Aussteiger berichten vor Schülern in Königsborn: So schnell werden Menschen radikal

dzGeschwister-Scholl-Gymnasium

Ganz im Namen der Geschwister Scholl stellt sich das Königsborner Gymnasium gegen politischen Extremismus. Die Elftklässler des GSG lernten aus erster Hand, wie schnell Menschen radikal werden können.

von Tom Schneider

Königsborn

, 24.02.2020, 16:17 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gewalt, Ignoranz und Fanatismus: Das war für viele Jahre das Leben von Sascha und Malik. Ihre wahren Identitäten machen sie nicht öffentlich, aus gutem Grund: Sie sind Aussteiger aus jeweils extremen Szenen und haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Menschen ihre Geschichte zu erzählen. Im Rahmen der Geschwister-Scholl-Woche am Geschwister-Scholl-Gymnasium wurden sie eingeladen, um mit der Jahrgangsstufe 11 ihre Schicksale zu teilen.

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Damals als 13-Jähriger in die falschen Kreise gelangt, entwickelte sich Sascha, heute Aussteiger aus der rechtsextremen Szene, vom Opfer in der Schule zum Täter. Er lernte mit der Zeit, jeden Skrupel, bis hin zu schweren Gewalttaten zu überwinden. Der Auslöser dafür war Ausgrenzung in der Schule und durch die Familie, wie er den Schülern nun berichtete. Freunde fand er in der Szene. „Nazis sind die besseren Sozialarbeiter“, so beschrieb Sascha seine Entwicklung.

Obdachlosen fast zu Tode geprügelt

Letztendlich endete seine „Laufbahn“ damit, dass er einen Obdachlosen fast zu Tode prügelte. Spätestens, als er am GSG erzählte, wie eben dieses Opfer ihm vor Gericht vergab und ihm damit praktisch ein zweites Leben schenkte, war es mucksmäuschenstill im Saal.

„Nazis sind die besseren Sozialarbeiter.“
Sascha, Aussteiger aus der rechten Szene

Durch Zufall zum islamistischen Glaubenskrieger

Malik hingegen radikalisierte sich „durch Zufall“. Im Internet stieß er auf Videos radikal-islamischer Prediger. Diese redeten von Himmel und Hölle und den islamischen Werten, wie Glaube und Brüderlichkeit. „Extremisten sind wie Rattenfänger. Sie wissen genau wie sie dich kriegen“, so erklären es die Aussteiger. Auch bei Malik entwickelten sich seine Ansichten ins Radikale; schlussendlich reiste er sogar als Glaubenskämpfer des IS nach Syrien.

Doppelmoral weit verbreitet

Während der Veranstaltung konnte das Publikum viel über Radikalisierung lernen: Oft sind es zum Beispiel die Ausgegrenzten, die in die Extreme fallen. Auch wurde deutlich, dass die extremistischen Szenen voller Doppelmoral sind, sei es bei den Neonazis oder Salafisten. Beispielsweise erzählte Sascha, dass auch er als Nazi heimlich Döner gegessen habe.

Schweigeminute für Hanau-Opfer

Die Geschwister-Scholl-AG des GSG will auch einen Präventionsauftrag wahrnehmen. Bereits in der vergangenen Woche organisierten die Schülerinnen und Schüler der AG Veranstaltungen im Gedenken an die Namensgeber des Geschwister-Scholl-Gymnasiums. Das Aussteigergespräch gilt schon seit Jahren als fester Bestandteil dieser Gedenktage. Auch im Hinblick auf die Tat von Hanau sieht sich die AG in einer Verantwortung. So wurde das Gespräch mit einer Ansprache und einer Schweigeminute zu diesem Ereignis eröffnet.

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