Eine Baustelle im kleinen Afferde hat Modellcharakter für ganz NRW: Weil die A1-Brücke über den Afferder Weg drei Monate schneller als geplant fertiggestellt wurde, kam am Donnerstag sogar ein Minister vorbei.

Unna

, 23.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Verkehr fließt wieder. Es ist unüberhörbar: Oben donnern die Lastwagen über die A1, unten nutzen Pendler mit ihren Autos den Afferder Weg als Abkürzung. Dass hier gerade eine Brücke der sechsspurigen A1 in Rekordzeit neu gebaut wurde, lässt allenfalls der Andrang an Kameraleuten vermuten. Denn hier, im kleinen Afferde, ist in den vergangenen Monaten Brückenbau-Geschichte geschrieben worden: Drei Monate früher als geplant ist die neue Brücke der A1 über den Afferder Weg fertig geworden.

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Franz-Josef Fischer ist stolz auf „seine“ Brücke. „Vor einem Jahr bekamen wir das Ok für den Bau und heute Nacht haben wir hier den letzten Rückbau gemacht. Das ist wirklich unglaublich“, sagt der Brückenbau-Projektleiter von Straßen NRW und klingt dabei selbst noch erstaunt, wie schnell das alles ging. Eine alte Brücke abreißen, eine neue Brücke bauen und das alles im laufenden Verkehr - bei einer Brücke, über die täglich 120.000 Fahrzeuge fahren, macht man das nicht „mal eben so“.

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Die neue A1-Brücke über den Afferder Weg

Und doch ist genau das in Afferde passiert: Weniger als acht Monate liegen zwischen dem Abbruch der alten und der Freigabe der neuen Brücke für den Verkehr. Eine Vollsperrung gab es „nur“ für den unter der Brücke gelegenen Afferder Weg; oben auf der A1 rollte der Verkehr während der gesamten Bauzeit - und das sogar sechsspurig. Statt der Reduzierung auf vier Fahrspuren entschieden sich die Planer für sechs schmalere Spuren - vor allem, um Rückstaus bis ins stauträchtige Kreuz Dortmund/Unna zu vermeiden.

Im Dezember 2019 war die erste Brückenhälfte der alten Brücke bereits abgerissen. Der Verkehr fuhr weiterhin auf sechs Spuren - allerdings schmalen Fahrspuren, denn nur der noch stehende Teil der alten Brücke stand dafür zur Verfügung.

Im Dezember 2019 war die erste Hälfte der alten Brücke bereits abgerissen. Der Verkehr fuhr weiterhin auf sechs Spuren - allerdings schmalen Fahrspuren, denn nur der noch stehende Teil der alten Brücke stand dafür zur Verfügung. © Anna Gemünd

Brückenbauteile wurden im Betonwerk vorgefertigt

Für die Verkehrsteilnehmer auf der A1 bedeutet das: Sie fuhren zunächst auf einem Teil der alten Brückenhälfte, während der andere Teil abgerissen wurde und dann auf der ersten neuen Brückenhälfte, die parallel gebaut wurde.

„Dass wir eine Kernbauzeit von nur acht Monaten haben, ist ein herausragender Vorteil.“
Thomas Oehler, Abteilungsleiter von Straßen NRW

Möglich wurde dies durch eine Idee der Firma Echterhoff: Wenn man die Brückenbauteile im Betonwerk vorfertigen lässt, müssen sie vor Ort „nur noch“ montiert werden. „Das bringt eine enorme Zeitersparnis“, erklärte Theo Reddemann, Technischer Leiter der Firma aus Westerkappeln, am Donnerstag dem NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst vor Ort.

„18 Tage haben wir für den Einbau der Brückenbauteile für die erste Fahrtrichtung gebraucht, beim zweiten Bauwerk waren es sogar nur 15 Tage“, sagte Reddemann. Was für den Diplom-Ingenieur und den Verkehrsminister gut klingende Zahlen sind, spüren die Autofahrer auf der A1 ganz praktisch: Wäre die Brücke in konventioneller Bauweise gebaut worden, würden sie noch bis Mai 2021 durch eine Baustelle fahren. „Dass wir eine Kernbauzeit von nur acht Monaten haben, ist ein herausragender Vorteil“, freute sich auch Thomas Oehler, Abteilungsleiter von Straßen NRW.

So sieht die Brücke von unten aus: Gut zu erkennen ist hier, dass die Brücke faktisch aus zwei Brücken gebaut wurde, die zusammen nun ein Brückenbauwerk bilden.

So sieht die Brücke von unten aus: Gut zu erkennen ist hier, dass das Bauwerk faktisch aus zwei Brücken besteht, die zusammen nun ein Brückenbauwerk bilden. © Anna Gemünd

Keine Restarbeiten mehr notwendig dank fertiger „Kappe“

Dass der Afferder Weg bereits wieder befahrbar ist und nicht wegen Restarbeiten an der Brücke nochmal gesperrt werden muss, liegt ebenfalls an einem Pilotverfahren, das an der A1-Brücke getestet wurde: Normalerweise wird der äußere Rand einer Brücke, die sogenannte Kappe, im letzten Bauabschnitt gebaut und dafür werden Gerüst und Schalung aufgebaut, um die Kappe aus Beton gießen zu können. Am Afferder Weg wurde diese Schalung aus Stahlblech gleich zu Beginn geliefert und ausbetoniert - und sie bleibt nun auch am Brückenbauwerk. Bei einer „normalen“ Schalung müsste sie anschließend wieder abgebaut werden - und dafür der Bereich unter der Brücke gesperrt werden.

Diplom-Ingenieur Theo Reddemann von der Baufirma Echterhoff (r.) erläutert NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst das Pilotverfahren, nach dem in Afferde die neue Autobahn-Brücke gebaut wurde.

Diplom-Ingenieur Theo Reddemann von der Baufirma Echterhoff (r.) erläutert NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst das Pilotverfahren, nach dem in Afferde die neue Autobahn-Brücke gebaut wurde. © Anna Gemünd

Baukosten: Acht Millionen Euro

„Dieses Verfahren birgt einen großen Vorteil für den Verkehr, der unter einer Brücke hindurchläuft. Bei Bahnbrücken hat dieses Verfahren beispielsweise viel Sinn, damit wir nicht im Nachgang des Brückenbaus nochmal in den Verkehr eingreifen müssen, um die Schalung abzubauen“, erklärt Franz-Josef Fischer.

Afferde soll Schule machen - das sieht auch der NRW-Verkehrsminister so. „Bei der Planung, bei der Genehmigung und beim Bauen - am Ende kommt es immer aufs Tempo an“, sagt Hendrik Wüst. „Diese Brücke konventionell zu bauen, wäre günstiger gewesen. Aber es ist auch im Sinne des Steuerzahlers, wenn Staus und Umleitungen vermieden werden, weil eine Baustelle schnell fertig ist.“ Insgesamt acht Millionen Euro hat das Pilotprojekt gekostet. Es sind Kosten, die sinken könnten, wenn die Bauweise Schule macht, hoffen die Fachleute. Eine Bauweise, die im kleinen Afferde ihren Anfang nahm.

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