Stein für Stein restaurieren Steinmetze den Turm der Stadtkirche. Unnas wertvollstes Gebäude ist in guten Händen: Am Kirchplatz ist einer der weltbesten Handwerker im Einsatz. Wir zeigen Bilder und ein Video.

Unna

, 13.12.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hämmern, Bohren und Brummen dringen seit einigen Tagen aus der Bauhütte auf dem Kirchplatz in Unna. Hin und wieder sieht man einen verstaubten Mann, der mit dem Hubwagen einen Sandsteinklotz aus der Hütte fährt und einen neuen hineinholt. Ansonsten bekommen Passanten derzeit nicht allzu viel mit von der eingezäunten Stadtkirchen-Baustelle. Unseren Reportern gewährten die Steinmetze nun spannende Einblicke in ihr Schaffen. Und dabei stellte sich heraus: Einer von ihnen ist der beste Steinmetz Deutschlands.

Julian Wally wirkt so groß, dass er bei vielen Projekten vermutlich gar nicht auf eine Leiter müsste. Im Fall der Stadtkirche können er und seine Kollegen ohnehin am Boden bleiben. Sie bearbeiten die vielen Elemente der Brüstung, die im August abmontiert worden waren, am Boden auf dem Kirchplatz.

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Bundessieger beim Steinmetz-Wettbewerb

Wally gehört zu einem Dreierteam, das die Steinsanierungs- und Denkmalpflegefirma Crailsheim (SDC) aus Satteldorf in Baden-Württemberg nach Unna geschickt hat. Der 22-jährige Geselle ist der Jüngste im Bunde, ragt aber nicht nur wegen seiner Größe heraus: Beim Handwerks-Leistungswettbewerb wurde der Steinmetz zunächst Landessieger in Baden-Württemberg, 2018 dann Bundessieger. Und zuletzt vertrat er sein Land bei den „World Skills“, der Weltmeisterschaft der Handwerksberufe im russischen Kazan. Er belegte Platz neun, gehört also definitiv zu den weltbesten Steinmetzen.

Jeden Abend ein Ergebnis sichtbar

Bundessieger sei er geworden durch die präzise und gleichzeitig schnelle Bearbeitung eines kleinen Profilstücks, wie er berichtet. Allzu filigrane oder kreative Arbeit wird von ihm an der Stadtkirche nun nicht verlangt. Wally und seine Kollegen müssen auftragsgemäß die Steine reinigen und instandsetzen. „Aber jedes Gebäude, das saniert werden muss, macht Spaß“, sagt Wally. Das Schöne an seinem Beruf: „Wir sehen abends immer ein Ergebnis unserer Arbeit.“

Höllenhunde nach Baden-Württemberg gefahren

Das Ergebnis sind zahlreiche Sandsteinelemente, die irgendwann im kommenden Jahr wieder auf dem Kirchturm zusammengebaut werden können. Mitarbeiter von SDC haben die vier Wasserspeier vom Turm bereits zum Firmensitz in Baden-Württemberg gebracht. Die Höllenhunde werden dort restauriert. In derselben Werkstatt wird die Fiale nachgebaut, die im Januar 2018 beim Sturm herabgestürzt war und bekanntlich das gigantische Sanierungsprojekt angestoßen hat.

Unnas Wahrzeichen in guten Händen: An der Stadtkirche arbeitet Deutschlands bester Steinmetz

Die Wasserspeier wurden in die Steinmetzwerkstatt in Baden-Württemberg gebracht. © SDC

Reinigung mit Wasser und Sandstrahl

Die quadratischen Maßwerke und die Deckenblöcke, die die Brüstung am Umlauf des Kirchturms bildeten, sind in Unna geblieben. Die Steinmetze haben die Sandsteinstücke zunächst zwei Wochen lang gereinigt. Erst wurden mit einem Wasserstrahl Moos und Flechten abgespült, dann fest sitzende Verschmutzungen mit einem Sandstrahlverfahren abgeschält – „nicht zu viel, die Oberfläche soll erhalten bleiben“, wie Polier Thomas Salinger erklärt.

Edelstahl ersetzt rostiges Eisen

Nun entfernen er und seine Kollegen mit verschiedenen Bohrern und viel Handarbeit aus jedem Block die alten verrosteten Eisenanker, die die Teile einst am Turm zusammenhielten. Später sollen neue Anker aus Edelstahl eingesetzt werden. Diese werden dann nicht mehr wie früher mit Blei vergossen, sondern mit Zweikomponentenkleber im Stein verankert. Bröckelnde Reste alten Mörtels werden mit dem Drucklufthammer weggemeißelt.

Viele Werkzeuge werden mit Strom oder Druckluft betrieben, Hubwagen und Elektrokran helfen beim Rangieren der über 200 Kilogramm schweren Stücke. Trotzdem wird hier körperliche Arbeit geleistet. „Man muss schon immer wieder mal hinlangen“, sagt Steinmetz Salinger. „Das ist das Leiden des Steinmetzes: der Rücken“, ergänzt er lächelnd.

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Baustellenbesuch: Die Kirchen-Steinmetze

Viel Staub, tausende Handgriffe und Maßarbeit: Steinmetze restaurieren die Brüstung vom Turm der Evangelischen Stadtkirche.
13.12.2019
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Die Restaurierung der Steinelemente vom Turm der Stadtkirche hat begonnen. Ein Drei-Mann-Team einer Spezialfirma aus Baden-Württemberg arbeitet in einer Bauhütte auf dem Kirchplatz.© Udo Hennes
Draußen werden die Sandsteinblöcke gereinigt. Bruchstellen werden glattgeflext.© Udo Hennes
Wiedererkannt? Die Sandsteinblöcke bildeten die Brüstung oben am Kirchturm, die andere Steinmetze im Sommer abgebaut hatten. © Udo Hennes
Hier meißelt Heinz Hörger vorsichtig steinharte Schmutzschichten weg.© Udo Hennes
Zurück bleibt die gesäuberte Oberfläche, die nicht weiter behandelt wird.© Udo Hennes
Überall stecken Eisenanker und Schrauben in den Steinen. Sie werden herausgebohrt.© Udo Hennes
Einer der drei Steinmetze ist Julian Wally, Bundessieger in seinem Handwerk.© Udo Hennes
Thomas Salinger ist der Polier auf der Baustelle am Kirchplatz.© Udo Hennes
An der Unterkante der Brüstungs-Maßwerke haften Mörtelreste. Auch sie müssen abgetragen werden.© Udo Hennes
Es sind Dutzende Sandsteinblöcke, die nun im Winter Stein für Stein gereinigt und restauriert werden müssen.© Udo Hennes
Thomas Salinger begutachtet eine Krabbe: Dieses runde Stück stammt vermutlich von der im Januar 2018 herabgestürzten Fiale. © Udo Hennes
An dieser Stelle haben Wasser und Frost den Stein aufgesprengt. Solche Schadstellen werden nicht wieder aufgefüllt, nur glatt ausgeschliffen. © Raulf
Ein elektrischer Kran hilft Thomas Salinger und Heinz Hörger, die Steinblöcke zu heben und umzulagern. Trotzdem leisten sie schwere körperliche Arbeit.© Udo Hennes
Der Vorher-Nachher-Effekt bei der Reinigung mit Sandstrahl ist an diesem Teil einer Fiale gut zu erkennen.© SDC

Maßarbeit aus Sandstein

Und es ist Maßarbeit: Wo herausgebohrte Eisen ein Loch im Stein hinterlassen, werden neue Stücke eingeklebt. Die Teile schneiden die Steinmetze passend aus Blöcken Ibbenbürener Sandsteins zurecht. Teilweise verwenden sie dabei Steinklötze, an denen früher die Wasserspeier befestigt waren. Diese Rückseiten werden ohnehin in der SDC-Werkstatt neu hergestellt. Das Material als Rohstoffquelle sei aber in keinem allzu guten Zustand. „Viel ist da nicht zu holen“, sagt Polier Salinger.

Nicht alles wird ausgebessert. Hier und da ist im Lauf der Jahre Wasser in feine Risse eingedrungen und hat den Sandstein dann bei Frost aufgesprengt. Diese Mulden bleiben, werden von den Steinmetzen nur glatt ausgeflext, damit Wind und Wetter ihnen möglichst nicht mehr zusetzen in der Zukunft.

Baustelle bis Ende 2020

Diese Zukunft wird voraussichtlich Ende 2020 beginnen. Noch für das ganze kommende Jahr ist die Baustelle eingerichtet. Die Steinmetztruppe arbeitet immer mehrere Tage am Stück, um 7 Uhr morgens geht es los, 18 Uhr ist meist Feierabend. In Fröndenberg hätten sie eine nette Ferienwohnung gefunden, so Salinger. Das Team werde im Lauf des kommenden Jahres sehr wahrscheinlich aufgestockt. Wenn die Aufbauarbeiten am Kirchturm beginnen, werden mehr als drei Männer benötigt.

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