25 Jahre Kinderhaus in Unna: Erziehung zur Selbstständigkeit mit rosa Turm und ohne Barbie

dzMontessori-Kinderhaus

Seit 25 Jahren macht das Montessori-Kinderhaus in Unna vieles anders als andere Kindergärten. Den Grundideen könnte sich aber vermutlich jeder anschließen: Kinder lernen in Ruhe, selbstständige Menschen zu werden.

Unna

, 30.11.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Eheleute Annette und Wilhelm Friedrichs legten vor einem Vierteljahrhundert den Grundstein für eine besondere Pädagogik in Unna. Aufgrund ihrer Initiative wurde das Montessori-Kinderhaus in Unna gegründet. Der Kinderarzt Friedrichs hatte seinerzeit noch seine Praxis an der Weberstraße. Anfangs waren oben die Praxisräume, und unten wurden die ersten Gruppen des Kindergartens eingerichtet.

25 Jahre Kinderhaus in Unna: Erziehung zur Selbstständigkeit mit rosa Turm und ohne Barbie

„Hilf mir, es selbst zu tun!“ Die Grundsätze der Reformpädagogin Maria Montessori hängen im Kinderhaus an der Wand. © Raulf

Ziel: Kinder zur Selbstständigkeit erziehen

„Wir haben mal mit fünf Leuten angefangen“, erinnert sich Erzieherin Barbara Ligges. Sie hatte kurz nach ihrer Ausbildung im Dezember 1994 in der neuen Montessori-Einrichtung angefangen, ist dort geblieben - und hat es nie bereut. „Ich hatte den Gedanken immer im Kopf, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen“, sagt sie. Als Auszubildende in einem Regelkindergarten war sie aber noch an Grenzen gestoßen. Furchtbaren Ärger habe sie zum Beispiel einmal bekommen, als sie ein Kind beim Backen einen Handmixer benutzen ließ. Im Montessori-Kinderhaus hingegen ermuntern sie und ihre Kollegen die Kinder, eigenständig zur Backstation zu gehen und dort zu arbeiten.

Montessori-Kinderhaus

In Unna gewachsen

  • Das Montessori-Kinderhaus an der Weberstraße wurde am 1. Dezember 1994 eröffnet. 45 Kinder wurden zunächst in zwei Gruppen betreut, und es gab fünf Erzieherinnen.
  • Zwischenzeitlich war die Einrichtung auch ein Hort, in dem Kinder bis 14 Jahre nach der Schule betreut wurden. Dann wurden an Grundschulen die Offenen Ganztagsschulen (OGS) eingerichtet.
  • Inzwischen gibt es im Montessori-Kindergarten vier Gruppen mit aktuell 74 Kindern im Alter von 1 bis 6. Das pädagogische Team umfasst 20 Mitarbeiter, darunter auch zwei Männer.
  • Das Montessori-Kinderhaus arbeitet wie alle anderen Kindertageseinrichtungen im Rahmen des Kinderbildungsgesetzes (Kibiz), was Bildungsauftrag, Wochenstunden und Elternbeiträge angeht.

Die neue Chefin schätzt Ruhe und Struktur

„Hilf mir, es selbst zu tun“, lautet einer der Kernsätze der italienischen Reformpädagogin Maria Montessori (1870-1952). Die Erzieher in der anerkannten Montessori-Einrichtung in Unna arbeiten danach. Sie müssen sich nach ihrer eigentlichen Ausbildung noch einmal zwei Jahre lang weiterbilden für das Montessori-Diplom. Nicole Bosmans hat das noch vor sich. Sie ist seit Kurzem die neue Leiterin des Kindergartens an der Weberstraße, hat vorher bei einem anderen großen Träger gearbeitet, und ihre Montessori-Fortbildung steht noch an. Schon jetzt aber zeigt sie sich begeistert vom Konzept und der Umsetzung. Sie erlebe eine beeindruckende Ruhe, auch Ordnung und Struktur in den Gruppen. „Kinder wünschen sich das, sie fordern es ein“, sagt die Pädagogin.

25 Jahre Kinderhaus in Unna: Erziehung zur Selbstständigkeit mit rosa Turm und ohne Barbie

In Barbara Ligges‘ Gruppe gehört das Anzünden der Kerze zum Morgenritual. Nicht nur Luisa macht das unter Aufsicht, aber selbstständig. Sie weiß, wo alle Utensilien sind und worauf es ankommt. © Borys Sarad

Ein „rosa Turm“, aber kaum bunte Spiele

Es gibt kaum bunte Marken-Spiele wie „Halli Galli“ oder beispielsweise „Barbie“-Puppen im Montessori-Haus. „Das haben die Kinder zu Hause“, sagt Barbara Ligges. Sie lädt Kinder auch nicht zum Spielen ein, sondern dazu, sich „eine Arbeit“ zu holen. Arbeitsmaterialen, die nach Montessori-Grundsätzen konzipiert sind, spielen eine wesentliche Rolle im Kindergartenalltag. Zahlen zum Beispiel haben eine Oberfläche aus Sandpapier, die die Kinderhand nicht nur sehen, sondern auch ertasten kann. Der „rosa Turm“, ein Montessori-Klassiker, besteht aus zehn „Kuben“ genannten Würfeln, die das Kind in der richtigen Reihenfolge, nach Größe sortiert, aufeinander stapelt, zur Schulung der Motorik, auch zur Vermittlung von Größen- und Gewichtsverhältnissen. Im Gruppenraum hat alles seinen Platz in Regalen, sei es das Backmaterial inklusive bebilderter Anleitung, das Tablett mit Gerätschaften für Schüttübungen, das Zahlenbrett für Divisionsaufgaben.

25 Jahre Kinderhaus in Unna: Erziehung zur Selbstständigkeit mit rosa Turm und ohne Barbie

Manche netten Ideen setzt die Montessori-Einrichtung um wie viele andere Kindergärten auch. © Borys Sarad

Erziehung auf Augenhöhe des Kindes

In Kontakt mit Schulfertigkeiten wie Schreiben oder Rechnen kommen die Kinder nicht erst im Vorschulalter, sondern schon deutlich früher, wenn sie es wünschen.

Die Kinder lernen, wo alle Materielien sind und dass sie selbst Ordnung halten. „Wir arbeiten auf Augenhöhe des Kindes“, sagt Erzieherin Ligges. „Die Kinder werden nicht über- und nicht unterfordert und respektieren sich auch gegenseitig.“ Entsprechend den Montessori-Grundsätzen habe sie auch ihre eigenen Kinder erzogen, sagt die heute 46-Jährige. „Und dabei ist nicht viel schlecht gelaufen.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Spenden für Kinder
Falken-Kinderclub: Eine warme Mahlzeit dank Spenden der „Aktion für Kinder in Unna“