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15 Jahre Unnaer Tafel: „Es ist nicht besser geworden“

dzInterview

Mit acht Kunden begann die Arbeit der Unnaer Tafel vor 15 Jahren. In dieser Zeit hat sich einiges verändert. Vor allem ist die Tafel zu einem großen Logistikbetrieb geworden. Denn aus acht Kunden sind über 2000 geworden.

Unna

, 12.06.2019 / Lesedauer: 7 min

Im Interview blicken die Tafel-Vorsitzende Ulrike Trümper und der stellvertretende Vorsitzende Roland Lutz zurück in die Geschichte und gewähren Einblicke in die Situation bedürftiger Menschen.

Können Sie sich noch an die Anfänge der Tafel in Unna vor 15 Jahren erinnern?

Ulrike Trümper: Angefangen hat es mit einem Fernsehbericht, den ich gesehen habe. Es ging um eine Tafel in Berlin. Ich dachte, das könnte Unna auch gebrauchen. Ich habe damals in der Aids-Hilfe gearbeitet und gesehen, dass es Armut gibt. Dann haben wir einfach angefangen, ohne viel zu überlegen. Es ließen sich auch schnell Leute dafür begeistern. Anfangs haben wir mit unseren Privatautos Ware eingefahren. Wir hatten zunächst kaum Geschäfte. Lidl an der Hansastraße war das erste Geschäft, wo wir Ware abgeholt haben. In Dortmund und Wuppertal gab es schon Tafeln. Die haben wir uns angeschaut. Und was wir da gesehen haben, war einfach faszinierend. In Wuppertal gab es auch eine Obdachlosenspeisung und ein eigenes Ärzteteam, das Obdachlose versorgt hat. Das wollten wir anfangs auch alles, es war aber nicht umzusetzen.

Und wo fing die Tafel in Unna an?

Trümper: Wir haben von der Lüsa einen kleinen Kiosk an der Hertingerstraße übernommen. Von den Stadtwerken erhielten wir eine kleine Kühltruhe. Die mussten wir erst einmal auseinanderbauen, weil sie gar nicht in den Kiosk passte. Angefangen haben wir mit acht Kunden.

Wie viele sind es heute?

Trümper: Es sind heute im Kreis Unna 900 Kunden. Hinter den meisten stehen weitere Menschen. Die stärksten Familien hier bestehen aus zwölf Personen. Insgesamt verpflegen wir 2259 Kunden kreisweit.

Wie geht es diesen Menschen?

Trümper: Wir sehen viel Altersarmut. Senioren füllen inzwischen einen eigenen Ausgabetag. Es gibt viele Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben und jetzt von einer Mindestrente leben müssen. Hier stehen viele Frauen, deren Männer verstorben sind und die nur einen bestimmten Satz Rente ausbezahlt bekommen. Das reicht hinten und vorne nicht. Es sind auch viele alleinerziehende Mütter hier.
Und natürlich kaufen hier einige Menschen mit Migrationshintergrund ein. Eine neue Familie können wir immer dann aufnehmen, wenn wir jemanden von der Liste streichen, weil er in Lohn und Brot ist oder verstorben oder viermal in einem Monat nicht zur Ausgabe erschienen ist. Ende des Monats streichen wir immer diese Leute, dann können wir neue aufnehmen. Wartelisten haben wir inzwischen abgeschafft. Manchen Kunden hätten wir sagen müssen: „Kommen Sie in zwei Jahren wieder.“

Mehr Kunden können Sie nicht aufnehmen?

Trümper: Der Lebensmittelstrom ist endlich. Viele Geschäfte gehen dazu über, Dinge nicht mehr wegzuwerfen oder günstiger abzugeben. Auch im Rahmen von Foodsharing-Projekten werden Lebensmittel abgeholt. Dadurch ist es für Tafeln ein bisschen schwieriger geworden. Es gibt weniger Lebensmittel. Wir fahren im Moment bis Münster oder Dortmund, um Lebensmittel abzuholen. Der Kuchen wird jetzt geteilt, könnte man sagen. Das ist aus meiner Sicht in Ordnung. Aber es führt auch dazu, dass wir nicht unbegrenzt Menschen aufnehmen können.

Gibt es Geschäfte, die noch nicht mit der Tafel zusammenarbeiten, die sich also an dem Projekt noch beteiligen könnten?

Trümper: Die großen Ketten wie Aldi und Lidl haben Verträge mit der Deutschen Tafel. Wer selbst bestimmen kann, das sind Geschäfte wie Rewe und Edeka. Da sitzen Geschäftsführer drin, die sagen ganz einfach, „wir möchten es nicht an die Tafel abgeben, wir geben es an Foodsharing ab oder wir machen etwas anderes damit“. Da haben wir keinen Einfluss. Da können wir nur nachfragen. Und wer nicht will, der will nicht.

Roland Lutz: Es gibt immer wieder Kritik, warum wir nicht mehr Leute aufnehmen. Wir haben eine begrenzte Anzahl Personen, auch Logistik und Lebensmittel sind begrenzt. Wir können nicht so viele Menschen aufnehmen, wie möglicherweise kommen würden. Dann würde vielleicht jeder nur einen Blumenkohl mit nach Hause nehmen. Das wäre Unsinn. Das entlastet die Menschen nicht in ihrem Alltag. Wir müssen gucken, dass die Anzahl Lebensmittel pro Kunde so ist, dass er etwas damit anfangen kann, dass es sich für ihn lohnt. Möglicherweise müssen Menschen, die bedürftig sind, lange warten, bis sie hier dran sind. Das ist so. Das ist traurig. Aber das können wir nicht ändern.

Alleinerziehende Mütter müssen zur Tafel gehen, Witwen, die im Alter zu wenig Geld haben. Warum sind diese Probleme nicht in den Griff zu bekommen, auch wenn das vor Wahlen immer von der Politik versprochen wird?

Lutz: Wir sind kein parteipolitischer Verein. Wir sind aber auch kein unpolitischer Verein. Wir leben in einer Gesellschaft, in der struktuerell Armut produziert wird. Bis auf wenige Ausnahmen haben wenige Parteien Konzepte dagegen, die zeitnah greifen. Die Diskussion um die Grundrente und die Panik, die einige Parteien vor der Grundrente haben, die dazu dient, dass Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, auch ein vernünftiges Renteneinkommen haben – das spricht ja Bände. Das Hartz-IV-System produziert systematisch Armut. Das muss man einfach klar sagen. Es ist ein ungerechtes System. Wir haben natürlich auch Flüchtlinge. Ich finde es völlig richtig, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt. Aber natürlich sind das auch arme Menschen, die sich freuen, wenn sie ihr schmales Kontingent auffrischen können mit Lebensmitteln von hier. Wir haben struturelle Armut und ich sehe nicht, dass sich das in den nächsten Jahren durch irgendwelche politischen Maßnahmen so sehr ändert, dass die Tafeln überflüssig werden. Obendrein darf man nicht vergessen: Wir sind als Verein nicht angetreten, um Armut zu bekämpfen, sondern um Lebensmittelvernichtung zu verhindern. Wie haben die Brücke zu armen Menschen gebaut.
Die europäische Kommission hat in ihrem Armutsbericht Deutschland erstmals als Land mit großen Ungerechtigkeiten in der Armutsverteilung bezeichnet. Es ist in den letzten Jahren nicht besser geworden, sondern schlechter. Und das merken wir auch an den Tafeln.

Sie sind jetzt im dritten Jahr am Standort Dorotheenstraße, in einem ehemaligen Aldi-Markt. Geht es der Tafel gut hier?

Trümper: Besser könnte es uns gar nicht gehen. Wenn man bedenkt, wie oft wir umgezogen sind... Am Breitenbach-Gelände war es noch ganz gut, aber finanziell nicht zu machen. In der Paul-Gerhardt-Gemeinde wurde es zu eng. Dieser Standort bringt uns riesige Vorteile, auch weil dies mal logistisch für den Lebensmittelverkauf geplant war. Alleine die Kühlmöglichkeiten, die wir jetzt haben, hatten wir früher nicht.

Wie viel Platz steht Ihnen an der Dorotheenstraße zur Verfügung?

Trümper: Wir haben 400 Quadratmeter für den Verkauf und 200 Quadratmeter Lager. Es wird schon fast wieder zu klein. Wir haben schon für die Tier-Tafel eine Hütte aufgebaut. Wir haben natürlich auch mehr Menschen aufgenommen, nachdem wir aus der beengten Situation ‘raus waren.

Und hier ist ja nicht nur die große Unnaer Ausgabestelle...

Trümper: ...genau. Hier läuft auch die ganze Anlieferung ein für den Kreis Unna. Dafür braucht man natürlich Platz.

Hat die Tafel hier eine langfristige Perspektive?

Trümper: Ja, die Dr.-Jürgen-Gesling-Stiftung hat das Gebäude speziell für die Tafel gekauft. Sie unterstützt uns sehr. Das war ein Glücksgriff. Die Stiftung fördert auch eine Stelle für unser Café.

Wofür betreiben Sie zusätzlich ein Café?

Trümper: Für viele Menschen ist das ein Treffpunkt. Hier sitzen viele ältere Frauen zum Frühstück. Das ist auch so etwas wie eine Informationsbörse. Hier können diese Menschen zusammenkommen und miteinander sprechen. In der Stadt ist das nicht möglich, weil es dort viel zu teuer ist. Hier können Leute mit weniger Geld auch ihre Geburtstage feiern. Das Café ist auch die einzige Möglichkeit, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir sind ein so großer Umschlagebetrieb geworden, dass vieles dabei auf der Strecke bleibt. Früher hätten wir Ihnen noch Geschichten über Menschen erzählen können. Heute können wir das schon lange nicht mehr.

Wie funktioniert dieser Betrieb?

Lutz: Von Unna aus werden die anderen Ausgabestellen bedient. Das ist eine große Logistik. Hier werden die Lebensmittel angeliefert, sortiert und in die anderen Ausgabestellen geschickt. Das hier ist sozusagen die Drehscheibe. Neun Ausgaben gibt es im Kreis Unna. Die größte ist in Lünen. Dort stehen 100 bis 110 Menschen vor der Tür, direkt gefolgt von Königsborn mit rund 80 Kunden am Tag.

Wie viele Mitarbeiter leisten diese Arbeit?

Trümper: Wir haben 35 so genannte Ein-Euro-Jobber und drei Stellen, die gemeinsam mit dem Jobcenter finanziert werden. Der Eigenanteil bei diesen drei Stellen steigt Jahr für Jahr. Bei zwei Stellen trägt ihn die Tafel, bei einer die Gesling-Stiftung. Hinzu kommen insgesamt 120 Ehrenamtliche im Kreis. Viele Ausgabestellen werden ehenamtlich betrieben. Wir bringen die Ware dorthin, und die Stellen sind so organisiert, dass sie die Waren verteilen.

Gibt es für Ehrenamtliche die Möglichkeit, einzusteigen und bei der Tafel mitzuhelfen?

Trümper: Wir haben sozusagen feste Stämme. Wer sich ehrenamtlich einbringen möchte, der fährt am besten zu den Kollegen bei der Ausgabestelle und spricht sich mit denen ab. Die Verantwortlichen vor Ort wissen am besten, wie viele Leute dort gebraucht werden. Die Ausgabestellen organisieren sich selber.

Vor Weihnachten 2018 mussten Sie vier Ausgabestellen in Massen, Fröndenberg, Holzwickede und Bönen schließen, weil geförderte Arbeitsstellen wegbrachen. Läuft der Betrieb jetzt wieder normal?

Trümper: Wir haben jetzt Ein-Euro-Jobber. Von der Verlässlichkeit her ist das nicht das gleiche wie vorher. Die Leute können maximal 160 Euro dazuverdienen. Da muss man sich fragen, wie groß der Anreiz ist. Vorher hatten wir Menschen, die 1200 Euro verdient haben. Manche haben eine kleine Aufstockuung bekommen, aber der Rest war weg vom Jobcenter. Diese Stellen gibt es nicht mehr. Da hat uns Hubertus Heil kein Heil gebracht, sondern viel Elend. Jetzt haben wir eine große Fluktuation und weniger Verlässlichkeit. Das hätte anders besser laufen können.

Lutz: Hubertus Heil hat nicht nur Quark gemacht. Er hat Beschäftigungs-Anschlussperspektiven geschaffen für die Menschen, die in diesem Programm vorher waren. Aber nun muss der jeweilige Träger einen wachsenden Eigenanteil übernehmen. Das war bis dato nicht der Fall. Wir leben nur von Spenden. Das darf man nicht vergessen. Wir haben keinerlei Quellen aus dem öffentlichen Bereich, um Personal zu finanzieren.
Und mit Ehrenamtlichen allein sind unsere Aufgaben nicht zu bewältigen. Ehrenamtliche sind oft ältere Menschen, die können nicht Kisten den ganzen Tag über hin- und herschleppen, die zehn bis 20 Kilogramm wiegen. Wir sind auf das Jobcenter angewiesen, und an sich funktioniert die Zusammenarbeit tadellos. Das Jobcenter hat sich sehr bemüht, uns unter die Arme zu greifen, damit wir nach dem Engpass wieder möglichst schnell in normale Bahnen kommen.

Wie arbeiten Ehrenamtler und Ein-Euro-Jobber zusammen?

Lutz: Wir bekommen viele Ein-Euro-Kräfte zugewiesen, die keinen Führerschein haben. Deswegen brauchen wir ehrenamtliche Fahrer. Die suchen wir immer. Die fahren morgens von 8 bis ungefähr 13.30 Uhr. Wir fahren jeden Morgen 69 Geschäfte ab. An den Rampen wird sortiert. Das ist oft für Ehrenamtliche schwierig. Bei Wind und Wetter an der Rampe zu stehen, das ist eine Knochenarbeit. Deswegen fahren viele Ehrenamtliche mit zwei Ein-Eurojobbern.

Trümper (schmunzelnd): Und dann habe ich noch den Fehler gemacht und für die Mitarbeiter T-Shirts in der Tafelfarbe Orange bestellt für den Sommer. Und alles Getier stürzte sich auf diese T-Shirts. Das geht gar nicht, nicht an der Rampe. Das habe ich auch gelernt.

Feier

Tafel feiert am Samstag Geburtstag

Seit dem Jahr 2004 sammelt die Unnaer Tafel Lebensmittel, die sonst vernichtet würden, und verteilt sie an sozial und wirtschaftlich benachteiligte Menschen. Am Samstag, 15. Juni, werden diese 15 Jahre gesellschaftliches Engagement an der Dorotheenstraße 32 gefeiert. Zum Tag der offenen Tür sind Tafel-Kunden und alle anderen Bürger eingeladen. Von 10 bis 16 Uhr gibt es
  • ein buntes Programm mit selbst gebackenem Kuchen im hauseigenen Café Doro,
  • einen Flohmarkt mit rund 40 Ständen (Aufbau ab 8 Uhr) und
  • eine Tombola mit vielen Preisen, gestiftet von Geschäftsleuten aus dem Raum Unna.
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