Für Autobesitzer ist es eine Horrorvorstellung: Sie kommen zum Parkplatz und ihr Fahrzeug ist weg. Nicht abgeschleppt, sondern gestohlen. „Keyless go“-Systeme machen es Dieben leicht.

Unna

, 05.09.2019, 15:59 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mitte August wurde in Bielefeld eine Bande von Autodieben zu Haftstrafen verurteilt, weil ihre Mitglieder 30 Autos gestohlen hatten – zwei davon in Unna. Genutzt hatten sie jeweils die Tatsache, dass die Autos über „Keyless go“-Systeme – also schlüssellose Schließsysteme – verfügten.

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Für die Autobesitzer ist es verlockend: Sie brauchen sich ihrem Auto nur zu nähern, schon öffnet es sich. Ein Schlüssel wird auch im Innern nicht gebraucht, ein Druck auf den Start-Stop-Knopf genügt. Und wenn sie das Auto wieder verlassen, ist es ebenso automatisch wieder verschlossen.

Die Sicherheit, die etwa ein akustisches Signal suggeriert, täuscht aber: Autodiebe haben es leicht, das System zu knacken. Der Weg zum erfolgreichen Diebstahl führt dabei über eine Verlängerung des Funksignals.

Autodiebe verlängern Funksignal: Schlüssellose Systeme bergen hohes Risiko

Die Grafik zeigt, wie einfach ein Diebstahl mit dem „Keyless go“-Systems auch dann ist, wenn das Fahrzeug mehrere hundert Meter weit von der Keycard entfernt steht. © pa/obs/ADAC

Das Prinzip ist einfach: Aus Bauteilen, die laut ADAC insgesamt nur rund 100 Euro kosten und in jedem Elektronikladen zu bekommen sind, bauen die Täter einen Verstärker. Den nutzen sie, um ein vorhandenes Signal zu verlängern.

Kommt der Autobesitzer also zum Beispiel nach Hause und legt seine Schlüsselkarte dort im Flur ab, kann ein Täter dieses Signal aufspüren und mit dem selbst gebauten Gerät verstärken. Ein zweiter Täter, der sich am Auto befindet, kann dieses dann problemlos öffnen und starten. Ist das Auto einmal in Betrieb, kann es gefahren werden, bis der Tank leer ist – und damit oft weite Strecken zurücklegen.

Autodiebe verlängern Funksignal: Schlüssellose Systeme bergen hohes Risiko

Auch im Wageninnern wird kein Schlüssel benötigt: Ein Druck auf den Start-Stop-Knopf genügt, um das Auto zu starten. © picture alliance/dpa

Die Kreispolizeibehörde hat schon in der Vergangenheit vor dem System gewarnt und verweist auf die Internetseite www.polizei-beratung.de. Dort finden Autobesitzer weitere Informationen.

So schützen Sie sich vor Diebstählen
Schließsysteme

Drei verschiedene Varianten

Es gibt drei verschiedene Varianten, wie Autofahrer ihre Fahrzeuge öffnen können:
  • Schlüssel: Mit einem herkömmlichen Schlüssel werden sowohl die Türen wie auch das Zündschloss entriegelt.
  • Fernbedienung: Viele Schlüssel haben inzwischen auch eine Fernbedienung. Auf Tastendruck öffnet sich die Zentralverriegelung. Für das Zündschloss ist meist der herkömmliche Schlüssel erforderlich.
  • Keyless go: Ohne dass eine Taste gedrückt werden muss, öffnet sich das Auto, sobald der Schlüssel oder die Karte in der Nähe ist. Für fast alle Fahrzeuge braucht man auch keinen Schlüssel, um die Zündung zu entriegeln. Ein Druck auf den Start-Stopp-Knopf genügt.

Wer sich und sein Fahrzeug – das System gibt es auch bei Motorrädern – schützen will, sollte folgende Ratschläge beherzigen:

  • Der Schlüssel oder die Karte zum Auto sollte nach dem Abstellen des Fahrzeuges grundsätzlich in eine funksignalabschirmende Hülle oder Dose gesteckt werden. Die Automobilhersteller bieten solche Hüllen an. Ob die Hüllen funktionieren, zeigt ein Selbsttest. Öffnet sich das Fahrzeug auch dann nicht, wenn der Schlüssel gesichert ist und man selbst nah am Auto steht, haben Diebe auch mit der Verstärkermethode keine Chance.
  • Keks- oder Tabakdosen sind nicht geeignet, da sie meist nicht funkdicht sind. Auch hier kann der Selbsttest Klarheit geben.
  • Es reicht nicht, die Karte oder den Schlüssel mit Alufolie zu umwickeln. Ein kleiner Riss des dünnen Materials deaktiviert den vermeintlichen Schutz.
  • Wer sein Auto verlässt, sollte auf Personen mit Aktenkoffern achten, die sich in unmittelbarer Nähe befinden. In den Koffern könnte sich ein solcher Verstärker befinden.
  • Bei einigen Fahrzeugen kann das System des schlüssellosen Zugriffs auch deaktiviert werden. Der Chip kann dann wie eine Fernbedienung genutzt werden.

Das Fazit der Polizei ist ernüchternd: „Schlüssellose Schließsysteme sind auf dem derzeitigen technischen Stand aus kriminalpräventiver Sicht ein Sicherheitsrisiko.“

Zahl der Diebstähle gesunken

Wie viele Autodiebstähle in Unna mit der Methode der Funkverlängerung durchgeführt werden, weiß die Kreispolizeibehörde nicht. „Zahlen zu Diebstählen von Pkw mit Keyless-Go-System werden statistisch bei uns nicht erhoben“, erklärt Polizeisprecherin Vera Howanietz. Am Tatort lasse sich nicht feststellen, ob ein solches System bei dem Diebstahl ausgenutzt worden sei.

Einen Trost aber hat Howanietz: Die Zahl der Autodiebstähle ist sowohl in der Stadt wie auch im Kreis Unna zuletzt gesunken. In der Stadt Unna gab es im ersten Halbjahr 2019 sechs solcher Taten (2018: 12), im Kreisgebiet wurden in den ersten sechs Monaten diese Jahres 26 Autodiebstähle gezählt (2018: 61).

ADAC nimmt Hersteller in die Pflicht

Wie die Polizei kommt aber auch der ADAC nach einer Untersuchung an 300 Modellen zu dem Schluss, dass Fahrzeuge mit „Keyless go“ für Diebe leichte Beute sind. Der ADAC sieht die Hersteller in der Pflicht, die Technik zu verbessern. Für Autobesitzer, die schon jetzt ein Auto mit „Keyless go“ besitzen, könnte eine solche Weiterentwicklung aber möglicherweise zu spät kommen.

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