100 Jahre alt und bestens informiert: Wieso Gerda Schmalgemeyer jeden Tag Zeitung liest

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Wissen, was in der Stadt los ist: Für Gerda Schmalgemeyer ist das immens wichtig. Seit über 70 Jahren liest sie täglich den Hellweger Anzeiger – und das wird auch an ihrem heutigen 100. Geburtstag so sein.

Unna

, 18.06.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Unter der Anzeigenannahme, da war es am sichersten. Als Unna im Zweiten Weltkrieg bombardiert wurde, suchte Gerda Schmalgemeyer mit ihren Kollegen hier Schutz: Im Keller unter dem Büro der Anzeigenverkäufer im Zeitungsverlag Rubens. An der Wasserstraße arbeitete sie 15 Jahre als Sekretärin – genau in den Kriegs- und Nachkriegsjahren. Heute wird Gerda Schmalgemeyer 100 Jahre alt und der Hellweger Anzeiger begleitet sie noch immer.

„Ich muss doch wissen, was hier passiert.“
Gerda Schmalgemeyer, 100 Jahre, wieso sie jeden Tag Zeitung liest

„Das gehört einfach dazu“, sagt die resolute Dame, wenn man sie auf ihre tägliche Zeitungslektüre anspricht. Seit dem 1. Januar 1950 hält sie ein Abonnement des Hellweger Anzeigers – und als sie vergangenes Jahr ins Haus Husemann umzog, zog der Hellweger natürlich mit. Einen Tag ohne ihre Zeitung? Für Gerda Schmalgemeyer undenkbar. „Ich lese erstmal immer hinten“, gibt sie schmunzelnd zu, „ich muss ja wissen, wer gestorben ist.“ „Hinten“, da stehen die Todesanzeigen. „In meinem Alter ist das ja nicht ganz unwichtig.“

Doch wichtig ist für die Unnaerin vor allem auch das, was in ihrer Stadt geschieht. „Ich muss doch wissen, was hier passiert.“ So bringt Gerda Schmalgemeyer auf den Punkt, wieso sie auch trotz nachlassender Sehkräfte nicht auf ihre tägliche Zeitungslektüre verzichten kann und will.

Im Verlagsgebäude an der Wasserstraße 20 arbeitete Gerda Schmalgemeyer 15 Jahre als Sekretärin beim Zeitungsverlag Rubens. Damals befand sich auch die Druckerei noch in dem gleichen Gebäude.

Im Verlagsgebäude an der Wasserstraße 20 arbeitete Gerda Schmalgemeyer 15 Jahre als Sekretärin beim Zeitungsverlag Rubens. Damals befand sich auch die Druckerei noch in dem gleichen Gebäude. © Archiv

„Als die Rotationsmaschine das erste Mal wieder lief, war das wie Musik in meinen Ohren.“
Gerda Schmalgemeyer über die erste Ausgabe des Hellweger Anzeigers, die im Oktober 1949 wieder frei und unabhängig erschien

Wie wichtig verlässliche Nachrichten vor Ort sind, hat die Seniorin auch ganz direkt mitbekommen: 15 Jahre lang arbeitete sie als Sekretärin im Zeitungsverlag Rubens. Es waren die Jahre 1940 bis 1955, geprägt vom Krieg und der Nachkriegszeit. Gerda Schmalgemeyer erinnert sich noch gut, wie sie als junge Sekretärin die Bombardierungen miterlebte: „Da sind wir immer runter in den Keller. Direkt unter dem Büro der Anzeigenverkäufer war es am sichersten.“

Nie vergessen wird sie wohl den Tag, als die Amerikaner in das Verlagsgebäude kamen. „Die haben meinen Schreibtisch kaputt gemacht und dann etwas auf meiner Schreibmaschine geschrieben: Hier wird ab sofort keine Nazi-Propaganda mehr verfasst. Da war ich aber wütend und habe denen erstmal klar gesagt, dass hier niemals Nazi-Propaganda verfasst wurde“, empört sich Gerda Schmalgemeyer selbst in der Erinnerung noch.

Am 26. Oktober 1949 erschien der Hellweger Anzeiger das erste Mal wieder als freie und unabhängige Tageszeitung. Für Gerda Schmalgemeyer war das Anlaufen der Rotationsmaschine wie „Musik in meinen Ohren“.

Am 26. Oktober 1949 erschien der Hellweger Anzeiger das erste Mal wieder als freie und unabhängige Tageszeitung. Für Gerda Schmalgemeyer war das Anlaufen der Rotationsmaschine wie „Musik in meinen Ohren“. © Roman Grzelak

Mit der Ankunft der Alliierten in Unna im April 1945 durfte der Hellweger Anzeiger nicht mehr erscheinen, nur das Abdrucken amtlicher Meldungen war zunächst erlaubt. Erst am 26. Oktober 1949 erschien der Hellweger Anzeiger wieder als freie und unabhängige Zeitung – und Gerda Schmalgemeyer erinnert sich: „Als die Rotationsmaschine das erste Mal wieder lief, war das wie Musik in meinen Ohren.“ Dieser Satz allein sagt eigentlich schon alles: Gerda Schmalgemeyer ohne den Hellweger? – Das geht nicht. Sie wird auch heute – trotz des Trubels um ihren 100. Geburtstag – Zeit finden, ihre Zeitung zu lesen: gründlich, kritisch und stets darauf bedacht, zu wissen, was in ihrer Stadt los ist.

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