Unnas Innenstadt sperren für Autos: Wäre es eine Zumutung oder ein Gewinn an Attraktivität? Die Frage mag schwer zu beantworten sein. Gestellt wird sie nun aber öfters.

Unna

, 11.03.2020, 14:28 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie weit die Vision einer autofreien oder wenigstens autoarmen Innenstadt von der Wirklichkeit entfernt ist, zeigte sich bei einem Informationsrundgang in Unna deutlich. Etliche Autos waren dort geparkt, wo nicht einmal ein Halten zulässig ist. Sie blockierten Gehwege und die Fahrspuren anderer Autos. Und obwohl das Parkplatzangebot augenscheinlich mehr als ausgelastet war, drehten einige Autofahrer gleich mehrere Ehrenrunden im Viertel an der Gerhart-Hauptmann-Straße, um dies noch einmal mehrfach zu überprüfen.

Fünf Autos sind einfach falsch geparkt, eines zudem noch auf blamable Weise schlecht: Beim Rundgang durch die Innenstadtquartiere bekamen die Gäste von ADFC und Volkshochschule Unna immer wieder Gründe für ein Kopfschütteln.

Fünf Autos sind einfach falsch geparkt, eines zudem noch auf blamable Weise schlecht: Beim Rundgang durch die Innenstadtquartiere bekamen die Gäste von ADFC und Volkshochschule Unna immer wieder Gründe für ein Kopfschütteln. © Marcel Drawe

Diese „Parksuchverkehre“ könnte Unna sich durchaus sparen, meint Helmut Papenberg vom ADFC in Unna. „Wenn man glaubt, dass man in einem Viertel einen Parkplatz finden könnte, fährt man auch hinein, um ihn zu suchen. Und um dann seine Runden zu drehen“, beschrieb der Fahrradfachmann das, was seine Gäste selbst beobachten konnten.

ADFC und Volkshochschule hatten für den vergangenen Dienstag zu einem Rundgang durch die Innenstadtquartiere rund um Gerhart-Hauptmann-Straße und Burgstraße eingeladen, um im Anschluss mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Mit Verkehrsplaner Gernot Steinberg hatte die Veranstaltung einen kundigen Fachmann als Begleiter gewonnen. Steinbergs „Planersocietät“ hatte zuletzt etwa Unnas Parkraumkonzept erstellt.

Verkehrsplaner Gernot Steinberg hält eine Aufgabe von Parkplätzen in der Innenstadt für denkbar. Das Angebot im Ganzen sei gut genug; Tiefgaragen und Parkhäuser könnten den unschönen Freiluftparkplatz an der Schulstraße ersetzen.

Verkehrsplaner Gernot Steinberg hält eine Aufgabe von Parkplätzen in der Innenstadt für denkbar. Das Angebot im Ganzen sei gut genug; Tiefgaragen und Parkhäuser könnten den unschönen Freiluftparkplatz an der Schulstraße ersetzen. © Marcel Drawe

Steinberg teilt die Einschätzung, dass das Parken und Parkplatzsuchen in einigen Vierteln der Altstadt entbehrlich wäre. Belegt werde dies dadurch, dass einige der Parkplätze entbehrlich wären. Der Parkplatz an der Schulstraße im Rücken der Unnaer Fußgängerzone etwa bietet gerade einmal 43 Stellflächen, die meist belegt sind und viel unnötigen, weil vergeblichen Suchverkehr anziehen. Etwa hundert Meter weiter aber lägen gleich mehrere Tiefgaragen und Parkhäuser, die noch genügend freie Kapazitäten hätten, um die Funktion dieses Platzes sicher zu übernehmen.

Wo es keinen Parkplatz gibt, gibt es auch keine vergebliche Suche

Den Parkplatz an der Schulstraße aufzugeben und eine kleine Grünanlage anzulegen, würde Unnas Innenstadt attraktiver und ruhiger machen, ohne dem Autofahrer wirkliche Härten abzuverlangen, folgert ADFC-Mann Papenberg. Davon hätten alle etwas: die Bewohner der Innenstadt genauso wie die Besucher.

Bemerkenswert an der Position des Fahrradclubs ist, dass er in der Frage einer autoarmen Innenstadt ungewöhnlich viel Rücksicht auf die Belange des Autoverkehrs nimmt. Steht der ADFC allgemein im Ruf, Lobbyarbeit für den Radverkehr zu machen und die Autofahrer dem ADAC zu überlassen, so zeigt die Ortsgruppe mit ihrer Vision einer autoarmen Innenstadt auch auf, wo deren Grenzen liegen.

Der ADFC hat auch ein Herz für Autofahrer

Zufahrten zu großen Tiefgaragen und Parkhäusern etwa müssten frei bleiben. Einsatzfahrzeuge von Feuerwehr und Rettungsdienst müssten ohne Hindernisse zu jedem Einsatzort kommen. Behinderte müssen mit Fahrzeugen möglichst nah ans Ziel gelangen. Legt man all diese Einschränkungen auf einen Stadtplan der Innenstadt, wird auch dem ADFC klar, dass man über einige Straßen gar nicht reden muss, wenn es um Fahrverbote für Autos geht. Zwei Quartiere allerdings sind für den ADFC interessant.

Aus dem Platz vor der Burg könnte sich mehr machen lassen, wenn er nicht als Parkplatz genutzt würde. Dass dies noch geschieht, fand bei den Teilnehmern des Stadtrundgangs wenig Verständnis, hatte die Sparkasse doch vor einigen Jahren schon Teile des nahen Stadtgartens in eine Parkpalette verwandelt.

Aus dem Platz vor der Burg könnte sich mehr machen lassen, wenn er nicht als Parkplatz genutzt würde. Dass dies noch geschieht, fand bei den Teilnehmern des Stadtrundgangs wenig Verständnis, hatte die Sparkasse doch vor einigen Jahren schon Teile des nahen Stadtgartens in eine Parkpalette verwandelt. © Marcel Drawe

Neben dem Umfeld von Gerhart-Hauptmann-, Schul- und Klosterstraße ist es das Burgviertel. Auch dort macht Papenberg einen Platz aus, dessen Umgestaltung dem Viertel mehr Ruhe und neue Reize geben könnte. Es ist der Vorplatz der alten Burg, der trotz der neuen Parkpalette im Stadtgarten weiterhin als Kundenparkplatz der Sparkasse genutzt wird. Unna könne gewinnen, wenn nach dem Umbau des Vorplatzes am nahen Morgentor auch diese Fläche in den Fokus genommen würde.

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Ob dies geschieht, bleibt natürlich abzuwarten. Die Informations- und Diskussionsveranstaltung von ADFC und Volkshochschule diente dazu, das Thema auf die Tagesordnung zu bringen. Dabei sind die Radfahrer keinesfalls allein unterwegs, was diese Idee angeht.

Auch die SPD diskutiert über die Mobilität der Zukunft

Auch die SPD zeigte in den zurückliegenden Monaten Ansätze, die freie Zufahrt in die Innenstadt kritischer zu betrachten. Beim Auftakt der Reihe „Stadtgestalter“, in der die Sozialdemokraten mit dem Bürger zusammen ihr Wahlprogramm entwickeln wollen, ging es ebenfalls um die Mobilität der Zukunft und dabei um die Rolle des Autos in der Innenstadt. So überraschte es nicht, dass sich neben einigen Grünen auch sozialdemokratische Politiker dem Rundgang durch Unnas Innenstadtquartiere anschlossen.

Experte Gernot Steinberg wählte in der Abschlussdiskussion der Teilnehmer einen zeitgemäßen Weg, um den Gästen zu veranschaulichen, wie ungewöhnlich derlei Gedankenspiele noch sind: Wer in einer Internet-Suchmaschine die Schlagworte „Innenstadt autofrei Deutschland“ eingibt, bekomme kaum relevante Treffer. Angezeigt werden einige Texte, die über diese Idee philosophieren, aber umgesetzt ist sie nur an wenigen speziellen Orten, vor allem Meeresinseln.

Ein „autoarmes“ Quartier hingegen brauche nicht einmal ein Verbot, machte Mitorganisator Helmut Papenberg deutlich. Parkplätze in Parkanlagen zu verwandeln, würde die Suchverkehre deutlich abebben lassen.

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