Die Fahrradautobahn durchs Ruhrgebiet wird in diesem Jahr länger. Der RS1-Abschnitt im Kreis Unna aber fährt den anderen Etappen hinterher. Erst 2026 soll hier der Bau beginnen.

Unna, Bergkamen, Kamen

, 08.02.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer das Erlebnis „Fahrradautobahn“ erfahren will, muss sich heute auf die Referenzstrecke zwischen Essen und Mühlheim begeben. Auf der Trasse der „Rheinischen Bahn“ sind die Ausbaustandards für den Radschnellweg Ruhr bereits umgesetzt. Sie ist eine Pilgerstrecke für ADFC-Gruppen und andere Radverkehrsinteressierte – was auch am Mangel an Alternativen liegt.

Auch die Fahrradlobbyisten aus Unna waren schon dort und haben einen fröhlich-zuversichtlichen Filmbeitrag für ihr „Drahtesel TV“ gedreht. Das war 2015. Und seitdem ist ist nicht viel passiert hinsichtlich des Radschnellweges, zumindest im Kreis Unna.

Der Imageträger wird zum Musterbeispiel deutscher Planungsbürokratie

Die Euphorie der Anfangszeit ist längst gewichen. War der RS1 nach der 2014 vorgelegten Machbarkeitskeitsstudie ein Imageträger, mit dem das Ruhrgebiet international in den Medien gefeiert wurde, so dürfen sich ausländische Journalisten inzwischen mit der Frage beschäftigen, warum es in Deutschland eigentlich so lange dauert, einen Radweg zu bauen.

Aus Sicht von Radverkehrsbefürwortern ist der Projektfortschritt viel zu langsam. Vor allem aber fällt er regional unterschiedlich aus. Im Kerngebiet des mittleren Ruhrgebietes beginnt in diesem Jahr auf mehreren Abschnitten der Streckenausbau. Für den Kreis Unna plant Straßen NRW derzeit mit einem Baubeginn im Jahr 2026.

Auf der RS1-Trasse werden 2020 nur Bäume und Vögel gezählt

Auf der aktuellen ADFC-Fahrradkarte für das östliche Ruhrgebiet ist der RS1 im Kreis Unna bereits eingezeichnet, aber mit dem Vermerk „geplant“ versehen. Aufgelegt wurde die Karte bei der Bielefelder Verlagsanstalt (BVA) auch schon im Jahr 2018. © BVA/Smulka

Rechtlich kommt der RS1 einer neuen Landesstraße gleich

Der Landesbetrieb hat die Zuständigkeit für den Bau, weil die neue Wegekategorie „Fahrradschnellweg“ einer Landesstraße gleichgestellt wird. Und auch das Planungsprozedere ist vergleichbar dem Bau einer Landstraße für den Kraftverkehr.

Anders als in den urbanen Teilen des Ruhrgebietes ist für den Bau des RS im Kreisgebiet zwischen Unna-Massen und Bergkamen-Rünthe ein Planfeststellungsverfahren notwendig und dafür zunächst eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Dabei geht es darum, zu ermitteln, wie schädlich der Bau eines Radweges für die Tier- und Pflanzenwelt ist. Dass die Verlagerung von Verkehren vom Verbrennungsmotor zum Pedalbetrieb auch den Ausstoß von Kohlendioxid verringert, bleibt bei dieser Umweltstudie übrigens außen vor.

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Im Mittelpunkt der Prüfung steht eine Trasse, die schon jetzt das Rückgrat des Radverkehrs zwischen Unna, Kamen, Bergkamen und Werne darstellt: Die alte Klöcknerbahn. Bis 1985 rollten auf dieser einspurigen Bahnstrecke Güterzüge durch den Kreis und weiter bis nach Hamm. Die flache, geradlinige und kreuzungsarme Trasse erlaubt dem Radler bereits heute ein zügiges Vorwärtskommen – obwohl der Weg hauptsächlich mit Dolomitsand befestigt ist, der doch etwas Energie schluckt.

Auf der RS1-Trasse werden 2020 nur Bäume und Vögel gezählt

Separate Radspuren in beide Richtungen, dazu noch Seitenstreifen für Fußgänger – für solche Standards wird eine mindestens 6,30 Meter breite Asphaltdecke benötigt. Im Kreis Unna ließe sie sich nur durch den Verlust etlicher Bäume erkaufen. © picture alliance / dpa

Das Problem der Trasse ist, dass sie gemessen an den Ausbaustandards für den RS1 nicht breit genug ist. Sie sehen zwei getrennte Fahrradspuren und Fußgängerstreifen vor. 6,30 Meter beträgt die Mindestbreite des Asphaltstreifens. Um sie zu gewährleisten, müssen Bäume fallen. Und diese werden jetzt gezählt.

Die Arbeiten an der Umweltverträglichkeitsstudie werden vermutlich das einzige sein, das für das Kreisgebiet Unnas 2020 in Sachen RS1 passiert. Beschleunigen lässt sich so eine Studie nur begrenzt.

Es liegt in ihrem Wesen, die vorhandene Natur über einen gewissen Zeitraum hinweg zu betrachten. Das soll einen vollständigen Überblick davon verschaffen, welches Maß an Natur durch eine Baumaßnahme beschädigt wird. Im Frühling dieses Jahres könnte es die ersten Vorab-Ergebnisse geben, den Schlussbericht später.

Infrage gestellt ist die RS1-Trasse auf der Klöcknerbahn nicht

Dass der RS1 davon verhindert würde, stehe übrigens nicht zu befürchten, beruhigt ein Sprecher von Straßen NRW. Auch die Untersuchung von Alternativtrassen ist eigentlich nur reine Formsache. „Die Klöcknerbahn ist im Grunde alternativlos“, sagt der Planer.

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Der Wert der Umweltverträglichkeitsprüfung liegt also letztlich im Erkenntnisgewinn und darin, dass man am Ende genau sagen kann, wieviele Biotopwertpunkte durch Ausgleichsmaßnehmen gut gemacht werden müssen. Vor allem aber ist das Verfahren halt vorgeschrieben. Und mit der Umweltverträglichkeitsprüfung ist es noch nicht abgeschlossen.

Im Gegenteil: Es fängt nicht einmal damit an. Während die Umweltverträglichkeitsstudie als vorgezogene Expertise Ende 2020 abgeschlossen sein könnte, ist das Planfeststellungsverfahren bei der Bezirksregierung Arnsberg für die Jahre 2023 bis 2025 angemeldet. Zwei bis zweieinhalb Jahre rechnet Straßen NRW für ein Planfeststellungsverfahren. Zudem müssen noch die eigentlichen Arbeiten geplant und vorbereitet werden.

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