So schnell wie Christoph Tetzner hat noch kein Ratsmitglied in Unna eine Fraktion verlassen. Nach Kritik von mehreren Seiten erklärt er nun seine Beweggründe für den Bruch mit „Wir für Unna“.

Unna

, 20.10.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der alte Stadtrat hat über eine lange Wahlzeit von sechs Jahren hinweg erhebliche Verschleißerscheinungen erlitten. Neun der 52 Ratsmitglieder saßen zum Schluss als Fraktionslose in dem Gremium. Hoffnungen, dass der neue Stadtrat erst einmal mit einer neuen Stabilität gesegnet sein könnte, hielten nach der Neuwahl gerade einmal anderthalb Wochen.

Christoph Tetzners Bruch mit dem von ihm mitgegründeten Verein „Wir für Unna“ knüpft nahtlos an die Zerwürfnisse der zurückliegenden Jahre an und stellt dabei einen neuen Rekord auf: Erstmals nimmt ein Stadtrat Abweichungen vom Wahlergebnis an, bevor er überhaupt zum ersten Mal zusammengetreten ist. „Wir für Unna“ wird die Fraktion im Stadtrat nur mit drei statt vier Mitgliedern gründen können. Dafür bekommen die laut Wahlergebnis nur mit einem Kopf im Rat vertretenen Linken durch Tetzner Zuwachs und Fraktionsstatus.

Jetzt lesen

Tetzners Aus- und Übertritt kam zu einem Zeitpunkt und mit einer Geschwindigkeit, die den oftmals polarisierenden Mittvierziger in ein schlechtes Licht gerückt haben. Kritik erfuhr er danach nicht nur von seinen ehemaligen Mitstreiterinnen bei der WfU. Auch Klaus Göldner, der seine Freie Liste einst selbst als Abspaltung von der CDU ins Leben gerufen hat und danach mehrere Christdemokraten aufgenommen hat, schaltete sich in die Diskussion ein, um Tetzner „Fraktions-Hopping“ vorzuwerfen. „Wir für Unna“ lässt derweil prüfen, ob Tetzner überhaupt einen gültigen Wohnsitz in Unna hat, der Voraussetzung für den Sitz im Rat ist.

Tetzner gibt seine Zurückhaltung auf

Ungewohnt still indes war: Christoph Tetzner. Über Wochen nahm er die Diskussion um seine Person mit ungewohnter Zurückhaltung auf. Jetzt aber scheint seine Geduld doch ein Ende zu finden.

Jetzt lesen

Tetzner legt die Gründe dar, die ihn zum Austritt bei der WfU bewegt haben. Es ist eine regelrechte Abrechnung, vor allem mit seinen bisherigen Mitstreiterinnen Ingrid Kroll, Margarethe Strathoff und Bärbel Risadelli, die nun ohne Tetzner die Ratsfraktion von „Wir für Unna“ begründen. Das Verhältnis zu ihnen scheint unheilbar erschüttert. Tetzners Zorn lässt sogar frühere Feindschaften in einem anderen Licht erscheinen.

Verständnis für die SPD

„Ich weiß jetzt, warum die SPD froh war, die drei los zu werden“, erklärt Tetzner. Und mit Blick auf die Spannungen bei den Sozialdemokraten, die einen wesentlichen Teil der Gründungsgeschichte von „Wir für Unna“ ausgemacht haben, rehabilitiert Tetzner sogar den oft kritisierten damaligen SPD-Fraktionschef Volker König: „Volker König hat recht gehabt. Er hat es nur nicht so geschickt angestellt.“

Inzwischen drückt Tetzner sogar Verständnis für die Probleme aus, die der frühere SPD-Fraktionschef Volker König (im Bild mit Bärbel Risadelli) erkennbar mit den Mitgliedern der künftigen WfU-Fraktion hatte.

Inzwischen drückt Tetzner sogar Verständnis für die Probleme aus, die der frühere SPD-Fraktionschef Volker König (im Bild mit Bärbel Risadelli) erkennbar mit den Mitgliedern der künftigen WfU-Fraktion hatte. © Marcel Drawe

Offensichtlich hat es zwischen Tetzner und seinen bisherigen Kolleginnen schon seit geraumer Zeit immer wieder Unstimmigkeiten gegeben, die Tetzner lange hingenommen hat, um den Wahlkampf und das gemeinsame Ziel, in den Stadtrat einzuziehen, nicht zu gefährden. Doch am Ende sei es einfach zu viel gewesen.

Ein Mix aus Chaos und Alleingängen

Was Tetzner seinen Mitstreiterinnen vorwirft, ist dementsprechend nicht ein großer Vorfall, sondern eine lange Liste von Einzelfällen. So habe er zunächst eigentlich nur auf einem eher ungünstigen Listenplatz 5 oder 6 antreten wollen, um seine politische Arbeit im Stadtrat einstellen und in die zweite Reihe treten zu können. Dann aber habe man ihm nach einer Abstimmung in Tetzners Abwesenheit mitgeteilt, dass er auf Platz 3 stehe. Später allerdings will Tetzner aus dem Rathaus erfahren haben, dass die WfU versucht haben soll, die bereits eingereichte und genehmigte Reserveliste für die Wahl noch einmal zu ändern, um ihn aus dem Rat zu halten. Auch aus einer WhattsApp-Gruppe sei er einmal ohne Vorwarnung entfernt und dann wieder hinzugefügt worden.

Ein Bild aus vergangenen Zeiten: Christoph Tetzner, Margarethe Strathoff, Matthias Töpfer und Katharina Suttrop posieren nach der WfU-Gründung Anfang 2019 vor dem Friedensstein in der Bürgerhalle des Rathauses.

Ein Bild aus vergangenen Zeiten: Christoph Tetzner, Margarethe Strathoff, Matthias Töpfer und Katharina Suttrop posieren nach der WfU-Gründung Anfang 2019 vor dem Friedensstein in der Bürgerhalle des Rathauses. © Privat

Zweifel an Krolls Bürgermeisterkandidatur

Die Bürgermeisterkandidatur von Ingrid Kroll habe er ebenfalls kritisch gesehen: „Ich war der Meinung, dass wir lieber ohne Bürgermeisterkandidaten antreten sollten als mit einem schlechten“, sagt Tetzner. Auch das Zustandekommen der Kandidatur sieht Tetzner kritisch. Das Ergebnis einer Online-Abfrage im Verein sei zunächst auf ein Patt hinausgelaufen, bevor zwei nach Fristende eingegangene E-Mails den Ausschlag für Krolls Kandidatur gegeben hätten.

Nicht Wasser predigen und Wein trinken

Tetzner will sich zudem für ein Alkoholverbot im Wahlkampf ausgesprochen haben und davor gewarnt haben, die Trinkerszene am Rathaus zum Thema zu machen. „Ich kann doch nicht selbst bei Alimentari die Sektgläser heben und dann auf so etwas schimpfen. Deswegen habe ich ganz klar davor gewarnt, dass das für uns zur Bombe werden kann, und schließlich recht behalten.“ Anträge und öffentliche Stellungnahmen seien mehrfach ohne seine Beteiligung auf den Weg gebracht worden.

Jetzt lesen

Die designierte WfU-Fraktionsvorsitzende Ingrid Kroll hat eine andere Sicht auf die Situation. Streit mit Christoph Tetzner habe es nicht gegeben. Seine Beweggründe für den Austritt seien ihr unbekannt und Tetzner habe sich diesbezüglich auch nicht erklärt. „Wir wüssten es ja selber gerne. Denn es vergeht kein Tag, an dem uns nicht der Bürger fragt, was mit Tetzner ist.“

Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass der Vorstand von „Wir für Unna“ durchaus wissen müsste, was Tetzner zum Austritt motiviert hat. Bereits am 22. September antwortete Tetzner über den E-Mail-Verteiler von „Wir für Unna“ auf ein Schreiben Margarethe Strathoffs, das ihn erkennbar aufgebracht haben muss. In einem Text, der mehr als zwei DIN-A4-Seiten gefüllt hätte, geht Tetzner auf eine Reihe von Vorhaltungen ein. Er kommt zu dem Schluss, dass er für eine Zusammenarbeit mit „Wir für Unna“ keine Grundlage mehr sehe. Am Ende sichert er in Bezug auf den Schriftwechsel Vertraulichkeit zu und er bittet die Vereinsmitglieder, es ebenso zu halten.

Jetzt lesen

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Pandemie
„Schlimmer als der erste Lockdown“ – Königsborner Café setzt auf Bestellungen
Meistgelesen