Es war keine Befreiung, nur eine Verlegung; und das Unrecht gegen die 50 Polen und Russen ereignete sich danach andernorts. Am 2. März 1944 endete der Einsatz des KZ-Außenkommandos in Unna.

Unna

, 02.03.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auschwitz. Sachsenhausen. Buchenwald. Das sind auch Namen von Orten. Doch vor allem sind es Erinnerungssplitter. Immer noch schneidend scharf sitzen sie tief in der kollektiven Seele der Menschheit. Wenn der Kantor der jüdischen Gemeinde in der Gedenkstunde am jüdischen Friedhof sein Gebet zum 9. November vorträgt, dann sind es die Namen der damaligen KZ-Standorte, die schmerzhaft und für alle verständlich aus dem hebräischen Klagelied hervorstechen. Unna, das klingt harmlos dagegen. Aber KZ-Häftlinge waren auch dort einmal untergebracht und zur Arbeit für die SS gezwungen. Sieben Monate lang gab es in Unna ein Außenkommando des Konzentrationslagers Buchenwald. Vor 75 Jahren, am 2. März 1944, wurde es mit einem Rücktransport der Gefangenen aufgelöst.

Die Existenz des Außenkommandos war lange Zeit fast unbekannt

So kurz seine Geschichte war, so wenig war lange Zeit über das Außenkommando bekannt. Während in Schwerte noch heute Schilder auf den früheren Standort des Außenlagers hinweisen, taten sich in Unna selbst die Geschichtsexperten lange Zeit damit schwer, verlässliche Informationen zu beschaffen. Dies änderte sich erst in den 90er-Jahren, als eine Gruppe von politisch und historisch interessierten jungen Menschen auf einer Reise einen Zufallsfund machte. Ihm folgte eine akribische Spurensuche.

Einer der Reisenden war Hartmut Ganzke. Der spätere Anwalt und heutige Landtagsabgeordnete aus Massen war 1990 Referendar und Juso sowie Mitbegründer des „Bildungsvereins Kreis Unna“ (Biku). In den Jahren nach der Wende reisten Mitglieder dieses Vereins oft in Unnas sächsische Partnerstadt Döbeln. Und einmal, auf der Rückfahrt, legte die Delegationen einen Besuch in der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald ein. Dort entdeckte es einer von ihnen: „Guck mal, da steht Unna, hat der gesagt. Und alle meinten, das könne doch nicht sein“, erinnert sich Ganzke. Aber die Beobachtung war korrekt: Auf einer Liste der Außenkommandos, die vom Stammlager Buchenwald aus gegründet worden waren, fanden die engagierten jungen Leute auch den Namen ihrer Heimatstadt.

Junge Unnaer eröffneten die Spurensuche

Die Rekonstruktion dieses Kapitels in der Stadtgeschichte begann.

Dass sich das Nazi-System sich auch in Unna vollends durchgesetzt hatte, daran gab es keinen Zweifel. Deportationen und Novemberpogrom gab es in Unna genauso wie eine Adolf-Hitler- und eine Hermann-Göring-Straße. Bekannt war auch ein System von Lagern für Zwangsarbeiter, die in Bergbau, Industrie und Landwirtschaft eingesetzt wurden. Aber ein Konzentrationslager?

Die jungen Leute wandten sich an Museumsleiter Dieter Fölster. Gehört hatte dieser zwar davon, dass es in Unna mal so etwas gegeben habe. Aber bewiesen sei es nicht, war damals der Kenntnisstand im Hellweg-Museum. In engagierter Arbeit und mit Hilfe einer ABM-Kraft, die schließlich für dieses Projekt bewilligt wurde, brachten Ganzke und der Biku die Beweise schließlich auf den Tisch. Heute, 75 Jahre nach Auflösung des Außenkommandos, sind sogar die Namen von vielen der Arbeiter festgehalten.

Als Baukolonne für die SS nach Unna

50 Mann waren es, die am 26. Juli 1943 vermutlich mit einem Eisenbahntransport vom Stammlager nach Unna geschickt wurden. Ihre blau-weiß gestreifte Häftlingskleidung trug das rote Dreieck der „Politischen“, und darauf teils ein P, teils ein R. Es waren Polen und Russen, die als Baueinsatzkommando für die Waffen-SS nach Unna geschickt wurden. 48 von ihnen galten als Arbeiter, deren Arbeitskraft der SS-Einheit in Unna mit sechs beziehungsweise vier Reichsmark pro Tag für Fach- und Hilfsarbeiter in Rechnung gestellt wurde. Nur zwei der Abkommandierten wurden nicht berechnet: ein Schneider und ein Schuster. Zusammen mit gelegentlichen Auswechselungen ergibt sich, dass insgesamt rund 70 Menschen als KZ-Häftling in Unna gearbeitet haben.

Die 5. SS-Korps-Nachrichtenabteilung in der Kaserne an der Iserlohner Straße galt als Hauptauftraggeber für das Kommando. Und so liegt die Vermutung nahe, dass die Häftlinge auch irgendwo dort untergebracht waren. Ein Schriftstück belegt, dass zumindest zeitweilig auch die dürftige Verpflegung der Gefangenen aus der Truppenküche der Waffen-SS kam. Noch heute erinnert ein Gedenkstein an der Bertha-von-Suttner-Allee, wenige Schritte vom früheren Kasernentor entfernt, an das Außenkommando des Konzentrationslagers.

Auf den Spuren der KZ-Häftlinge von Unna

Dieses historische Foto aus den Privatbeständen von Willy Wella zeigt einen Teil der Unnaer Innenstadt, der bei einem alliierten Bombenangriff im April 1945 zerstört wurde. Heute steht dort das Kaufhaus Müller. Unter den Trümmern überlebten rund 80 Menschen den Bombeneinschlag in einem Luftschutzkeller, der von KZ-Häftlingen verstärkt worden war. Denkbar, aber nicht bewiesen, ist, dass es sich bei dem Keller um das Gewölbe handelt, dessen Fund nach dem Abriss von Café Prünte und Bücherzentrum die Neubebauung der Fläche verzögert hat. © Willy Wella

Die Bauarbeiter aus dem Osten hatten für den Schutz derer zu sorgen, die sie gefangen hielten. Die Gebäude des Nazi-Apparates zu verstärken, damit sie Luftschlägen besser standhalten würden, das war eine ihrer Aufgaben. Aber auch abseits der militärischen Liegenschaften kamen sie zum Einsatz - und dabei auch in Kontakt mit dem zivilen Unna.

An der Flügelstraße arbeiteten sie an einem „Warenlager“, an der Schäferstraße an der Befestigung eines Kellers als Luftschutzraum. Möglicherweise handelte es sich dabei um den großen Kellerraum unter dem heutigen Müller-Kaufhaus, dessen Fund die Arbeiten am Neubau über Monate verzögert hat. Zeitzeugen schilderten unserer Redaktion und in den 90ern auch Ganzkes Forschergruppe ihre Kindheitserinnerungen. Die Männer in den blau-weißen Gefangenenanzügen galten als Unperson. Die Gefangenen selbst durften während der Arbeit nicht einmal miteinander reden, geschweige denn mit den Unnaern. Kindern wurde eingeschärft, einen großen Bogen um sie zu machen, am besten gar nicht erst hinzuschauen und bloß keine Fragen zu stellen. Aber welches Kind hält sich daran?

Was die Häftlinge den Kindern zu verstehen gaben war, dass sie hungrig waren. Mit Gesten - einer Hand, die zum Mund ging - fragten sie nach Essen. „Sie hatten öfter kleine Spielzeughampelmänner unter dem Arm, die sie uns Kindern für Butterbrote anboten“, zitiert eine von Hartmut Ganzke 1994 herausgegebene Schrift einen Zeitzeugen, der damals als Kind an der Hertingerstraße lebte. „In manchen Augenblicken gelang uns dieser Tausch mit den Gefangenen. Wir trauten uns nicht, mit unseren Eltern über die Häftlinge zu sprechen. “

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