Mit ihrem Sexismus-Vorwurf an Fraktionschef Volker König hat SPD-Ratsfrau Ingrid Kroll eine Bombe gezündet. Doch die Probleme der Sozialdemokraten sind vielschichtiger. Eine Analyse.

Unna

, 30.10.2018, 16:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Machtansprüche, Geltungsdrang, persönliche Gewogenheiten oder Abneigungen, vielleicht auch unterschiedliche Sichtweisen zur Geschlechterthematik – der Zündstoff in der SPD-Fraktion besteht aus einer unberechenbaren Mischung. Und dass es in Partei und Fraktion genügend Brandherde gibt, um diese Ladung einmal zum Explodieren zu bringen, war spätestens während der „Causa Risadelli“ um die Kündigung der hauptamtlichen Fraktionsgeschäftsführerin Bärbel Risadelli Ende 2015 unübersehbar. Die Wurzeln des Konfliktes reichen jedoch tiefer. Was sich zwischen Ingrid Kroll und Volker König in der Ratsfraktion zuspitzt, fußt auf Grundkonflikten, die in der Unnaer SPD bereits Tradition haben.

Unna hat nicht eine SPD, sondern vier

Eine Rolle dabei spielt das Verhältnis der Ortsvereine. Anders als bei der CDU sind sie die eigentlich entscheidenden Parteieinheiten in der Stadt. Ungeachtet der Wahlergebnisse hat die SPD einen höheren Organisationsgrad als andere Parteien, also mehr Mitglieder auch in einzelnen Stadtteilen. Sie stellen die Nähe zum Bürger her, spüren die Probleme vor der Haustür auf, die die Menschen bewegen und tragen sie über die meist siegreichen Direktkandidaten der Kommunalwahl als Thema in den Stadtrat. Der Stadtverband ist dagegen eine eher schwache Arbeitsgemeinschaft der Ortsvereine. Bisweilen gab es in der Unnaer Sozialdemokratie sogar Überlegungen, ob ein Stadtverband überhaupt nötig ist.

Das gesunde Selbstbewusstsein der Ortsvereine hat aber auch Nebenwirkungen: Wer sich erst einmal als Königsborner, Massener oder Oberstädter versteht, bevor er daran denkt ein Unnaer zu sein, der gerät leicht in eine Abgrenzung und Rivalität auch zu anderen Ortsvereinen. Und so gibt es in der Unnaer SPD vier Machtblöcke, die zwar an einem Strang ziehen sollten, dabei aber manchmal in unterschiedliche Richtungen zerren. Gerade zwischen der Oberstadt und Königsborn geht es oft um die Vorherrschaft in Unna. Massen als eingemeindeter Stadtteil steht dabei etwas außen vor, während sich die „Dörfer“ bislang meistens auf die Stadtteilarbeit konzentriert haben.

Analyse zur Lage der SPD in Unna: Es fehlt der Wille zum Miteinander

SPD-Fraktionschef Volker König bei der Gedenkfeier für seinen verstorbenen Vorgänger Michael Hoffmann am 28. November 2014 in der Stadthalle Unna. © Roman Grzelak

Ein kompliziert ausbalanciertes Machtgefüge

Die Balance zu wahren verlangt Disziplin, war aber lange Zeit doch möglich. Dass der Fraktionsvorsitzende bei der SPD drei Stellvertreter hat, ist ein Beispiel dafür, wie sehr die Machtblöcke Oberstadt, Königsborn, Massen und Dörfer darauf achten, nicht zu kurz zu kommen: Die insgesamt vier Positionen wurden stets gerecht geteilt. Auch heute noch stehen dem Königsborner Volker König ein Oberstädter (Bernd Dreisbusch), ein Massener (Michael Tietze) und eine „Dörflerin“ (Anja Kolar aus Lünern) zur Seite.

Penibel achten die Ortsvereine auch darauf, dass ihre Vertretung in der Ratsfraktion stimmt. Deswegen hat jeder Wahlbezirk für den Stadtrat neben dem eigentlichen SPD-Kandidaten auch einen unmittelbaren Huckepackkandidaten aus dem Ort. Scheidet ein Ratsmitglied aus dem Stadtteil X aus, rückt erst einmal ein anderer aus dem Ort nach, bevor von der allgemeinen Reserveliste irgendjemand von irgendwoher in den Rat kommt.

Schieflage nach dem Tod Hoffmanns

Diese Balance endete mit dem Tod des damaligen Fraktionsvorsitzenden Michael Hoffmann am 29. Oktober 2014. Und vieles, was nach ihm aus den Fugen geraten ist, hat etwas mit den Strategien zu tun, die der Oberstädter sehr bewusst angewandt hat, um die SPD zu einen. Denn eine dieser Strategien ebnete den Weg zu einem Fraktionschef Volker König – zumindest, wenn man den Gedankengängen folgt, die Hoffmann seinerzeit Vertrauten preisgab. Dass Hoffmann den aufstrebenden Mann aus Königsborn wirklich zu seinem Nachfolger aufbauen wollte, kann danach ausgeschlossen werden. Er wollte ihn mit einem Posten ausstatten, um ihn ruhig zu stellen. Aus Rivalen Partnern machen – so „kaufte“ Hoffmann einen Mann ein, der ihm vielleicht gefährlich werden konnte.

Derweil lief die eigentliche Personalentwicklung in der SPD-Fraktion anders. Was König heute als Sexismus vorgeworfen wird, ist vielleicht einfach persönliche Ablehnung gegenüber zufällig weiblichen Kräften, die von seinem Vorgänger intensiv gefördert wurden.

Analyse zur Lage der SPD in Unna: Es fehlt der Wille zum Miteinander

Dieses Foto entstand beim Neujahrsempfang der SPD Unna am 9. Januar 2005, also vor fast 14 Jahren. Die Unterzeile bei der ersten Veröffentlichung lautete „Mit Zuversicht ins neue Jahr (v.l.): Volker König, Michael Hoffmann, Werner Kolter, Hartmut Ganzke, Michael Makiolla und Wilfried Bartmann. © Marco Schrade

Frauen zu stärken war Hoffmann einfach wichtig. Eine politische Mannschaft sollte die Gesellschaft repräsentieren und dazu eine entsprechende Mischung bieten aus Männern und Frauen, Jüngeren und Älteren, Menschen unterschiedlicher Berufe und Bildungsschichten. Dass die SPD bei der Kommunalwahl 2014 mit einem nahezu ausgewogenen Verhältnis von Männern und Frauen kandidierte, hatte Hoffmann mit Stolz erfüllt.

Als Hoffmann 2014 starb, geriet die SPD in eine Schockstarre. Seine Nachfolge anzutreten war keine Herausforderung, für die Genossen Schlange gestanden hätten. Und so fiel die Wahl auf einen seiner drei Stellvertreter: Volker König. Wer bislang besondere Förderung durch den Fraktionschef genoss, musste nun mit einem politischen Rivalen zusammenarbeiten, dessen Auftreten überdies so ganz anders war.

Analyse zur Lage der SPD in Unna: Es fehlt der Wille zum Miteinander

Der Streit zwischen SPD-Fraktionschef Volker König und seiner früheren Büroleiterin Bärbel Risadelli hat auch eine zwischenmenschliche Ebene. Üblicherweise machen die beiden einen großen Bogen umeinander. Eher aus der Hüfte geschossen gelang es unserem Fotografen Marcel Drawe, diesen historischen Handschlag nach Risadellis Verpflichtung als Ratsfrau festzuhalten. © Marcel Drawe

Königs Gegner waren Hoffmanns Schützlinge

Dies gelang nicht jedem. Und so deckt sich die Liste derer, mit denen König seit seiner Wahl zum Fraktionschef in besonderer Weise über Kreuz gelegen hat, mit der Liste der besonderen Schützlinge seines Vorgängers.

Bärbel Risadelli hatte eine Stelle bei der SPD in Arnsberg, bevor Hoffmann sie als Fraktionsgeschäftsführerin nach Unna holte. Hoffmann war glücklich, dass er diese Personalie nach der durchaus umstrittenen Verrentung des bisherigen Büroleiters Rudi Bernhardt durchsetzen konnte, hielt er doch große Stücke auf die Frau aus Mühlhausen. Die Zusammenarbeit zwischen ihr und König aber war von einem schwierigen persönlichen Verhältnis geprägt. Vor ihrer Kündigung kurz vor Weihnachten 2015 hatte sie über Wochen einen Krankenschein – bis in ihrer Abwesenheit im Fraktionsbüro ihr Rechner durchsucht wurde und die E-Mail gefunden wurde, aus der König den Grund für eine fristlose Kündigung ableitete.

Ehrverletzender Brief an Strathoff

Auf Margarethe Strathoff hielt Hoffmann so große Stücke, dass er sie bei der Wahl auf eine letztlich unerfüllbare Mission schickte. Ohne ausreichende Absicherung durch die Reserveliste musste sie im „Grenzbezirk“ antreten, den sich Unna-Mitte mit Kessebüren teilt – und damit gegen den dortigen Ortsvorsteher Gerhard Heckmann, der schon zuvor einer von nur zwei Christdemokraten mit Direktmandat im Stadtrat war. Strathoff unterlag und wurde nach Hoffmanns Tod in der Fraktion als sachkundige Bürgerin kaum noch ernst genommen. Als sie in der Causa Risadelli zu denjenigen zählte, die in Gegenposition zu Volker König gingen, erhielt sie einen hämischen und zutiefst ehrverletzenden Brief zugesandt. Obwohl der anonyme Verfasser von sich behauptete, Mitglied der SPD-Ratsfraktion zu sein, ließ König die Sache laufen. Auf einen Ausdruck der Missbilligung oder einen Appell für ein faires Miteinander wartete die Oberstädterin seinerzeit vergeblich.

Analyse zur Lage der SPD in Unna: Es fehlt der Wille zum Miteinander

Dieses Foto aus dem Jahr 2010 zeigt den damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Michael Hoffmann mit seinen Schützlingen Margarethe Strathoff (l.) und Ingrid Kroll. © Udo Hennes

Ingrid Kroll wurde von Michael Hoffmann gefördert

Ingrid Kroll stand unter den Schützlingen Michael Hoffmanns vermutlich an erster Stelle. Der engagierte Fraktionschef war in der Öffentlichkeit kaum ohne sie zu sehen, erklärte ihr sein Denken, schickte sie auf Fortbildung. Kroll selbst nahm in ihrer Freizeit noch ein Studium auf, um ihre Wirtschaftskompetenz zu stärken und durchlief eine bemerkenswerte Entwicklung. Vielleicht wäre sie es einmal gewesen, die Hoffmann als Fraktionsvorsitzende der SPD hätte ablösen sollen. Doch dann kam es anders.

Differenzen zwischen Kroll und König waren schon kurz nach der Neuaufstellung des Fraktionsvorstandes deutlich – in Sachthemen, aber auch in der Art der Kommunikation. Königs bisweilen kumpelhaft stichelnde Ansprache von Menschen wirkte wie Gift in dem schwierigen Verhältnis, weil die beiden eben keine Kumpel waren. Schon Ende 2015, kurz nach Beginn der Causa Risadelli, kündigte Ingrid Kroll den Verzicht auf alle Parteiämter an, weil sich die SPD anders entwickelt habe, als sie es vertreten wolle. Kroll konzentrierte sich auf ihre Arbeit als Ortsvorsteherin und Ratsvertreterin der Oberstadt, kam immer seltener zu Fraktionssitzungen. In einem Machtkampf hätte man König einmal mehr zum Sieger erklären können. Für die SPD indes war es eine Niederlage.

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