Die „große“ Partei sucht noch, im Kleinen hat die SPD ihr neues Führungsduo bereits gefunden, das Aufbruch signalisiert: Yannik Neumann und Sebastian Schmidt stehen an der Spitze des SPD-Ortsvereins Lünern-Stockum. Wieso man das mit gerade mal 22 beziehungsweise 31 Jahren besonders gut kann, erzählen die beiden im Interview.

Lünern

, 02.08.2019, 10:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn ein langjähriger Vereinsvorsitzender abtritt, dann wird es meistens schwierig, einen Nachfolger zu finden. Gerade „auf dem Dorf“ sind viele Vereine überaltert; es fehlt der Nachwuchs, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Dass ein 31-jähriger Vorsitzender von einem 22-Jährigen „beerbt“ wird, lässt da aufhorchen. Zumal es um den Vorsitz eines parteipolitischen Vereins geht: Yannik Neumann führt seit einigen Wochen den SPD-Ortsverein Lünern-Stockum. Zusammen mit seinem Vorgänger und jetzigem Stellvertreter Sebastian Schmidt erzählt er im Interview, warum dies gar nicht so abwegig ist, wie es klingt und warum er gerade jetzt an die SPD glaubt.

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Wahlschlappe bei der Europawahl, eine kriselnde Große Koalition auf Bundesebene und interne Querelen auch bei den Unnaer Sozialdemokraten: Sie scheinen trotz der aktuellen Krise in der SPD ihre Zukunft zu sehen. Woher kommt das?

Yannik Neumann: Man muss doch nur mal schauen, was momentan freitags auf den Straßen los ist. Da gehen junge Menschen für das Klima auf die Straße. Das zeigt doch, dass sie begeisterungsfähig für ein politisches Thema sind. Genau da muss man sie jetzt abholen.

»Die Grundwerte, für die die SPD steht, die gilt es meiner Meinung nach zu schützen wie lange nicht mehr.«
Yannik Neumann

Beim Thema Klima könnten das wohl aber eher die Grünen als die SPD, oder?

Yannik Neumann: Auch Grün muss irgendwo Rot werden. Entscheidend ist für mich, dass junge Menschen für Politik zu begeistern sind, wenn Themen sie betreffen. Und da werden auch andere Themen kommen, für die junge Leute lautstark eintreten. Die Rente zum Beispiel. Die betrifft uns schließlich auch alle – egal, wie alt wir sind. Und da bin ich bei der SPD zuhause. Die Grundwerte, für die die SPD steht, die gilt es meiner Meinung nach zu schützen wie lange nicht mehr.

Jetzt ist ein Ortsverein nicht die ganz große Bühne, aber trotzdem überrascht es, dass ausgerechnet ein 22-Jähriger Verantwortung in einer alten Volkspartei übernimmt. Wie kam es dazu?

Yannik Neumann: Sebastian Schmidt und ich kennen uns, seitdem wir uns vor vier Jahren bei den Jusos begegnet sind. Ich wusste, dass er jetzt irgendwann aus privaten Gründen etwas kürzer treten wollte, was die Partei angeht. Und da ich jetzt hier im Ort wohne und vorher schon im Ortsverein Stadtmitte aktiv war, haben wir darüber gesprochen, ob ich nicht als sein Nachfolger kandidiere.
Sebastian Schmidt: Ich war sehr froh, dass mit Yannik jemand da ist, der weiß, worauf es ankommt, wenn man Vorsitzender eines Ortsvereins ist. Man muss sich im Dorf sehen lassen, den Kontakt zur Fraktion halten und natürlich ist da auch viel Bürokratie. Deswegen bleibe ich auch als Stellvertreter an Yanniks Seite, um ihm beim Start zu helfen.

Aufbruchstimmung: Wie die SPD in Lünern von ihrem jungen Führungsduo profitieren kann

„Onkel Emma“ hieß der letzte Lebensmittelladen, den Lünern hatte. Aktuell bemüht sich eine Arbeitsgruppe, die Idee eines „Dorfladens“ zu realisieren, um die Nahversorgung im Ort wieder attraktiver zu machen. © Udo Hennes

Sie sprachen schon von Begeisterung: Wie wollen Sie denn die Menschen – egal, wie alt – von Politik und der SPD im Besonderen begeistern?

Yannik Neumann: Ich denke, dass es da viele Wege gibt. Social Media ist da ein guter Ansatz, das haben wir gemerkt, als wir letztes Jahr einen Image-Film für unseren Ortsverein gemacht haben. Da gab es sehr viele Reaktionen drauf, wir wurden von vielen Menschen darauf angesprochen. Das ist eine gute Idee, aber ich denke, da muss die Partei insgesamt auch Antworten finden, wie sie künftig die Leute erreichen will.
Sebastian Schmidt: Sicherlich ist es schwerer geworden, Leute für Politik zu begeistern. Sie interessieren sich für Themen, die sie direkt betreffen, aber versuchen oft nicht, Politik zu verstehen. Viele Menschen haben anscheinend vergessen, dass Politik Kompromisse bedeutet.

»Viele Menschen haben anscheinend vergessen, dass Politik Kompromisse bedeutet.«
Sebastian Schmidt

Wo sehen Sie Ihre Aufgaben im Ortsverein, was können die Bürger in Lünern und Stockum mit Ihnen an der Spitze für ihre Orte erwarten?

Yannik Neumann: Das Wichtigste, und aus meiner Sicht auch das Schöne, an einem Ortsverein ist, dass man als Vorsitzender auch für die vermeintlichen Kleinigkeiten da ist. Hier hört man direkt, worauf es ankommt und was den Menschen wichtig ist. Neue Bänke am Vöhdeweg, Schlaglöcher am Sportplatz oder das große Thema Nahversorgung – es gibt Vieles, das in Lünern und Stockum für die Bürger gerade in Bewegung ist. Da hilft es mir auch enorm, dass wir im Ortsverein ein wirklich schönes Zusammenspiel von Jung und Alt haben.

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