Krasse Verschwendung im Kanzleramt: 400 Büros für 1,9 Mio. Euro – pro Stück!

Redakteur
Der Erweiterungsbau des Bundeskanzleramtes soll 777 Millionen Euro kosten. Ulrich Breulmann rechnet in seinem Kommentar vor, dass man für den Preis jedes einzelnen neuen Büros auch eine Luxusvilla kaufen könnte.
Der Erweiterungsbau des Bundeskanzleramtes soll 777 Millionen Euro kosten. Ulrich Breulmann rechnet in seinem Kommentar vor, dass man für den Preis jedes einzelnen neuen Büros auch eine Luxusvilla kaufen könnte. Er hält das für skandalös. © dpa, Wolfram Kiwit / Montage: Ulrich Breulmann
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Mit dem Geld anderer Leute lässt sich wunderbar bauen. Neuestes Beispiel: der geplante Anbau an das Bundeskanzleramt in Berlin. Vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass die Erweiterung jetzt 177 Millionen Euro teurer wird als geplant. Voraussichtliche neue Gesamtkosten: 777 Millionen Euro.

Nun ist das Kanzleramt nicht irgendein x-beliebiges Bürogebäude. Daher darf es durchaus ein wenig repräsentativer sein als beispielsweise eine Aldi-Verwaltung. Auch die Sicherheitsanforderungen sind sicherlich höher als bei Firma XY und einen Hubschrauberlandeplatz und ein eigenes Haus für die Poststelle braucht auch nicht jede Verwaltung. Trotzdem treibt mir dieser unfassbar hohe Preis die Zornesröte ins Gesicht. Zur Einordnung vier Aspekte:

Auch ohne Anbau mehr Platz als im Weißen Haus in Washington

1. Auch ohne die geplante Erweiterung ist das Bundeskanzleramt schon jetzt fünfmal so groß wie das Weiße Haus in Washington. Künftig wird es mehr als neunmal so groß sein. Nur so nebenbei: Die USA sind flächenmäßig 27-mal und von der Einwohnerzahl viermal so groß wie Deutschland.

2. Seit dem Bezug des Kanzleramtes ist die Zahl der Mitarbeiter dort von 410 auf jetzt 750 gestiegen. Der ursprüngliche Bau hatte maximal Platz für 460 Beschäftigte. Daher, so teilte das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung auf Anfrage mit, hätten Büros teilweise „doppelt belegt“, Besprechungsräume zu Büros umfunktioniert und 260 Beschäftigte auch außerhalb des Kanzleramtes untergebracht werden müssen.

Warum gibt es für jeden im Kanzleramt ein Einzelbüro?

Jetzt sollen 400 neue, zusätzliche Büros geschaffen werden. Da plant man offenbar schon im Voraus mit 140 zusätzlichen Stellen über den aktuellen Bedarf hinaus. Vorgesehen sind dabei grundsätzlich nur Einzelbüros. Allerdings werde „jedes zweite Büro im Erweiterungsbau technisch für eine Doppelbelegung“ ausgerüstet, heißt es aus Berlin. Für den Notfall also, wenn es trotz 400 neuer Büros wieder eng werden sollte.

Ich frage mich, warum eigentlich jeder ein Einzelbüro haben muss. Wieso sind „doppelt belegte“ Büros – also Zimmer, in denen zwei Menschen arbeiten – überhaupt ein Problem, wieso sind sie nicht Standard und nicht nur eine Notlösung? Moderne Firmen verzichten vielfach ganz auf feste Arbeitsplätze für ihre Mitarbeiter, bieten stattdessen überall Andock-Stationen an, da ohnehin niemals alle Mitarbeiter vor Ort sind – zumal in Zeiten der Homeoffice-Hochkonjunktur? Warum geht das nicht im Kanzleramt?

Im Übrigen frage ich mich auch, warum für jede neue Verwaltungsaufgabe, so mein Eindruck, immer gleich neue Stellen geschaffen werden müssen. Ein Bäcker stellt doch auch nicht für jede neue Brotsorte, die er ins Sortiment aufnimmt, einen neuen Gesellen ein. Aber das ist noch wieder ein ganz anderes Thema.

Also 400 neue Büros. Ein „Standardbüro ist 19,5 Quadratmeter groß und verfügt über Schreibtisch, Bürodrehstuhl, Rollcontainer, Aktenschrank und einen kleinen Besprechungstisch mit zwei Besprechungsstühlen“, heißt es aus Berlin.

Ein Büro zum Preis einer Luxusvilla inklusive Arbeitszimmer

Das klingt noch halbwegs akzeptabel, aber wenn man die Gesamtkosten auf 400 Büros verteilt, kostet jedes einzelne dieser Büros 1.942.500 Euro! Dafür bekommt man selbst in Berlin eine Luxus-Villa mit Pool – und einem gut ausgestatteten Arbeitszimmer inklusive.

3. Die Baukosten pro Quadratmeter liegen bei 27.650 Euro. Ja, die Baukosten sind zuletzt eklatant gestiegen. Ich weiß auch, dass in diesen Kosten der Hubschrauberlandeplatz, das neue Post- und Logistikhaus und anderes enthalten sind. Aber selbst, wenn man Flure, Sanitärräume, Teeküchen, Parkplätze, Besprechungs- und Pausenräume sowie andere notwendigen Flächen in so einem Bürogebäude herausrechnen würde (was natürlich absurd ist), kostet das reine Standardbüro mit 19,5 Quadratmeter zwar nicht 1,9 Mio., aber noch immer 539.175 Euro.

Das ist auch nicht im Ansatz mit den Neubaukosten für Büroflächen vergleichbar, mit denen die Branche aktuell sonst kalkuliert. Die liegen nämlich meist um die 1.500 Euro pro Quadratmeter, da käme man pro Büro auf knapp 30.000 Euro.

4. In das Bürogebäude integriert ist übrigens eine Kita für 2,9 Millionen Euro – für 15 Plätze. Andernorts werden für eine solche Summe Einrichtungen für drei Gruppen a 25 Kinder gebaut. Der Kanzleramts-Kita dürfte es daher an nichts, aber auch an gar nichts fehlen.

Ein Hauch von Bescheidenheit scheint tabu zu sein

Für mich ist der Anbau an das Kanzleramt ein eklatantes Beispiel, wie gedankenlos und letztlich skandalös die öffentliche Hand noch immer das von uns allen zu erwirtschaftende Steuergeld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft. Jeder Gedanke ans Sparen, an ein wenig Zurückhaltung, an einen Hauch von Bescheidenheit scheint tabu zu sein, wenn es um das Geld der anderen geht.

Merkt eigentlich niemand bei den Verantwortlichen, wie heuchlerisch es ist, angesichts einer Mammut-Inflation und explodierender Energiepreise die Menschen auf harte Zeiten einzuschwören, während sie gleichzeitig für sich Unsummen ausgeben, damit ihre Büros möglichst schick und komfortabel sind? Mit gutem Beispiel vorangehen? Das selbst vorleben, was man seinen Bürgern predigt? Fehlanzeige. Es ist zum Heulen.

Übrigens: Wer jetzt, wie ich es erst gestern gehört habe, denkt: „Typisch, Sozis und Grüne können mit Geld eben nicht umgehen“, der liegt falsch. Die Pläne für den Erweiterungsbau wurden schon von der Vorgängerregierung, der Großen Koalition, abgesegnet. An deren Spitze stand bekanntlich Angela Merkel, Chef im Kanzleramt war Helge Braun. Beide CDU.