Sich mit Freunden treffen? Geht in der Corona-Krise nicht. Aber wenn die vorbei ist, wie wäre es dann mit einem Stammtisch? Unnas Urgesteine der Wirte-Szene nennen gute Gründe für den Plausch.

Unna

, 02.04.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bis zu vier Stammtische an einem Abend. Das war in den 80er-Jahren an einem Donnerstag normal. „Donnerstags war Stammtisch-Tag, das war einfach so“, sagt Karl-Heinz Agethen. Der stadtbekannte Wirt, der bis 2010 das gleichnamige Gasthaus in der Innenstadt führte, erinnert sich noch gut an die Zeit, in der Stammtische Alltag waren und seine Kneipe donnerstags zum Nachrichtentreff wurde.

„Einmal habe ich für einen Donnerstag eine Geburtstagsfeier angenommen. Das habe ich danach nie wieder gemacht“, erinnert sich Agethen schmunzelnd. Die Mitglieder der Stammtische machten ihm sehr deutlich, dass der Donnerstag „ihr“ Tag sei - und da passten Geburtstagsfeier definitiv nicht dazu.

Der Name sagt alles: „Gut Qualm“ hieß dieser Stammtisch aus Unna, der sich dem gepflegten Rauchen verschrieben hatte.

Der Name sagt alles: „Gut Qualm“ hieß dieser Stammtisch aus Unna, der sich dem gepflegten Rauchen verschrieben hatte. © Archiv Patzkowsky

Begriffsklärung

Was ist ein Stammtisch?

  • Im Herkunftswörterbuch der Gebrüder Grimm, entstanden in den Jahren 1838 bis 1854, lautet die Definition für den Stammtisch: „Reservierter Tisch in einem Gasthaus, an dem sich zu regelmäßiger Stunde bestimmte Gäste einfinden, dann auch Tafelrunde, Kreis von Stammgästen, welcher sich um einen bestimmten Tisch eines Wirtshauses zu sammeln pflegt.“
  • Idealerweise sollte das Möbelstück, an dem der Stammtisch sitzt, rund sein, schon alleine wegen der so besseren Kommunikation. Zu groß sollte der Stammtisch nicht sein, denn jeder sollte jedem zuhören.
  • Daher gilt für Stammtische die Faustregel: „7+2“. Mehr Mitglieder sollte ein Stammtisch nicht haben, denn dann werde die Atmosphäre kühl, steif, der Einzelne geht unter, traut sich nicht zu reden und hüllt sich deshalb unter Umständen in Schweigen, so sagt es Wolfgang Patzkowsky.

Stammtisch - das mag für junge Ohren wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten klingen, antiquiert, etwas für alte Männer, vorzugsweise auf dem Dorf oder im Arbeiterviertel. Doch Karl-Heinz Agethen und Wolfgang Patzkowsky brechen eine Lanze für die regelmäßigen Gesprächsrunden. Denn sie bieten gerade in der heutigen Zeit viele Vorteile, da sind sich die beiden ehemaligen Wirte sicher.

„An einem Stammtisch werden keine Fake News erzählt“, sagt Wolfgang Patzkowsky, „die soziale Kontrolle ist sehr hoch. Wenn da einer Scheiß erzählt, fällt das sofort auf.“ Das liege einfach daran, dass sich an einem Stammtisch Menschen zusammenfinden, die meistens aus demselben lokalen Raum stammen und oft einen gleichen beruflichem Hintergrund haben.

Ab wann ist ein Stammtisch ein Stammtisch? Diese Frage können beide Wirte relativ leicht beantworten: „Einmal pro Woche sollte er sich treffen. Und halt sieben plus zwei Mitglieder haben, mehr nicht.“ Sieben plus zwei? Patzkowsky und Agethen zucken die Schultern. „Ja, das sagt man halt so. Sieben plus zwei, das ist die ideale Größe für einen Stammtisch. Wenn es mehr werden, wird es unübersichtlich, weil dann viele Einzelgespräche entstehen“, findet Agethen. Und noch etwas geht gar nicht: „Sobald es gemischt wird, gibt es Stress“, sagt Patzkowsky und meint damit die Frauen. Stammtische scheinen tatsächlich eine Männerdomäne zu sein. Also dürfen Frauen nicht dazu? „Klar waren bei uns auch schon mal Frauen dabei. Aber ganz ehrlich: Es funktioniert am besten, wenn es Männer- und Frauen-Stammtische gibt, keine gemischten. Das ist wie beim Schützenfest“, versucht Patzkowsky zu erklären.

„Internationaler Frühschoppen“ im „Café Schulte“, zu dem die Deutsch-Italienische Gesellschaft Unna eingeladen hatte: Antonio Veronese, Cesare Cava, Stefania Bredereck, Giampiero Landucci, Wilhelm Dördelmann und Lia Marianelli (von links).

„Internationaler Frühschoppen“ im „Café Schulte“, zu dem die Deutsch-Italienische Gesellschaft Unna eingeladen hatte: Antonio Veronese, Cesare Cava, Stefania Bredereck, Giampiero Landucci, Wilhelm Dördelmann und Lia Marianelli (von links). © Decius (Archiv)

Die Vorstellung, dass Männer - die ja bekanntermaßen als nicht so redselig wie Frauen gelten - sich einmal wöchentlich treffen, um zu reden, mag vielen Frauen seltsam vorkommen. Schweigen die sich zwei Stunden lang an? Über was reden Männer am Stammtisch? „Ach, das ist so alles: Lokalpolitik, Urlaub, Arbeit, einfach der Tagesablauf“, erzählt Karl-Heinz Agethen.

Gibt es Themen, die am Stammtisch unerwünscht sind? „Oh ja“, sagt Wolfgang Patzkowsky, „Rechthaberei, das geht gar nicht. Oh, und Fußball, aber das gilt nur für mich. Da habe ich keine Ahnung, da halte ich dann den Mund.“ Karl-Heinz Agethen lacht: „Ich bin da auch lieber still, ich bin ja Schalker. Da habe ich hier nichts zu melden.“

Der Stammtisch im Biergarten von Haus Agethen - hier während der Fußball-WM 2006 - trifft sich noch heute. Stets dabei: Wolfgang Patzkowsky (Mitte) und Karl-Heinz Agethen (rechts neben Patzkowsky).

Der Stammtisch im Biergarten von Haus Agethen - hier während der Fußball-WM 2006 - trifft sich noch heute. Stets dabei: Wolfgang Patzkowsky (Mitte) und Karl-Heinz Agethen (rechts neben Patzkowsky). © Archiv Patzkowsky

Die beiden Wirte bedauern es, dass die Stammtisch-Kultur es heute schwer hat. „Das fängt ja allein beim Kneipensterben schon an. Ein Stammtisch braucht eine Kneipe. Wo finde ich die heute noch?“, sagt Patzkowsky. Und Agethen ergänzt: „Für die jungen Leute heute ist alles viel unverbindlicher. Ein festes Treffen einmal im Monat ist da schon schwierig; einmal in der Woche geht da schon mal gar nicht.“ Die Tatsache, dass junge Menschen heute die Gebundenheit an den Heimatort viel schneller verlören als ihre Vorfahren, spiele ebenfalls eine Rolle. „Ein Stammtisch ist logischerweise ortsgebunden.“

Wolfang Patzkowsky und Karl-Heinz Agethen bleiben ihrem Stammtisch bei Agethen natürlich treu - auch wenn er irgendwie aus dem Rahmen fällt: Man trifft sich montags.

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