Nachhaltigkeit

Regrowing: So wachsen aus Gemüseresten auf der Fensterbank neue Pflanzen

In den Topf statt in die Tonne: Aus einigen Gemüseresten wächst noch etwas. Regrowing heißt der Trend, aus einem Salatstrunk oder Wurzeln von Frühlingszwiebeln wieder Essbares zu ziehen.
Regrowing heißt der Trend, aus Gemüseresten neues Grün zu züchten. Dafür braucht es nur Wasser, Licht, Wärme, Erde und etwas Geduld. © picture alliance/dpa/dpa-tmn

Der Strunk vom Romana-Salat oder die Wurzeln von Frühlingszwiebeln müssen nicht im Mülleimer landen. Mit ein wenig Geduld, Wasser und Erde kann man aus solchen Resten neues Leben ziehen. Regrowing heißt das der Trend, aus Gemüseabfällen wieder Essbares wachsen zu lassen.

„Regrowing ist eine tolle Möglichkeit für Anfänger oder Menschen ohne Garten, eigenes Gemüse zu ernten“, sagt Melissa Raupach. Zusammen mit Felix Lill hat sie das Buch „Regrow your veggies – Gemüsereste endlos nachwachsen lassen“ geschrieben. Viel Equipment und Platz brauche man dafür nicht. Ein Gefäß, Wasser, ein geeigneter Gemüserest und später etwas Erde genügen zum Starten. Und schon sprießen aus einem Strunk junge Blätter.

So funktioniert Regrowing

Wer verstehen will, warum Regrowing funktioniert, muss einen gedanklichen Ausflug in die Biologie machen. „Die Vermehrung bei Pflanzen erfolgt entweder sexuell über Bestäubung und Befruchtung oder asexuell über vegetative Fortpflanzung“, steht auf der Pflanzenforschung-Webseite „Komm ins Beet“. Trägt zum Beispiel eine Biene Pollen von einer Pflanze zur nächsten, bezeichnen Botaniker die Vermehrung als sexuell.

Pflanzen, die regrowen, nutzen ein anderes Prinzip. Sie vermehren sich vegetativ. „Pflanzen wollen keimen, wachsen und sich vermehren. Da sie standortgebunden sind, können sie nicht weglaufen, wenn Tiere an ihnen knabbern“, erklärt Ursula Ross-Stitt vom Max-Planck-Institut (MPI) für molekulare Pflanzenphysiologie. Einige bilden Bitter- oder Giftstoffe, um Fressfeinden nicht zu schmecken. Andere lassen abgenagte Pflanzenteile nachwachsen. Dafür müssen sie teilungsfähiges Gewebe besitzen.

Kartoffeln oder Erdbeeren regrowen auch

„Ein gutes Beispiel für vegetative Vermehrung sind beweidete oder geschnittene Wiesen. In beiden Fällen sterben die Gräser oder Kräuter nicht aufgrund von Schnitt oder Beweidung ab. Sie regenerieren sich, wenn ausreichend Pflanzensubstanz übrig geblieben ist“, sagt Ross-Stitt. Teilungsfähiges Gewebe und dass genug von der Pflanze übrig ist, seien die Grundvoraussetzungen für Regrowing.

Vermehrt sich eine Pflanze vegetativ, braucht sie also weder die Biene noch den Wind, der Pollen verteilt. Sie wächst schlichtweg nach, wenn die Bedingungen stimmen. Wer schon einmal eine Kartoffel zu lange hat liegen lassen, kennt das Phänomen. Aus der Knolle sprießen Triebe. Buddelt man sie in Erde ein, gedeiht eine neue Kartoffelpflanze, ganz ohne Bestäubung. Ähnlich funktioniert es bei Erdbeeren. Aus der Mutterpflanze wachsen lange Ausläufer. Diese bilden eigene Wurzeln, die Verbindung zur Mutterpflanze stirbt irgendwann ab – zurück bleiben genetisch identische Pflanzen, also Klone.

Stecklingsvermehrung ist auch vegetativ

Was für Garten-Neulinge ein wenig nach Science Fiction klingt, ist in der Pflanzenwelt ein ganz natürlicher Prozess. „Regrowing hat aber einen totalen Wow-Effekt. Was wir sonst in die Tonne schmeißen, hat noch das Potenzial, neues Leben zu bilden“, sagt Autorin Raupach, die auch Mitgründerin des Start-Ups Plantura rund um nachhaltiges Gärtnern ist. Stecklingsvermehrung, zum Beispiel von Kräutern, sei ebenfalls eine Art von Regrowing.

Jetzt, im Frühling und Frühsommer, sei die ideale Zeit, um ein Regrow-Projekt zu starten. Denn die jungen Pflanzen brauchen viel Licht, um nachwachsen zu können. Anfängern empfiehlt sie, mit pflegeleichten Pflanzen wie Lauch, Frühlingszwiebeln oder Romana-Salat zu starten. Auch Ingwer, Süßkartoffeln oder sogar Ananas eignen sich – seien aber eher etwas für Fortgeschrittene.

Grundanforderungen beim Regrowing

Die Gemüsereste sollten in der Regel nicht zu alt sein und der Strunk großzügig abgeschnitten werden. „Wichtig ist, dass meine Gemüsereste, die ich für das Regrowing nutze, nicht mit Bakterien oder Pilzen infiziert sind, bevor ich sie einpflanze“, fügt Ross-Stitt vom MPI hinzu.

Temperaturen um die 20 Grad zählen zu den Grundanforderungen der meisten Regrowing-Pflanzen. Raupach und Lill empfehlen in ihrem Buch außerdem, in hochwertige Erde zu investieren. Zu Beginn benötigten die Pflanzen Anzuchterde, später normale Erde, am besten torffrei und bio. Steht der Strunk einer Pflanze zunächst im Wasser, sollte es täglich gewechselt werden. „Stehen gelassenes Wasser erhöht die Gefahr von Fäule an den Schnittstellen“, sagt Raupach.

Regrowing mit Kindern

Gerade, weil Regrowing recht einfach funktioniert, eigne sich es sich auch für Kinder. „Ich kriege momentan viele Mails von Lehrern, die berichten, Regrowing als Heimprojekt mit ihren Schülern zu machen“, erzählt Raupach. Aus Gemüseresten können die Kinder selbst ohne Hilfe eines Erwachsenen eine neue Pflanze ziehen.

Ein weiterer Pluspunkt: Regrowing sei nachhaltig, erklärt die Autorin. Einerseits könne man ausgewaschene Konservendosen oder Marmeladengläser als Pflanztöpfe wiederverwenden, also upcyclen. Andererseits zieht man aus einem Salatstrunk, der sonst im Abfall landet, wieder etwas Essbares. „Das Lebensmittel wird ein zweites Mal verwendet“, sagt Raupach.

Pflanzenreste belasten die Umwelt nicht

Regrowing ist eine von mehreren Möglichkeiten, pflanzliche Reststoffe zu verwenden, ordnet Ross-Stitt vom MPI ein. „Bei Resten von Pflanzen handelt es sich nicht um Abfall, der die Umwelt belastet. So können sie auch zur Energiegewinnung genutzt werden.“ Verbrenne man sie, sei der Vorgang klimaneutral. Außerdem könne man Pflanzenreste zu Mutterboden kompostieren.

Wer sich fürs Regrowing entscheidet und den einstigen Gemüserest pflegt, wird meist schon nach wenigen Tagen erstes zartes Grün entdecken. Doch die Erwartungen an das, was da wächst, sollten nicht zu hoch sein. Das Nachhaltigkeits-Portal Utopia hat Regrowing mit verschiedenem Gemüse ausprobiert. Beim Wurzelgemüse wächst das Blattgrün nach, beim Salat sprießen zarte Blätter, Lauchgemüse bildet neues Grün. Ein ganzer Salatkopf gedeiht dagegen aus einem Strunk eher nicht.

„Die Idee des Regrowings ist nicht, dass man damit zum Selbstversorger wird“, sagt Buchautorin Raupach. Seinen gesamten Bedarf an Gemüse zu decken, dafür reiche das neue Grün aus Gemüseresten dann doch nicht. Aber um unkompliziert auf dem Fensterbrett zu gärtnern, sich über das Wachsen der Pflanzen zu freuen und ein wenig zu ernten, allemal.

Anleitung aus dem Buch „Regrow your veggies“: Einen Romana-Salat nachziehen

Bei den Regrowing-Veggies ist der Romana-Salat ein typischer Vertreter, da er sehr zuverlässig nachwächst. Neben dem Namen Romana-Salat sind auch andere Bezeichnungen geläufig, wie Römer- oder Römischer Salat, Kochsalat, Bindesalat oder in der Schweiz Lattich.

So geht‘s

1. Der Strunk des Romana-Salates sollte mindestens fünf Zentimeter hoch sein. Sonst ist es für die Pflanze unnötig schwer, nachzuwachsen.

2. Jetzt kommt der Strunk in ein mit Wasser gefülltes Gefäß. Darauf achten, dass ungefähr die Hälfte des Strunks immer im Nassen steht. Außerdem freut sich der Romana-Salat über ein helles Plätzchen im Haus und frisches Wasser alle paar Tage. So verweilt die Pflanze jetzt fünf bis zehn Tage.

3. Wenn sich am Strunk neue Wurzeln andeuten und oben aus dem abgeschnittenen Teil frisches Grün zum Leben erwacht, ist es an der Zeit, den Romana-Salat einzupflanzen. Der Strunk kommt dann in die Erde, wobei die neu treibenden Blätter unbedingt frei bleiben müssen. Schließlich brauchen sie Licht.

4. Die Erde sollte feucht gehalten werden. Innerhalb weniger Wochen werden die Blätter immer größer und warten darauf, Teil des nächsten Salattellers zu werden.

5. Ernten: Hier bieten sich zwei Möglichkeiten an. Entweder den gesamten Kopf auf einmal ernten; dafür mit einem scharfen Messer alle Blätter kurz oberhalb der Erde abschneiden. Ob der Salat dann weitertreibt, kommt darauf an, wie gut er eingewurzelt ist – einen Versuch ist es wert. Die andere Option ist, immer nur so viele Blätter von außen nach innen abzuschneiden, wie gerade benötigt werden. Dann treibt der Salat munter weiter Blätter.

RND

Der Artikel "Regrowing: So wachsen aus Gemüseresten auf der Fensterbank neue Pflanzen" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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