65-Jähriger versus 87-Jähriger: Familienfehde wird vor Gericht ausgetragen

dzGerichtsprozess

Was genau am 8. Mai passiert ist, konnte auch vor Gericht nicht aufgeklärt werden. Ein Familienstreit erreichte dort einen Höhepunkt und bescherte einem 65-Jährigen einen Freispruch.

von Jana Peuckert

Unna

, 15.08.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Noch bevor der Prozess wegen Körperverletzung, Nötigung und Hausfriedensbruch im Amtsgericht Unna überhaupt los ging, wurde deutlich, wie verhärtet die Fronten zwischen den Familienmitgliedern sind. „Lass uns das Kriegsbeil hier begraben. Hör auf, zu lügen. Denk an deine Tochter. Willst du die Familie kaputt machen“, schmetterte der 65-jährige Angeklagte seinem als Zeugen geladenen Schwiegervater entgegen. Der 87-Jährige reagierte mit verächtlichem Schnauben.

Nachdem der Richter die Beteiligten zur Ruhe mahnte, konnte die Verhandlung dann aber beginnen. Am 8. Mai soll der Angeklagte auf der Suche nach seiner Frau bei seinem Schwiegervater in Unna aufgetaucht sein. Er soll den Rentner an der Wohnungstür zu Boden geschubst und sich dann in die Wohnung gedrängt haben.

Wegen Eheproblemen ins Sauerland gefahren

Gar nicht wahr, stritt der Angeklagte den Vorwurf ab. Dann holte er aus: Im Februar habe er Stress mit seiner psychisch kranken Frau gehabt, weshalb er ins Sauerland gefahren sei. Als er zurückgekehrt sei, habe er seine Frau nicht angetroffen. Er habe sie bei ihren Eltern vermutet und sei deshalb sofort zu ihnen gefahren. Der Schwiegervater habe ihm den Zutritt verweigert. Von da an sei er wochenlang jeden Tag zu seinen Schwiegereltern gefahren.

So auch am 8. Mai: „Mein Schwiegervater machte gleich den Lauten. Man kann mit ihm einfach nicht mehr reden.“ Er sei, so der Unnaer weiter, nur ein kleines Stück in den Flur gegangen, um seinen Hund herauszuholen. Dann sei er wieder verschwunden. „Ich habe ihm nichts getan. Das würde ich nie tun. Der Mann ist fast 88 Jahre alt“, beteuerte er.

Schwiegervater mit harschen Vorwürfen

Als der Schwiegervater den Zeugenstand betrat, ging er verbal sofort auf den Angeklagten los. Er sollte aufhören, ihn mehrmals täglich anzurufen: „Meine Frau und ich, wir sind alt. Wir wollen unsere Ruhe.“ Abermals musste der Richter für Ruhe sorgen. Bezüglich des Tat-Tages gab der Rentner an, sein Schwiegersohn sei in die Wohnung gestürzt. „Er hat mich umschlungen und mich auf den Boden geworfen“, so der Unnaer. Der 65-Jährige habe ihm nicht geglaubt, dass seine Frau nicht da war. „Er hat jedes Zimmer abgesucht.“

Attest überzeugt den Richter nicht

Was der Angeklagte nicht wusste: Seine Frau war zu der Zeit längst in einer Psychiatrie. Zum Beweis des Schubsens legte der Zeuge ein Attest vor. Das konnte den Richter allerdings nicht recht überzeugen. Zwar hatte ein Arzt eine Gesäß- und Hüftprellung attestiert, allerdings gab es weder Hämatome noch Prellmarken. Die Diagnose war lediglich aufgrund der Aussage des Rentners, er habe Schmerzen, erstellt worden.

Der Richter äußerte ganz klar, dass beim Zeugen eine gewisse Belastungstendenz gegenüber dem Angeklagten nicht auszuschließen sei. Schmerzen könnte er auch vorgetäuscht haben. „Ich kann da kein Urteil drauf stützen“, begründete der Richter daher schließlich den Freispruch für den 65-Jährigen.

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