Tiefere Anflüge und mehr Lärm für Unna erwartet die Schutzgemeinschaft Fluglärm von einer Verlegung der Landeschwelle am Flughafen Dortmund. Die Initiative hofft auf die Bremskraft der Bürokratie.

Unna

, 09.06.2020, 12:25 Uhr / Lesedauer: 4 min

Mit den Anträgen für die Verlegung einer sogenannten Landeschwelle geht das Tauziehen um den Ausbau des Dortmunder Flughafens in eine neue Runde – wieder einmal. Was rein technisch nur das Ablösen und den Neuauftrag eines großen Zebrastreifens auf dem Bauwerk der Start- und Landebahn bedeutet, erfordert ein korrektes Genehmigungsverfahren. Wie lange es dauern mag, ist völlig ungewiss.

Die Betreibergesellschaft des Dortmunder Flughafens plant ihre Expansion in kleinen Schritten. Kritiker von der Schutzgemeinschaft Fluglärm werfen ihr daher eine „Salamitaktik“ vor. Doch diese Taktik hat auch ein Gutes für die Flughafengegner: Je öfter der Flughafen bei der Behörde in Münster mit Einzelforderungen vorspricht, desto öfter werden auch bürokratische Vorgänge eröffnet. Deren Bremskraft dürfte der Lärmschutzbewegung nicht ungelegen kommen.

Die „Schwelle“ ist eher eine rechtliche

Nach dem jüngsten Vorstoß zur Verlängerung der Betriebszeiten geht es nun wieder um die Verlängerung der Piste. Wobei „Verlängerung“ diesmal gar keinen Ausbau des Asphaltbauwerkes meint, sondern nur eine bessere Ausnutzung der Bahn, die bereits in der Landschaft liegt.

Jetzt lesen

Auf die Frage, wie lang in Dortmund eigentlich die Start- und Landebahn ist, gibt es durchaus unterschiedliche Antworten. Das Bauwerk selbst misst von West nach Ost etwa 2120 Meter, was allerdings an beiden Enden je 60 Meter Sicherheitsbereich beinhaltet. Die offizielle Länge der Piste gibt der Flughafen mit 2000 Metern an. Allerdings sitzt beiderseits eine Landeschwelle, die den Punkt markiert, an dem ein Flugzeug frühestens aufsetzen darf. Sie nimmt der Landebahn weitere 300 Meter weg, sodass noch 1700 Meter verbleiben.

Flieger bis zu 20 Meter tiefer über den Köpfen der Unnaer

Der Flughafen will die Schwelle im Osten verlegen, was praktisch einer Auflösung gleich käme: Beim Anflug aus Osten würden die Flieger gleich nach dem Sicherheitsbereich aufsetzen dürfen, also 300 Meter näher an Unna.

2120 Meter lang ist das eigentliche Bauwerk der Start- und Landebahn am Dortmunder Flughafen. Davon abzuziehen sind aber zweimal 60 Meter für die Sicherheitspuffer an jedem Ende der Bahn und jeweils 300 Meter bis zur Landeschwelle. Piloten haben also ein Feld von 1700 mal 45 Metern, um ihre Maschine zum Aufsetzen und zum Stehen zu bringen.

2120 Meter lang ist das eigentliche Bauwerk der Start- und Landebahn am Dortmunder Flughafen. Davon abzuziehen sind aber zweimal 60 Meter für die Sicherheitspuffer an jedem Ende der Bahn und jeweils 300 Meter bis zur Landeschwelle. Piloten haben also ein Feld von 1700 mal 45 Metern, um ihre Maschine zum Aufsetzen und zum Stehen zu bringen. © www.blossey.eu

Rein rechnerisch bedeutet dies bei einem Sinkwinkel von fünf Prozent, dass die Flieger 15 Meter tiefer über Massen hinweg fliegen als bislang. Mario Krüger von der Schutzgemeinschaft Fluglärm schätzt, dass es einschließlich der Schwankungen beim Landeanflug auch mal 20 Meter sein könnten. „Konsequenz wird jedenfalls sein, dass im Bereich Massen auch eine Anpassung der Lärmschutzkorridore nötig wird“, sagt Krüger. Und das bedeutet für das nun bevorstehende Verfahren Arbeit.

Jetzt lesen

Wie umfangreich das Genehmigungsverfahren für die Verlegung der Landeschwelle wird, ist dabei noch gar nicht abzusehen. Selbst die zuständige Behörde mag dazu noch keine Prognose abgeben: Zunächst einmal würden die Anträge des Flughafens nun auf Vollständigkeit geprüft. Vermissen die Münsteraner noch Unterlagen, muss der Flughafen nacharbeiten. Liegt alles vor, geht es um die Frage, welchen Aufwand die Behörde betreiben muss, um das Anliegen des Flughafens zu prüfen, bevor es eine Entscheidung gibt.

Dauer des Verfahrens ist völlig ungewiss

Behördensprecher Ulrich Tückmantel hält selbst Prognosen für den Zeitraum bis zur Entscheidung über die Art des Verfahrens für schwierig. Dementsprechend gibt selbst der Flughafen in Dortmund keine ab. Wann danach die eigentliche Entscheidung für oder gegen die Landeschwellenverlegung erfolgen kann, ist noch weniger abzusehen.

Die Schutzgemeinschaft Fluglärm hat nichts dagegen, wenn das Verfahren dauert. Und so hofft sie auf das Instrument, das den größten Aufwand bedeutet. Im Planerdeutsch ist das ein sogenanntes Planfeststellungsverfahren.

Mario Krüger von der Schutzgemeinschaft Fluglärm sieht durchaus Gründe dafür, diesen Weg zu gehen. Im Grunde haben sie alle mit dem Fluggerät zu tun, das durch eine Verlängerung der effektiv nutzbaren Landebahnlänge nach Dortmund einschweben könnte.

Hauptkunde Wizz braucht Platz für seinen neuen Flieger

Als Anlass und Hintergrund für die Bestrebungen des Flughafens gelten Pläne der örtlichen Haupt-Airline Wizz, die eigene Flotte bis zum Jahr 2026 auf Flieger des Typs Airbus A321neo umzustellen. Seine technischen Zulassungsbedingungen erfordern zumindest bei Regen die 2000-Meter-Bahn, damit der Pilot überhaupt zur Landung annsetzen darf. Ohne die Landeschwellenverlegung wäre Dortmund für Wizz ein Schön-Wetter-Flughafen.

Im vergangenen Jahr hat die ungarische Fluglinie Wizz ihren ersten Airbus der Baureihe A321neo in Betrieb genommen. Bis 2026 soll die Flotte von Wizz vollständig aus Flugzeugen dieses Typs bestehen. Der Flughafen in Dortmund muss seine nutzbare Landestreckenlänge ausweiten, um diesem Flugzeug und damit dem Hauptkunden Wizz Landerecht zusichern zu können.

Im vergangenen Jahr hat die ungarische Fluglinie Wizz ihren ersten Airbus der Baureihe A321neo in Betrieb genommen. Bis 2026 soll die Flotte von Wizz vollständig aus Flugzeugen dieses Typs bestehen. Der Flughafen in Dortmund muss seine nutzbare Landestreckenlänge ausweiten, um diesem Flugzeug und damit dem Hauptkunden Wizz Landerecht zusichern zu können. © Airbus

Krüger führt für die Lärmschutzbewegung gleich mehrere Gründe an, die gegen diesen Flieger sprechen. Abgesehen davon, dass er eben nicht zu den konkret freigegebenen Baumustern gehört, lägen auch seine Platzkapazität für bis zu 230 Passagiere und eine Reichweite, die Dortmund zum Startort für Interkontinentalflüge machen könnte, über den Grenzen der bisherigen Genehmigungen.

Schutzgemeinschaft fordert umfangreiches Verfahren

Dass die Landeschwellen jeweils 300 Meter hinter den Sicherheitsbereichen der Poste liegen, sei im Planfeststellungsbeschluss zumindest als sinnvoll erwähnt. Zudem sieht Krüger auch das Argument einer höheren Planungssicherheit für den Flugbetrieb auf wackeligen Beinen stehen. Dafür reiche es schon, dass der Wind sich dreht: „Die Verlegung der Landeschwelle im Osten würde die Landebahn für bei Anflügen verlängern, die über Unna hinweg gegen die Hauptwindrichtung aus dem Westen erfolgen. Ein Drittel der Anflüge aber erfolgt aus dem Westen. Dort lassen die Hochspannungsleitungen auch keinen tieferen Anflug mehr zu.“

Der Flughafen indes findet für seinen Antrag auch Argumente, die über das der Planungssicherheit für die Fluglinien hinaus reichen. Sprecherin Davina Ungruhe bestätigt, dass die Verlegung der Landeschwelle dem Einsatz der neuen Airbus-Modelle zugute komme – und betont, dass diese sowohl leisere als auch sparsamere Triebwerke hätten. So sei der Ausbau des Flughafens ein Beitrag zum Schutz von Mensch, Klima und Umwelt.

Corona-Krise tut der Sache keinen Abbruch

Dass der Zeitpunkt für die Abgabe der Anträge nun in die Zeit der Corona-Pandemie fällt, die auch und gerade für die Luftfahrt eine schwere Krise bedeutet, spreche nicht gegen die Idee an sich, so der Flughafen. Die Anträge seien ja schon im vergangenen Jahr angekündigt worden und hätten nun eben den entsprechenden Reifegrad erreicht, um sie abzugeben. „Die Corona-Pandemie ändert nichts an der Notwendigkeit einer Schwellenverlegung“, merkt Flughafenchef Udo Mager an. „Im Gegenteil. Mit einer Verlegung der Landeschwelle sichert der Dortmund Airport seine Position als verlässliche Infrastruktureinrichtung des Luftverkehrs und stellt damit den Anschluss der Region an das Luftverkehrsnetz sicher. Die Infrastruktur des Flughafens bleibt damit auch in Zukunft leistungsfähig.“

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Hofmärkte in Unna
Regionalität und „Bio dort, wo es geht“ sind die Schwerpunkte auf dem Hofmarkt Stockum