn, mit dem er eigentlich gar nichts anzufangen wusste.

Schlafplätze für Obdachlose im ehemaligen Nachtclub „Mirabelle“

Architekt Wilhelm Ehrenberg und Caritas-Chef Ralf Plogmann wollen den früheren Club Mirabelle in Königsborn in eine Übernachtungsstätte für wohnungslose Männer umbauen. © Udo Hennes

Nach dem Ende der Nachtclub-Ära haben sich die Söhne des Hammers entschieden, die Immobilie einem sozialen Zweck zuzuführen: Die Caritas übernimmt von ihnen den Erbpachtvertrag, ohne einen Wertausgleich für das Haus zahlen zu müssen. Allerdings trägt sie künftig den zu entrichtenden Pachtzins für das Grundstück.

Dass die künftige Übernachtungsstätte schräg gegenüber von der neuen Notunterkunft liegen wird, die die Stadt gerade plant, ist ein Zufall. Eine gewisse Durchlässigkeit zwischen Schlafstätte, Trainingswohnungen und den städtischen Sozialwohnungen mag aber möglich werden. Kooperationen zwischen der Caritas und den Sozialbehörden gibt es ohnehin.

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Soziales
Lieber draußen als in der Übernachtungsstelle: Wie Günni im Winter auf der Straße lebt