Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Mit Videos: Blutbuche am Verkehrsring in Unna ist gefällt

dzFällarbeiten

Seit Donnerstagmorgen klafft im Stadtbild eine große Lücke: Die imposante Blutbuche am Beethovenring ist Geschichte. Schritt für Schritt wurde der 200 Jahre alte Baum von Experten gefällt.

Unna

, 27.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Es ist dieses Knacken, das einem durch Mark und Bein geht. Es knirscht und knackt zugleich, es ist eine Lautekombination, die für Gänsehaut sorgt. Denn sie hört sich nicht natürlich an. Es ist, als könnte man hören, dass die Blutbuche, die an diesem Donnerstagmorgen gefällt wird, nicht freiwillig ihren Platz räumt. Ihr Lebensende kommt verfrüht, weil Pilzbefall und Sturmschäden sie so geschwächt haben, dass sie zur Gefahr wird.

Es ist der erste Tag nach Weihnachten. Um kurz vor acht ist es noch dunkel, nur sehr zögerlich kündigt sich die Wintersonne an. Doch am Beethovenring ist eine Stelle taghell: Im grellen Scheinwerferlicht eines riesigen Fällkranes steht sie, die Buche, die in wenigen Stunden Geschichte sein wird. Am Zaun hängt ein handgeschriebener Zettel: „Tschüss, arme Buche“. Jemand hat Grablichter auf die Mauer vor dem Baum gestellt.

Mit Videos: Blutbuche am Verkehrsring in Unna ist gefällt

Abschied von einem stadtbildprägenden Baum: Jemand hat diesen Zettel an dem Zaun vor der Buche aufgehangen. © Anna Gemünd

Der Beethovenring ist auf zwei Spuren gesperrt; die wenigen Menschen, die um diese Uhrzeit nach den Feiertagen bereits unterwegs sind, fahren im Schritttempo an dem Naturdenkmal vorbei. Plötzlich kreischt eine Motorsäge auf: Der Fällkran hat den ersten Ast in der Zange, nur wenige Sekunden dauert es, dann ist er vom Rest des Baumes abgetrennt. Mit geradezu spielerischer Leichtigkeit legt der Kranführer den mehrere Meter langen Ast im abgesperrten Bereich ab. Nach wenigen Minuten türmt sich hier ein Sammelsurium an unterschiedlich dicken Ästen auf, fein säuberlich gestapelt, wie Mikadostäbchen.

Johannes Lauterjung ist entspannt. Für den Fach-Agrarwirt sind solche Fällungen Alltag – wenn auch die Größe der Buche eine Besonderheit darstellt. „Dass wir Naturdenkmäler dieser Größe entfernen müssen, ist sehr selten. Wenn es einen im Jahr erwischt, ist dann schon viel“, erzählt Lauterjung. Die Firma Will GmbH, für die er arbeitet, kümmert sich im gesamten Kreisgebiet um die Pflege der Naturdenkmäler. „Für deren Erhalt wird sehr viel getan“, sagt er, „doch hier führte leider kein Weg daran vorbei, den Baum zu fällen. Das tut schon weh.“

Lauterjung redet nicht drumherum: „Schuld“ an dem Zustand des Baumes und letztlich an seiner Fällung sind die Menschen. „Buchen sind sehr anfällig für negative Umwelteinflüsse. Der Standort dieser Buche ist im Laufe der Jahrzehnte immer mehr versiegelt worden. Das hat sie anfälliger für Pilze gemacht und durch diesen Pilzbefall wurde der Baum geschwächt“, erklärt er. Sturm „Friederike“ im Januar 2018 hat dann nicht unbedingt geholfen.

Mit Videos: Blutbuche am Verkehrsring in Unna ist gefällt

Die Nähe des Baumes zum Beethovenring macht seine Fällung alternativlos: Zu groß ist die Gefahr, dass der marode Baum Äste auf die viel befahrene Fahrbahn verliert. © Anna Gemünd

Die Nähe zum viel befahrenen Verkehrsring gab den Ausschlag: Die Buche muss weg, zu groß die Gefahr, dass ihr brüchiges Holz auf Verkehrsteilnehmer stürzt. „In einem Park oder Waldgelände hätte sie vielleicht stehen bleiben können, wenn man den angerissenen Stämmling weiter gesichert hätte.“ Beim Zurückschneiden der Krone vor zwei Wochen vertiefte sich der Riss in dem dicken Ast, der genau auf den Verkehrsring ragt. Mit Spanngurten ist er mit dem Rest des Baumes verbunden.

Jetzt sorgt jener Stämmling an diesem Donnerstagmorgen für die größten Sorgenfalten der Baumexperten. Gegen 8.45 Uhr stocken die Arbeiten, die Experten beraten: Wie kann der angerissene Stämmling so entfernt werden, dass er keine Gefahr darstellt? Mit einem Hubkran fährt ein Baumexperte hinauf und sichert den maroden Ast durch einen weiteren Spanngurt.

Um kurz nach 9 Uhr sperrt die Polizei dann kurzfristig den gesamten Kreuzungsbereich, zu groß ist die Gefahr, dass der dicke Stämmling trotz aller Sicherungsmaßnahmen unkontrolliert auf die Fahrbahn stürzt. Die Spannung ist greifbar, alle Anwesenden schauen gebannt nach oben. Wie wird sich der angerissene Ast verhalten?

Doch alle Sicherungsmaßnahmen greifen: Der Fällkran greift den dicken Stämmling, hebt ihn an, es knirscht und mit einem deutlich spürbaren „Rumms“ liegt der Ast auf dem Boden. „Das waren jetzt gut zwei Tonnen Gewicht, die da gerade gefallen sind“, sagt Johannes Lauterjung. Zwei Tonnen – ein Kleinwagen wiegt die Hälfte davon.

Dann geht alles ganz schnell weiter: Um 9.46 Uhr ist die gesamte Krone des einst imposanten Baumes abgetragen. Zurück bleibt ein dicker, kahler Baumstamm. Lange Ruhe hat er nicht: In Etappen wird die Blutbuche zersägt, Stück für Stück wird sie kleiner – was jahrhundertelang gen Himmel wuchs, fällt binnen Sekunden auf die Erde.

Wer auf verwertbares Brennholz gehofft hatte, dem nimmt der riesige Häcksler jede Illusion: Mit einer Greifgabel schiebt er Äste und ganze Stämme von der Straße in sein Mahlwerk. Und da ist es wieder, ein Geräusch, das durch Mark und Bein geht: Mit ohrenbetäubendem Gekreische wird aus 200 Jahre altem Buchenholz binnen Sekunden Sägemehl, transportierfertig in einen Lastwagen abgefüllt.

Zurück bleibt ein Baumstumpf – ein stummes Mahnmal inmitten einer Betonwüste.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Die Fällung der Blutbuche am Unnaer Verkehrsring

Am 27. Dezember hat die letzte Stunde der 200 Jahre alten Blutbuche am Beethovenring geschlagen: Ein riesiger Fällkran sägt den imposanten Baum schrittweise ab.
27.12.2018
/
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd
© Gemünd

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Die Fällung der Blutbuche am Unnaer Verkehrsring Teil 2

Nachdem die imposante Krone des 200 Jahre alten Baumes abgetragen wurde, wird der Baumstamm in Etappen zerlegt. Ein Häcksler schreddert die Äste und Zweige binnen Sekunden zu Sägemehl.
27.12.2018
/
200 Jahre Natur hängen hier am Haken...© Marcel Drawe
... die Äste und Zweige liegen zu diesem Zeitpunkt längst am Boden.© Marcel Drawe
Imposant türmen sich die einzelnen Stammteile auf der gesperrten Fahrbahn des Beethovenrings.© Marcel Drawe
Im Größenvergleich mit den Arbeitern wird das Ausmaß des Baumes deutlich.© Marcel Drawe
Während der Fällarbeiten ist die Obere Husemannstraße teilweise gesperrt.© Marcel Drawe
Einzelne Äste sägen die Fachleute mit der Motorsäge ab.© Marcel Drawe
Licht ist es auf dem Vorplatz des Werkstattgebäudes geworden, wo bis zum 27. Dezember noch die 200 Jahre alte Buche stand.© Marcel Drawe
Die Äste und Zweige werden noch vor Ort gehäckselt.© Marcel Drawe
Der Häcksler zerlegt die Äste binnen Sekunden zu Sägemehl.© Marcel Drawe
Mit einem Greifarm schiebt der Häcksler die Äste in das Mahlwerk.© Gemünd
Nach wenigen Minuten ist von der Buche nicht mehr viel zu sehen.© Gemünd
Mit einem Laubbläser entfernen die Arbeiter die letzten Reste der Buchenäste.© Gemünd
Zurück bleibt ein im Durchmesser 1,60 Meter breiter Baumstumpf.© Gemünd
Die Trauer um die Buche ist groß: Jemand hat einen "Abschiedsbrief" am Zaun aufgehangen.© Gemünd

Lesen Sie jetzt

Hellweger Anzeiger Naturdenkmal

Mit Kommentar: Die Blutbuche am Unnaer Ring muss gefällt werden

Aus Sorge wird Gewissheit: Die mächtige Buche am Beethovenring wird am Abend des 27. Dezember nicht mehr da sein. Der Kreis Unna muss den Baum fällen lassen. Von Thomas Raulf

Lesen Sie jetzt