Unnaer Ahnenforscher bringen die Schicksale gefallener Weltkriegssoldaten ans Licht

dzNeue Online-Kartei hilft

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es jetzt erstmals eine Kartei online, die die Daten gefallener deutscher Soldaten bündelt. Was das für die Angehörigen bedeutet, zeigt ein Beispiel des Ahnenforscherstammtisches Unna.

Unna

, 07.07.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Wolldecke, einen „Kopfschützer“, ein Pulswärmer, Fingerhandschuhe, ein Übermantel, eine Leibbinde, ein Schal, eine Unterjacke, Wollfäustlinge und russische Filzstiefel: Die Ausrüstung, deren Erhalt Heinz Knöpper im Winter 1943/44 mit seiner Unterschrift in seinem Soldbuch bestätigt, lässt erahnen, wie kalt es dort gewesen sein muss, wo sich der junge Soldat aufhielt.

77 Jahre später weiß Georg Palmüller dank einer neuen Online-Datenbank nicht nur, welche Winterausrüstung der erste Ehemann seiner Mutter trug, sondern auch, wo sich sein Grab befindet.

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Es sind Informationen wie diese, die für Angehörige von Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg fielen, in vielen Fällen völlig neu sein dürften. Wo ist der eigene Großvater beerdigt? Gibt es vielleicht noch Dokumente, Fotos sogar, die ihn zeigen? Wer sich mit diesen Fragen beschäftigt, musste bisher mühsam Informationen von verschiedenen Stellen zusammensuchen.

Jetzt hilft eine neu digitalisierte Verlust- und Gräberkartei der deutschen Militärangehörigen, auf einen Blick Informationen zu im Krieg gefallenen Soldaten zu finden. Bisher war für die Recherchen in der analogen Kartei ein Antrag auf Einsicht beim Bundesarchiv nötig – die Wartezeit betrug häufig mehrere Monate.

Treffen zur Zeit nur Online


Kostenlose Tipps und Beratung

  • Momentan finden die monatlichen Treffen des Ahnenforscherstammtisches ausschließlich online statt. Teilnehmen kann jeder Interessierte, es besteht keine Pflicht zu einer Mitgliedschaft und es fallen keine Kosten an.
  • Informationen zum nächsten Treffen über die Online-Plattform „Zoom“ gibt es auf der Homepage des Ahnenforscherstammtisches Unna www.ahnenforscher-stammtisch-unna.de

„Die Online-Plattform Ancestry hat diese Kartei mit über zwei Millionen Soldatennamen digitalisiert“, erklärt Georg Palmüller vom Ahnenforscherstammtisch Unna, „das eröffnet ganz neue Suchmöglichkeiten.“ Die Ahnenforscher arbeiten bereits seit einigen Jahren mit der Online-Plattform zusammen.

„Ancestry“ digitalisiert Bestände von Archiven, Standesämtern oder Museen – finanziert durch Mitgliedsbeiträge, die durch Abos generiert werden.

Georg Palmüller hat die neue Online-Kartei getestet – ausgehend von einem einzigen Dokument, das ihm vorlag: Die Heiratsurkunde seiner Mutter mit ihrem ersten Ehemann. „Ich wusste nur seinen Namen, seinen Geburtsort Bergkamen und seinen Geburtstag. Damit habe ich in der Kartei eine Suche gestartet“, erklärt Palmüller.

Und prompt tauchte eine Karteikarte auf: Heinz Knöpper, Obergefreiter, gefallen am 23. März 1944 bei Schaulen im nördlichen Litauen. „Sogar die Grabnummer steht dort“, ist Palmüller fasziniert. Auf einen Blick hatte er plötzlich Informationen zur Hand, über die Zuhause nie gesprochen wurde.

Die Winterbekleidung 1943/44 hat Heinz Knöpper erhalten - das geht aus diesem Eintrag im Soldbuch hervor, das Georg Palmüller auf Anfrage beim Bundesarchiv erhielt.

Die Winterbekleidung 1943/44 hat Heinz Knöpper erhalten – das geht aus diesem Eintrag im Soldbuch hervor, das Georg Palmüller auf Anfrage beim Bundesarchiv erhielt. © privat

Auf der Rückseite der Karteikarte, die ebenfalls digitalisiert wurde, verrät ein handschriftlicher Vermerk sogar, welche Verletzungen Heinz Knöpper erlitten hatte: „Granatsplitter linkes Bein“. Georg Palmüller weiß jetzt nicht nur, wo der erste Ehemann seiner Mutter beerdigt ist; er nutzte die auf der Karteikarte stehenden Informationen auch, um an das Bundesarchiv zu schreiben.

„Ich habe gefragt, ob es noch Dokumente von ihm gibt. Mit den Daten, die ich jetzt habe, konnte ich das ja sehr genau eingrenzen, in welchem Regiment er war.“ Und tatsächlich bekam Georg Palmüller Post vom Bundesarchiv, darin: Das Soldbuch und das Wehrstammbuch von Heinz Knöpper. Urlaubszeiten, Krankenakten, alle Kämpfe, an denen er teilnahm und Quittungen für die ausgehändigten Winterkleider – die beiden kleinen Büchlein enthalten eine Fülle an Informationen, die aus einem bloßen Namen plötzlich ein Schicksal werden lassen.

Georg Palmüller ist sich sicher, dass derartige Informationen viele Angehörige von im Krieg gefallenen Soldaten interessieren – zumal in aller Regel Zuhause meist nie darüber gesprochen wurde. „Wer sich dafür interessiert, kann sehr gerne bei unserem Treffen einmal bei Ancestry reinschnuppern; wir erklären das gerne“, bietet Palmüller an. Allein die Stichwortsuche „Unna“ in der Online-Kartei ergibt auf einen Schlag über 1600 Treffer – jeder einzelne ein individuelles Schicksal.

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