Bejubelt bei der Weltausstellung in Brüssel: Geschichte von Ceresit im Stadtarchiv

dzFirma Ceresit

Die Firma Ceresit gibt es nicht mehr in Unna. Ihre spannende Geschichte aber bleibt erhalten: Im Stadtarchiv wird sie vielleicht sogar Gegenstand der Forschung.

Unna

, 05.01.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nach 112 erfolgreichen Jahren ist die Geschichte der Bautechnikfirma Ceresit in Unna zum Jahreswechsel zu Ende gegangen. Das Unternehmen war verkauft worden, die Produktion am Standort Hansastraße wurde Zug um Zug eingestellt.

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Nicht ohne Wehmut hat der Unnaer Werner Welter nun dazu beigetragen, dass die spannende Geschichte des einst weltweit erfolgreichen Unternehmens für die Nachwelt erhalten bleibt.

Er war bis 2005 Leiter des Produktmanagements und hat eine Sammlung zusammengetragen, nach der sich Wirtschaftshistoriker die Finger lecken. Sie hat einen sicheren Platz im Unnaer Stadtarchiv gefunden.

Bejubelt bei der Weltausstellung in Brüssel: Geschichte von Ceresit im Stadtarchiv

Werner Welter hat die Geschichte seines früheren Arbeitgebers zusammengetragen. Das Bild zeigt eines von vielen Gebäuden rund um die Welt, die als Referenzobjekte dienten: Das Nouvel Entrepot in Brüssel hat einen Zementfußboden, wasserdicht dank „Wunnerscher Bitumen Emulsion“. © Raulf

Spannend für Wirtschaftshistoriker

Das Archiv hat im Zentrum für Information und Bildung begrenzte Räumlichkeiten. Aber: „Für solch einen Schatz muss man Platz schaffen“, sagt der Stadtarchivar Dr. Frank Ahland. Er nahm die umfangreiche Sammlung von Fotos, Prospekten und alten Dokumenten nun gern entgegen.

Und Ahland hatte bei der Archivierung sozusagen internationale Unterstützung: Jérémy Gaudais aus Frankreich, der im Rahmen eines binationalen Studiums seinen Master in Geschichte gemacht hat, arbeitete im Rahmen eines mehrmonatigen Praktikums für Ahland.

Er versah die teils über 100 Jahre alten Ceresit-Dokumente mit Daten und trug alles in Datenbanken ein. So wurde aus einer Sammlung ein Archivbestand, in dem auch Dinge gezielt gesucht und gefunden werden können – jederzeit abrufbar für jemanden, der damit arbeiten möchte. Er selbst könne sich vorstellen, dies zu tun. „Diese Quellen sind sehr interessant für Forscher, die sich mit der Wirtschaftsgeschichte im Ruhrgebiet beschäftigen“, erklärte der junge Historiker.

Bejubelt bei der Weltausstellung in Brüssel: Geschichte von Ceresit im Stadtarchiv

Jérémy Gaudais, Praktikant im Stadtarchiv, zeigt eine Urkunde des kaiserlichen Patentamts von 1908. Gegenstand: ein „Verfahren zur Herstellung wasserdichten Betons und Kalkmörtels“. © Raulf

Ceresit

Unternehmen mit Geschichte

  • Die Firma wurde 1905 in Datteln unter dem Namen „Dattelner Bitumenwerke“ gegründet und 1907 in „Wunnersche Bitumenwerke“ umbenannt. Unna wurde Produktionsstandort, wo über Jahrzehnte zahlreiche Produkte für den Baubedarf entwickelt und hergestellt wurden.
  • Erst 1961 bekam das Unternehmen den Namen seiner inzwischen weltbekannten Marke: Ceresit-Werke. So nannten viele Einheimische die Fabrik bis zuletzt, obwohl sich der Name in den 1980er-Jahren änderte: 1984 wurde Ceresit vom britischen Beecham-Konzern gekauft, ab 1986 gehörte es zu Henkel.
  • Eine Kennzahl aus dem Jahr 2004: 150 Mitarbeiter an der Hansastraße, Jahresproduktion 110.000 Tonnen.
  • 2009 strich Henkel einige Stellen, ein Jahr später scheiterte ein Versuch, Ceresit zu verkaufen, kurz darauf wurden 1,6 Millionen Euro in Modernisierung investiert.
  • 2016 übernahm der BASF-Konzern den Bautechnik-Hersteller, der Ende 2018 noch 110 Menschen beschäftigte.
  • Im Jahr 2019 endete die Produktion an der Hansastraße.

Gaudais sorgte überhaupt erst einmal dafür, dass das Material erhalten bleibt. Das Entmetallisieren ist dabei ein wichtiger Schritt: Heftklammern werden behutsam von Dokumenten entfernt, damit diese nicht von Rost zerfressen werden.

Auch aus Klarsichthüllen befreite der Praktikant Papiere, da an dem Kunststoff irgendwann Buchstaben kleben bleiben können. Dabei sollten solche Hüllen Dokumente eigentlich dauerhaft schützen, zum Beispiel vor Feuchtigkeit. Es ist beinahe schon Ironie: Eine Technik zum Schutz vor Feuchtigkeit bereitete einst den Weg zum Weltruhm für die Firma, um die es geht.

Eine Revolution im Bauhandwerk geht um die Welt

Im Jahre 1910 waren die Wunnerschen Bitumenwerke bereits seit drei Jahren in Unna in Betrieb. Für sein revolutionäres Produkt warb das Untnernehmen in jenem Jahr auf spektakuläre Weise: Bei der Weltausstellung in Brüssel war ein mehrere Meter hoher Pavillon zu bestaunen.

Das Bauwerk stand einen halben Meter tief im Wasser und wurde mit 60.000 Litern Wasser pro Stunde bespritzt. Besucher konnten sich beim Betreten überzeugen, dass die Wände von innen absolut trocken blieben. Grund war der von Ceresit hergestellte, wasserdichte Zementmörtel.

Der weltweite Siegeszug der Marke begann. Einige weltberühmte Gebäude wurden mit dem Wundermittel aus Unna abgedichtet, darunter das Empire State Building in New York. Selbst ein mehrere Hundert Meter langes Stück der Chinesischen Mauer soll dank Ceresit noch halten.

Bejubelt bei der Weltausstellung in Brüssel: Geschichte von Ceresit im Stadtarchiv

Ein Pavillon im Wasser bewies bei der Weltausstellung 1910 in Brüssel: Wer sein Gebäude mit Ceresit abdichtet, hält es trocken. © Raulf

Die Geschichte des Unternehmens ist in einem Buch nachzulesen, das der langjährige Mitarbeiter Welter 2014 zum Firmenjubiläum verfasst hat. Auch dieses Werk ist nun im Stadtarchiv.

Es berichtet von den Menschen, die Ceresit einst groß gemacht haben, und stellt auch den Bezug zwischen dem Unternehmen und seiner Heimatstadt Unna her, etwa zum Verwaltungssitz der Firma ab 1925: einer Villa an der früheren Kaiserstraße 32. Diese ist heute der Sitz der Baugesellschaft UKBS.

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