Fast 100 illegale Müllkippen, 641 Radfahrer im Fußgängerbereich, vier Schulverweigerer: Ein Jahr Ordnungsdienst in Unna ist vielfältig. Angegriffen werden die Ordnungshüter kaum – zumindest nicht körperlich.

von Charlotte Groß-Hohnacker, Thomas Raulf

Unna

, 23.08.2019, 15:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit 2008 gibt es den Ordnungsdienst in Unna. Die Patrouille ist eine Einrichtung des Unnaer Ordnungsamts und gibt gleichzeitig Arbeitslosen eine Perspektive. Aktuell ist der Ordnungsdienst mit 7,5 Stellen besetzt, vier Vollzeitstellen werden über die Werkstatt Unna gefördert. Der Hintergrund des Projekts: Bürger und Besucher der Innenstadt sollten nicht das Gefühl haben, in Angsträumen unterwegs zu sein. „Unna – hell, sicher, sauber“ ist ein Slogan, mit dem die Stadt nach wie vor ihren Ordnungsdienst beschreibt.

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Das meinen die Bürger dazu

In der Öffentlichkeit wird der Dienst sehr unterschiedlich wahrgenommen. Wirklich präsent sei er nie, meinte eine ältere Dame, die wir auf dem Wochenmarkt dazu befragten. Eine junge Mutter berichtete, sie habe den Ordnungsdienst schon gesehen, „aber was er tatsächlich macht, kann ich nicht sagen“. Da weiß der Blumenverkäufer mehr: Seitdem der Ordnungsdienst auf dem Markt seine Runden dreht, gebe es dort keine Bettler mehr. Kommt es mal zu einem Streit, sei der Ordnungsdienst gleich zur Stelle. „Generell sind die Mitarbeiter immer ein guter Ansprechpartner, egal bei welchen Problemen.“ Eine weitere Mutter berichtet, sie fühle sich durch die Anwesenheit des Ordnungsdienstes ein Stück sicherer in Unna. Und ein älterer Herr durchblickt auch die Hintergründe. Durch das Projekt werde Arbeitslosen eine Aufgabe in der Gesellschaft gegeben – „und dazu noch eine wichtige“, so seine Einschätzung.

„Nicht mehr wegzudenken“

Am Anfang habe man in der Behörde durchaus überlegt, ob ein solcher Dienst Sinn hat, erinnert sich Peter Niewrzedowski, Leiter des Bereichs Öffentliche Sicherheit und Ordnung im Rathaus. Doch für ihn stehe längst fest: „Der Ordnungsdienst ist aus dem Unnaer Stadtgebiet nicht wegzudenken.“

Die Aufgabenbereiche und Einsatzgebiete sind so vielfältig wie die Bandbreite der menschlichen Verfehlungen im öffentlichen Raum. Eine aktuelle Jahresbilanz des Ordnungsdienstes gibt Aufschluss darüber. Demnach wurden innerhalb von zwölf Monaten allein 98 illegale Müllablagerungen im Stadtgebiet kontrolliert. Wenige dieser Fälle seien allerdings spektakulär, sagt Niewrzedowski. Wenn ein ordentlich abgestellter Müllsack umkippt und seinen Inhalt über die Straße ergießt, sei das auch ein Fall, den sich der Ordnungsdienst anschaut.

Auf Streife in der Stadt: Unnas Ordnungsdienst holt jede Woche zwölf Radfahrer vom Sattel

Immer zu zweit auf Streife: Mitarbeiter des Ordnungsamtes patrouillieren mit dem Ordnungsdienst. © Marcel Drawe

Abgestellte Autos und Altkleidercontainer

Die Mitarbeiter sind in der Stadt unterwegs und zeigen Präsenz, sie werden aber auch gezielt mit bestimmten Ermittlungen beauftragt. Dabei kann es um abgestellte Autos oder Anhänger gehen (57 Fälle), um Altkleidercontainer (46) oder auch Gewerbeermittlungen (63 Fälle). Ist ein Geschäft ordnungsgemäß an- oder abgemeldet, was wiederum mit Gewerbesteuerzahlungen zusammenhängt? Der Ordnungsdienst schaut nach.

Das tut er auch bei Spielhallen oder Sportwettbüros, die möglicherweise die für sie geltenden Öffnungszeiten oder den Jugendschutz missachten. Der Ordnungsdienst kontrolliert Osterfeuer vor und während des Abbrennens, stellt Verkehrszählautomaten auf, überprüft Straßenschilder, fungiert als Zeuge bei Durchsuchungen und kümmert sich auch darum, dass Schulverweigerer dort sind, wo sie hingehören: Vier Schulzuführungen hat der Ordnungsdienst in den zurückliegenden zwölf Monaten begleitet.

Auch an Wochenenden

Der Ordnungsdienst wird „saisonbedingt und nach Notwendigkeit“ eingesetzt, in der Regel montags bis samstags von 6 Uhr bis Mitternacht, bei Bedarf auch sonntags, heißt es in einer Veröffentlichung der Stadt. Zwischenzeitlich habe man den Dienst personalbedingt schwächer besetzen müssen. „Wenn Sie nur vier Leute haben, brauchen sie über Wochenenden gar nicht nachzudenken“, sagt Niewrzedowski. Die jetzige Personalausstattung erlaube regelmäßige Dienste auch an Wochenenden. Zu tun gibt es: So wurde laut Statistik bei 13 Nachteinsätzen an Wochenenden Beschwerden zu Gaststätten nachgegangen. „Wir können natürlich nicht überall sein“, sagt der Bereichsleiter.

641 ermahnte Fahrradfahrer

Wenn die Jahresstatistik Aufschluss geben kann über richtiges oder falsches Verhalten der Menschen in der Stadt, dann sind nicht angeleinte Hunde offenbar kein großes Problem. Ganze zwölf Verwarnungen oder Belehrungen wegen Verstoßes gegen das Anleingebot listet das Ordnungsamt in der Jahresbilanz auf. Aggressiv auftretende Zeitungsverkäufer oder Bettler wurden 14 Mal des Platzes verwiesen, Straßenmusiker wurden 16 Mal belehrt.

Deutlich öfter hingegen mussten die „Stadtsheriffs“ Fahrradfahrer darauf hinweisen, dass sie im Fußgängerbereich nicht fahren dürfen. Insgesamt 641 Fahrradfahrer wurden innerhalb eines Jahres aufgefordert, von ihren Rädern abzusteigen – in der Fußgängerzone und auf dem Westfriedhof.

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Kein Kassieren vor Ort

Anhalten dürften die Mitarbeiter die Radler streng genommen nicht, erklärt Niewrzedowski. Eingriffe in den „rollenden Verkehr“ darf nur die Polizei vornehmen. Die Ansprache ist ohnehin das Mittel der Wahl. Bei Ordnungswidrigkeiten können Bußgelder verhängt werden. Man habe sich aber darauf verständigt, dass die Ordnungsdienstler nicht an Ort und Stelle kassieren. In den meisten Fällen führe eine Ermahnung zum Ziel. Wiederholungstäter, deren Personalien im Ordnungsamt bekannt sind, würden im Büro zur Kasse gebeten.

Beschimpfungen, aber keine Gewalt

Viele Ermahnte seien einsichtig, sagt Niewrzedowski. Mal hörten die Leute, mal reagierten sie verärgert oder drohten den Mitarbeitern sogar. Anfeindungen, auch Angriffe haben im Alltag vieler öffentlich Bediensteter wie Polizisten, Feuerwehrleute oder Rettungsdienstmitarbeiter zugenommen. Wie begegnen die Menschen dem Ordnungsdienst? „Wir haben Glück in Unna“, sagt Niewrzedowski. Zumindest körperliche Angriffe gebe es so gut wie gar nicht. Mit Beschimpfungen lernten die Mitarbeiter umzugehen. „Da haben wir zwei Ohren. Hier rein, da raus“, sagt Niewrzedowski. Vor allem abends aber geht man auf Nummer sicher. Im Dunkeln sei niemand allein unterwegs. So gehört auch die Begleitung von Politessen im Abenddienst zu den Aufgaben des Ordnungsdienstes.

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