Zwischen Machtergreifung und Wiederaufbau: So war das Leben in Massen im Zweiten Weltkrieg

dzBuch über Massens Chronik

Eine Lücke in der Chronik Massens wollte Jörg Nies mit seinem Buch „Wie war das bei uns?“ schließen. Darin beschreibt er das Leben in Massen zwischen der Machtergreifung der Nazis und dem Wiederaufbau.

von Sebastian Pähler

Massen

, 28.12.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

International steht Deutschland in dem Ruf, sein dunkelstes Kapitel so gut aufgearbeitet zu haben wie kaum eine zweite Nation. Dennoch klafft in den Historien vieler Traditionsunternehmen, Vereine und auch Orte zwischen den Jahren 1933 und 1945 eine auffällige Lücke. Der Aufgabe, diese für Massen verschwinden zu lassen, hat sich jetzt Jörg Nies gewidmet.

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Mit seinem Buch „Wie war das bei uns?“ will der Massener nicht anklagen oder aufdecken, sondern vor allem die Strukturen der Machtergreifung beschreiben. Auch blickt er auf die Zeit des Wiederaufbaus und zieht aus der Vergangenheit eine wichtige Botschaft für die Demokratie der Gegenwart.

Im Krieg zählt kein Menschenleben

In vielen Familien herrschte über die Zeit des Nationalsozialismus nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland großes Schweigen. Schuld, Scham, Trauer und Trauma machten die Menschen stumm. „Im Krieg zählt kein Menschenleben“, das war alles, was Jörg Nies‘ Großvater ihm berichtete. Dass es aber mehr über den Krieg und die Zeit davor und danach zu berichten gibt, war Nies klar.

2006 hatte er bereits ein Buch über die Chronik des heutigen Unnaer Stadtteils Massen geschrieben. Doch eben jene Zeit hatte er damals ausgespart. Ihm war klar, dass man sehr sensibel an das Thema herangehen müsse und dass es viel Arbeit werden würde.

Zwischen Machtergreifung und Wiederaufbau: So war das Leben in Massen im Zweiten Weltkrieg

"1. Mai 1933 Freibad Massen," so die ursprüngliche Bildunterschrift. Das Schild "Denkt an eure Jugend... stimmt mit Ja" im Hintergrund weist jedoch auf eine Volksabstimmung zu einem späteren Zeitpunkt hin. Der Ort hingegen ist unstrittig. © Aus dem Buch "Wie war das bei uns?"

Wofür ihm damals die Zeit fehlte, dafür fühlte er sich nun bereit. „Außerdem kommt langsam die Zeit, wo die Zeitzeugen weg sind“, so Nies. Im Stadt- und Kreisarchiv, beim Historischen Arbeitskreis Massen, in alten Zeitungen und entsprechender Literatur sowie in Schul- und Kirchenchroniken und durch zahlreiche persönliche Gespräche mit Zeitzeugen fand Nies die Quellen für sein Buch. So gelang es ihm, akribisch die Zeitspanne von 1933 bis 1947 nachzuzeichnen.

Brauner Anstrich der roten Gemeinde

32,57 Prozent der Stimmen erlangte die NSDAP bei den Kommunalwahlen am 12. März in der damals eigenständigen Gemeinde Massen. Das ist viel, aber auch deutlich weniger als die 40,86 Prozent der SPD. So hatte Hitlers Partei, anders als beispielsweise in Unna, wo sie die absolute Mehrheit erlangte, zunächst eindeutig verloren. Helfen sollte das in dieser Zeit freilich nicht. Politiker wurden genau so ausgetauscht oder verhaftet wie unliebsame Pfarrer, Vereine wurden aufgelöst oder gleichgeschaltet und selbst anfänglicher Widerstand gebrochen.

Zwischen Machtergreifung und Wiederaufbau: So war das Leben in Massen im Zweiten Weltkrieg

Auch das gab es in Massen: Unterführerfünfkampf der Hitler-Jugend im Massener Stadion. © aus dem Stadtarchiev

Das, so Nies, ist eines der Dinge, die man bedenken muss, wenn man über diese Zeit spricht. Man musste selbst kein Nazi sein, gegen das System kam man einfach nicht an. Als Beispiel dient ihm dafür etwa ein Bild vom Festzelt des Schützenvereins beim Schützenfest 1939 in Obermassen. Deutlich sind dort die Hakenkreuze zu sehen. „Mein erster Gedanke war: ‚Mann, das war ja ein Nazi-Verein!‘ Aber diese Denkweise ist falsch“, erläutert er. Denn auch hier waren die Vorstände ausgetauscht worden, um, wie überall, den Verein gleichzuschalten.

Buch Über Massens Chronik

Preis und Verfügbarkeit

Das Buch „Wie war das bei uns?“ über Massens Chronik kostet 9,50 Euro und ist bei Jörg Nies direkt verfügbar, in seinem Laden am Massener Hellweg 8. Es soll voraussichtlich auch in den Buchhandel kommen.

Im Verlauf des Buches schildert Nies mit vielen Bildern und Dokumenten die Entwicklung Massens und den Umgang mit der Erinnerung. Besonders fasziniert hat ihn bei der Recherche aber auch die Zeit des Wiederaufbaus. „Man glaubt immer, der Krieg war zu Ende und dann kam sofort das Wirtschaftswunder. Aber dazwischen liegen zwei, drei sehr harte Jahre.“ Aber in genau diese Zeit fallen eben auch die „Stunde Null“ und die Wurzeln unserer Gesellschaft, wie wir sie bis heute erleben.

Zwischen Machtergreifung und Wiederaufbau: So war das Leben in Massen im Zweiten Weltkrieg

Das Thema Freibad ist für viele Massener noch immer eine offene Wunde. Das es bereits in den 1930ern ein erstes Freibad in Massen gab, beweist diese Alltagsszene. © Aus dem Buch "Wie war das bei uns?"

Und hier knüpft auch das Fazit an: Die Demokratie ist ein großes Geschenk, aber wir müssen sie pflegen, indem wir uns beteiligen. Wählen ist da nur die einfachste Möglichkeit.

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