Reisen im zweiten Corona-Sommer: Gibt es genug Urlaub für alle?

Die Deutschen sind urlaubsreif. Selten war das Bedürfnis nach einer Reise so groß wie jetzt. Wo es voll wird, ob Urlaub teurer wird und mit welchen Regeln Reisende rechnen müssen: ein Überblick.
Sonnenbaden auf Rhodos: Griechenland dürfte im Sommer mit das gefragteste Reiseziel im Ausland sein. © picture alliance/dpa/dpa-tmn

Auf Lipsi ist die Welt noch in Ordnung, zumindest aus pandemischer Sicht. Während rund um den Erdball das Coronavirus wütet, ist die kleine griechische Ägäisinsel verschont geblieben. „Bei uns gab es seit Beginn der Pandemie keine einzige Infektion“, berichtet Bürgermeister Fotis stolz. Damit das so bleibt, sind die rund 800 Bewohner im März vollzählig gegen Covid-19 geimpft worden. Nun sollen auch endlich wieder die Touristen kommen. Lipsi ist eine von 69 griechischen Inseln mit weniger als 5000 Einwohnern, die mit dem Prädikat „covidfrei“ um Urlauber werben können.

Marios Themistokleous ist als Generalsekretär im Gesundheitsministerium in Athen zuständig für die Impfkampagne, die unter dem Namen „Operation Freiheit“ läuft. „Wir haben viele kleine Inseln“, sagt der in den USA ausgebildete Neurochirurg. Das mache die Verteilung der sehr temperatursensiblen Impfstoffe zu einer logistischen Herausforderung.

„Wir haben uns deshalb entschlossen, auf den kleinen Inseln die gesamte Bevölkerung unabhängig vom Alter gleichzeitig zu impfen.“ Um Impfstoffe und Ärzte an die Orte zu bringen, werden Flugzeuge der Streitkräfte, Rettungshubschrauber und Schnellboote der Küstenwache eingesetzt.

Das wertvolle Prädikat „coronafrei“ hat bereits Ende Januar Kastelorizo, Griechenlands östlichste Insel, bekommen. Das nur neun Quadratkilometer große Eiland liegt 125 Kilometer östlich von Rhodos unmittelbar vor der türkischen Südküste. 90 Prozent der rund 500 Einwohner leben vom Tourismus. „Unsere Angst ist jetzt der Zuversicht gewichen“, sagt Vizebürgermeister Stratos Amygdalos. Zu den „covidfreien“ Oasen gehören weitere Inseln.

Das lässt hoffen. Hoffen auf einen Urlaub ohne Angst. Denn auch wenn noch nicht von einem gänzlich unbeschwerten Reisesommer die Rede sein kann – es geht voran. Das Impftempo steigt, in Deutschland und rund ums Mittelmeer wird die Öffnung des Tourismus geplant. Die Deutschen sind urlaubsreif. Und so erwartet die Reisebranche einen Boom ab Mitte Juli, bereits jetzt gehen die Buchungszahlen der Reiseveranstalter hoch.

Die beliebtesten Ziele der Deutschen

Branchenprimus Tui beispielsweise rechnet in den Ferien wieder mit vollen Fliegern in Richtung der Sonnenziele rund ums Mittelmeer: Neben Spanien, Italien, Portugal und Kroatien wird in diesem Jahr vor allem Griechenland zum Sehnsuchtsort. „Die Inseln sind insbesondere bei Familien sehr beliebt“, sagt Konzernsprecher Aage Dünhaupt.

Das beliebteste Reiseziel der Deutschen heißt aber: Deutschland. Das war auch schon vor Corona so, die Pandemie verstärkt diesen Trend allerdings. So planen 33,9 Prozent der Deutschen in diesem Jahr einen Urlaub im eigenen Land, das ergab die Tourismusanalyse der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen. Das sind 9,1 Prozentpunkte mehr als 2020. Besonders beliebt sind Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

Urlaub in Corona-Zeiten: mit Impfung oder negativem Test

Wie der Urlaub vor Ort sicher ablaufen könnte, testen derzeit einige Regionen in Schleswig-Holstein. Im Rahmen von Modellprojekten ist unter anderem auf Sylt, in Sankt Peter Ording, Eckernförde und an der Schlei Urlaub unter strengen Vorschriften möglich. Schleswig-Holstein öffnet als erstes Bundesland ab dem 17. Mai seine Tore für Touristen.

In Bayern öffnen Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze mit einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz von unter 100 am 21. Mai. Mecklenburg-Vorpommern erlaubt zunächst vollständig geimpften Tagesausflüglern und Zweitwohnungsbesitzern aus anderen Bundesländern wieder die Einreise. Und auch in Niedersachsen hat die Landesregierung angekündigt, den Tourismus in einem ersten Schritt für Einwohner des Bundeslandes zu öffnen. Andere Länder ziehen jetzt nach und beraten derzeit über Öffnungsmodalitäten.

Sicherheits- und Hygienekonzepte sowie die digitale Kontaktnachverfolgung spielen wie bereits im ersten Pandemiesommer eine große Rolle. Neu hinzukommen 2021 aber zwei Faktoren: deutlich mehr Schnelltests und Impfungen. In den Modellregionen muss bereits vor Ankunft ein Corona-Test gemacht werden, vor Ort sind dann weitere regelmäßige Tests nötig.

Der Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbandes (DTV), Norbert Kunz, rechnet damit, dass diese Maßnahme auch in den großen Ferien ständiger Urlaubsbegleiter sein wird: „Im Sommer werden noch nicht mehr als 50 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sein, daher wird das Testen auch weiterhin sehr, sehr wichtig sein.“ Er denke da besonders an Familien mit Kindern, die noch nicht geimpft werden können.

Freies Reisen mit „grünem Pass“?

Auch wer ins Ausland will, wird nachweisen müssen, nicht mit Corona infiziert zu sein. Ein EU-weit gültiger Nachweis soll dies dokumentieren. Im digitalen „Grünen Pass“ für Smartphones sollen Impfungen, PCR- und Schnelltests sowie überstandene Infektionen gespeichert werden. Der Pass soll bis Ende Juni als ein freiwilliges und ergänzendes Angebot zum weiterhin gültigen gelben Impfheft eingeführt werden. Mit dem Impfpass soll freies Reisen innerhalb der EU möglich werden – so ist bislang die Idee.

Aktuell sind die Grenzen zwar offen, bis einschließlich 12. Mai gilt aber eine Testpflicht für Flugrückreisen nach Deutschland – und zwar auch für Länder, die nicht als Corona-Risikogebiet zählen. Zudem machen strenge Auflagen wie Quarantänepflichten einen Urlaub in einigen Ländern eher unattraktiv.

Das hat lange dafür gesorgt, dass viele Deutsche mit dem Buchen einer Reise zögern. „Aktuell nehmen viele Menschen noch eine abwartende Haltung ein, weil sie noch nicht wissen, was beispielsweise im August geht“, sagt Reiseforscher Jürgen Schmude.

Urlaubsländer öffnen sich für Touristen

Weil ähnlich wie in Deutschland vielerorts die Impfkampagnen vorangehen und die Inzidenzen sinken, versuchen sich immer mehr europäische Länder an vorsichtigen Öffnungsschritten. Griechenland beispielsweise hat die Quarantänepflicht für deutsche Urlauber bereits aufgehoben, Italien will Mitte Mai wieder Touristen ins Land lassen, wenn sie eine Impfung, eine überstandene Infektion oder einen negativen Test vorweisen können.

Viele Deutsche werden kurzfristig buchen

Angesichts dieser Entwicklung rechnen auch die Reiseveranstalter zeitnah mit einem Anstieg der Buchungen. Die Last-Minute-Welle werde 2021 noch größer sein als in den Vorjahren, prognostiziert Reiseforscher Schmude. Dass viele Reisende in der Pandemie spontaner geworden sind, zeigt auch eine Umfrage der Ferienhaussuchmaschine Hometogo. Demnach habe sich der durchschnittliche Zeitraum zwischen Buchung und Check-In um 31,5 Prozent verkürzt – von 108 auf nur noch 74 Tage. Dieser Trend könnte auch Einfluss auf die Reisepreise haben.

Ausgaben für Urlaub steigen

„Die Ausgaben bei Urlaubsreisen im Inland sind 2020 im Vergleich zu den Vorjahren angestiegen“, sagt Ulf Sonntag, Leiter der Marktforschung am Institut für Tourismusforschung in Nordeuropa. Bei den durchschnittlichen Reiseausgaben im Inland habe es von 2019 auf 2020 ein Plus von gut 35 Euro pro Person und Reise sowie ein Plus von vier Euro pro Person und Tag gegeben. Dieser Trend könnte sich 2021 fortsetzen – nachdem das Niveau zwischen 2016 und 2019 sehr stabil gewesen sei.

Wer lange zögert, muss flexibel sein

Was passieren kann, wenn die aufgestaute Reiselust auf geringere Kapazitäten trifft, hat das Beispiel Mallorca an Ostern gezeigt. Nachdem die Bundesregierung die Reisewarnung aufgehoben hatte, waren die Flugpreise einer Analyse des Preisvergleichsportals Idealo zufolge um 221 Prozent in die Höhe geschnellt. Für die Feiertage mussten Urlauber teils mehr als 450 Euro hinblättern – für ein One-Way-Ticket.

Höhere Kosten für Reisen müssen Urlauber vor allem in der Hauptsaison und in Reisen in besonders beliebte Gebiete einkalkulieren. Tui beispielsweise hatte angekündigt, 75 Prozent des Sommerprogramms anzubieten. Je kurzfristiger gebucht wird, desto teurer können dann Restplätze werden – wenn viele gleichzeitig nach dem „Go“ der Bundesregierung auf die Idee kommen, spontan ihren Sommerurlaub in Deutschland, Spanien, Griechenland, Italien oder der Türkei zu buchen. Wer kurzfristig buchen möchte, sollte daher relativ flexibel sein, was Termin, Reiseziel und Unterkunft betrifft.

Ferienhäuser an der Küste besonders beliebt

Das Ferienhäuschen am Strand oder auch am Alpenrand – davon träumen derzeit viele. Das gilt in Deutschland vor allem für die Küste und den Alpenrand: In den Hauptreisemonaten Juli und August könnte es für Spätbucher dort schon eng werden. Zu dieser Einschätzung kommt DS Destination Solutions, eine auf die Vermarktung von Ferienunterkünften spezialisierte Tochtergesellschaft der HRS-Gruppe, bei einer Datenauswertung.

An der deutschen Nord- und Ostsee sind demnach im August nur noch 37 Prozent der Unterkünfte verfügbar, im Juli etwa 43 Prozent. Etwas entspannter ist die Situation im Juni mit etwa der Hälfte der online buchbaren Objekte und über 60 Prozent im September 2021. In den bayerischen Alpen finden Reisewillige im Juli noch etwa 45 Prozent im Angebot – 42 Prozent sind es im August.

Doch es muss nicht immer die Nord- oder Ostsee sein. Schön ist es auch anderswo. So gibt es im Mittelgebirge Rhön oder der Sächsischen Schweiz für alle Sommermonate noch viel Auswahl – selbst im August sind dort noch etwa 85 beziehungsweise 71 Prozent der Ferienunterkünfte buchbar.

Und auch im Ausland könnte Flexibilität nötig sein: „Wenn die Last-Minute-Buchungen dazukommen, werden besonders beliebte Inseln wie Kreta, Rhodos, Korfu und Kos voll sein – zumindest die schönen Hotels an beliebten Strände und Buchten“, prognostiziert Tui-Sprecher Dünhaupt. Auch hier lohnt ein Blick auf die Alternativen – vielleicht auf eine der „covidfreien“ Inseln. Denn den besonderen Reiz dieser Orte macht aus, dass sie abseits der großen Touristenströme liegen…

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