Unnas Bauern protestieren: So schlecht steht es um die heimische Landwirtschaft

dzGrüne Kreuze

Klimaschutzprogramm, Düngemittelverordnung, Agrarpaket: Die Gesetze für eine nachhaltigere Umwelt scheinen endlos – die daraus resultierenden Auflagen für Landwirte auch. Jetzt haben sie genug.

Unna

, 23.10.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Wir sind schuld am Insektensterben, wir sind schuld an Antibiotikaresistenzen und wir sind schuld am Tierleid“: So klingt es, wenn Tobias Clodt sich aufregt. Der Landwirt aus Lünern leidet unter den immer strengeren Agrar-Auflagen der Bundesregierung. Aus Protest hat er jetzt, wie viele Landwirte in Deutschland, ein grünes Kreuz auf seinem Hof aufgestellt. Es soll auf die angespannte Lage aufmerksam machen und zeigen: Politische Ideologie und landwirtschaftliche Praxis sind unvereinbar – zumindest aus Sicht der Bauern.

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„Im Prinzip wird ein ganzer Berufsstand an den Pranger gestellt“, ärgert sich Clodt. Der 41-Jährige Unnaer, der auf seinem Hof konventionelle Schweinehaltung betreibt, glaubt, dass die Landwirte unter Generalverdacht stehen. Während die Bevölkerung eine artgerechtere Tierhaltung, mehr Umweltbewusstsein und die Erweiterung von Bioprodukten fordere, seien die Bauern die Leidtragenden, deren Arbeit durch Auflagenflut und Verbote seitens der Regierung reglementiert wird – bis hin zu deutlichen wirtschaftlichen Einbußen.

Unnas Bauern protestieren: So schlecht steht es um die heimische Landwirtschaft

Viele Schweinchen auf wenig Platz – dennoch müssen bei der konventionellen Schweinehaltung Vorschriften eingehalten werden. © Marcel Drawe

Bauern fordern Planungssicherheit

Dabei seien die Bauern durchaus zur Veränderung bereit – wenn ihnen doch nur eine Planungssicherheit gegeben würde. Das ist nicht der Fall, meint Clodt: „Wenn ich jetzt für viel Geld meinen Hof nach aktuellen Richtlinen umbaue, gibt mir keiner die Garantie, dass diese Standards in fünf Jahren nicht überholt sind“, sagt er. Das Geld, das er in einen Stallumbau stecken könnte, investiert er lieber in Mietwohnungen: „Da kriege ich am Ende wenigstens was raus“, sagt er.

Das Agrarpaket der Bundesreigerung


Wozu Bauern künftig verpflichtet sind

  • Der Einsatz des Pflanzenschutzmittels Glyphosat soll bis 2020 um drei Viertel zurückgefahren werden. In „besonders schutzbedürftigen Gebieten“ sollen künftig bestimmte Insektizide gar nicht mehr angewendet werden dürfen. Das wäre auch im Vogelschutzgebiet Hellwegbörde der Fall.
  • Ein staatliches Tierwohllabel soll die Herkunft tierischer Produkte kennzeichnen. Dieses ist allerdings freiwillig.

Auch Landwirt Heiner Filthaut aus Hemmerde glaubt, dass sich die Umstellung seiner konventionellen Schweinehaltung auf einen ökologischen Betrieb nicht rentiere: „Der Absatzmarkt dafür ist viel zu klein“, sagt er. „Was bringt mir die ökologischste Produktion, wenn mir am Ende keiner die Ware abnimmt?“ Schließlich müssten Angebot und Nachfrage zueinander passen.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Aber ist die Nachfrage nach regionalen Bioprodukten nicht steigend? Sind Kunden nicht bereit, mehr für ihr Fleisch zu bezahlen, wenn sie nur wissen, dass es aus artgerechter Haltung stammt? Tobias Clodt kennt die Antwort: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke. Denn, so beschreibt er, spätestens beim Einkauf seien alle guten Vorsätze wieder vergessen: „Was der Konsument wirklich will, entscheidet sich vor der Ladentheke“. Und das sei letztendlich nicht das ökologisch erzeugte Biofleisch.

Das bestätigt auch eine Studie der Hochschule Osnabrück: Demnach zeigten sich die Verbraucher bei Umfragen dazu bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn es aus einer artgerechten Tierhaltung stammt. Beim tatsächlichen Kaufverhalten war laut Forschungsergebnissen aber eine deutliche Abweichung erkennbar: Der Kunde greift letztendlich doch zum preiswerteren Produkt – trotz aller vorherigen Beteuerungen.

„Was glauben Sie denn, für welches Fleisch sich die fünfköpfige Familie eines ehemaligen Zechenarbeiters entscheidet?“
TOBIAS CLODT, LANDWIRt

Breite Masse kann sich kein Biofleisch leisten

Für Clodt ist das nicht verwunderlich: „Was glauben Sie denn, für welches Fleisch sich die fünfköpfige Familie eines ehemaligen Zechenarbeiters entscheidet?“ Das Klientel, das zum Biofleisch von ausgewählten Hofläden greife, lasse sich laut Clodt bereits anhand der vorfahrenden Autos erkennen. Was er damit meint, ist klar: Vielverdiener können sich Biofleisch leisten, die breite Masse nicht.

Umso wichtiger sei es ihm, dass auch die konventionelle Landwirtschaft, die den größten Teil der Konsumenten bedient, unterstützt statt reglementiert wird. Denn auch diese Menschen wollen satt werden, und Clodt muss seine Familie ernähren können. Dafür setzt er ein stilles Zeichen – mit einem grünen Kreuz auf seinem Hof.

Unnas Bauern protestieren: So schlecht steht es um die heimische Landwirtschaft

Auch auf einem Feld am Schattweg an der Ortsgrenze zwischen Unna und Kamen steht ein grünes Kreuz eines Landwirtes, dass auf die Probleme in der Landwirtschaft hinweisen soll. © Dirk Becker

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