Coronavirus

Impfangebote für Kinder beschlossen: Gesundheitsminister widersetzen sich Impfkommission

Die Gesundheitsminister widersetzen sich der Ständigen Impfkommission: Sie beschlossen ein breites Impfangebot für Kinder. Zudem stimmten sie für die Auffrischungsimpfungen für Risikogruppen.
Die Gesundheitsminister widersetzen sich der Ständigen Impfkommission: Sie beschlossen ein breites Impfangebot für Kinder. © picture alliance/dpa/AP

Als Corona-Schutz zum Schulstart nach den Sommerferien sollen zusätzliche Impfgelegenheiten für Kinder und Jugendliche kommen. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen am Montag, dass nunmehr alle Länder Impfungen für 12- bis 17-Jährige auch in Impfzentren oder auf andere niedrigschwellige Weise anbieten wollen.

Dabei sei entsprechende ärztliche Aufklärung erforderlich. Zudem sollten Kinder und Jugendliche auch durch Kinder- und Hausärzte sowie im Rahmen von Impfungen für Angehörige von Beschäftigten in Firmen geimpft werden können. Für Jugendliche und junge Erwachsene in Universitäten und Berufsschulen sind ebenfalls Impf-Angebote geplant.

Bundesminister Jens Spahn (CDU) sagte: „Jeder, der will, kann im Sommer geimpft werden. Wir haben genügend Impfstoff für alle Altersgruppen.“ Auch 12- bis 17-Jährige, die sich nach ärztlicher Aufklärung für eine Impfung entscheiden, könnten sich und andere schützen.

Auffrischimpfung im September

Mit der Möglichkeit einer Auffrischimpfung im September sollten zudem besonders gefährdete Gruppen im Herbst und Winter bestmöglich geschützt werden. „Denn für sie ist das Risiko eines nachlassenden Impfschutzes am größten.“ Der Vorsitzende der Länder-Gesundheitsminister, Klaus Holetschek (CSU) aus Bayern, sagte: „Wir gehen vorbereitet in den Herbst.“

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte im Mai den Impfstoff von Biontech/Pfizer ab 12 Jahren zugelassen, vor wenigen Tagen folgte auch eine Freigabe für Moderna. Für Deutschland empfiehlt die Stiko die Impfungen trotz politischen Drucks bisher aber nicht allgemein für Kinder und Jugendliche, sondern nur bei einem höheren Risiko für schwerere Corona-Verläufe etwa wegen Erkrankungen wie Diabetes.

Nach ärztlicher Beratung sind sie in individueller Entscheidung von Eltern und Kindern aber möglich. Laut Bundesgesundheitsministerium wurden bis zum Wochenende rund 900.000 Kinder zwischen 12 und 17 geimpft.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) will Eltern bei der Entscheidung über eine Corona-Impfung ihrer Kinder mit einer Sammlung von Informationen unterstützen. Das Merkblatt gibt Orientierungshilfe zu Fragen wie: Soll ich mein Kind impfen lassen, auch wenn es nicht vorerkrankt ist? Wie sicher ist die Corona-Schutzimpfung für mein Kind? Schützt die Impfung auch vor der Delta-Variante? Enthalten ist zudem eine Checkliste zu Aspekten wie Vorerkrankungen, Alter und persönlichen Kontakten, die bei der Entscheidung für oder gegen eine Impfung helfen soll.

Lauterbach: Stiko vertritt „Außenseiterposition“

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach unterstützte Impf-Angebote für Kinder und Jugendliche. Die Stiko vertrete in dieser Frage eine „Außenseiterposition“, sagte er im Deutschlandfunk. Die wesentlichen Studien zur Impfung von Kindern zeigten, dass eine „Durchseuchung“ mit der Delta-Variante des Coronavirus gefährlicher sei als eine Impfung.

Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke (CDU), äußerte sich im WDR dagegen skeptisch. „Meine Präferenz wäre: Alle Erwachsenen, die Kontakte zu Kindern haben, lassen sich erstmal impfen, und dann reden wir neu über die Stiko-Empfehlung“.

Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagte NDR Info, es gebe noch zu wenige Daten über mögliche Folgeschäden für 12- bis 17-Jährige. „Wir sagen, wir können nicht eine generelle Empfehlung aussprechen, solange wir diesbezüglich nicht die notwendige Datensicherheit haben.“ Er fügte hinzu: „Es kann durchaus sein, dass wir unsere Empfehlung ändern werden, aber sicher nicht, weil Politiker sich geäußert haben.“

Beraten wollen die Gesundheitsminister auch über einen Vorschlag des Bundes, mehr „niedrigschwellige“ Impf-Angebote für junge Erwachsene in Unis, Berufsschulen und Schulen zu machen. „Dies kann maßgeblich zu einem sichereren Start in den Lehr- und Lernbetrieb nach den Sommerferien beitragen“, heißt es im Entwurf.

Erste Schulen öffnen wieder

In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern begann die Schule am Montag wieder mit Vorgaben zu Masken in Innenräumen und regelmäßigen Tests, Hamburg folgt an diesem Donnerstag. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt forderte einen „Schutzkokon“ für Kinder in Schulen und Kitas.

„Was noch geht, muss jetzt so schnell wie möglich umgesetzt werden“, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe etwa mit Blick auf Lüftungskonzepte, Teststrategien und Luftfilter. Für Impfungen brauche es einfache, auch unkonventionelle Wege: „Zum Beispiel durch Impfteams an Schulen und Schulhöfen, für alle, die das wollen.“ Nötig seien auch klare Informationen für Eltern.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, ist unzufrieden mit den Vorbereitungen auf das neue Schuljahr. Man stehe ehrlicherweise nicht viel besser da als im vergangenen Jahr, sagte Meidinger am Montag im ARD-„Morgenmagazin“. „Wenn wir uns die Luftfilter anschauen, dann stehen wir da nicht so gut da, wie wir stehen könnten. Das Bundesprogramm kam ja viel zu spät – erst im Juli.“ Hier habe man viel Zeit liegen gelassen. Besser sehe es aber bei den Schnelltests aus.

Als weiteres Problem machte Meidinger das milliardenschwere Bundesprogramm für Aufholförderung aus. Es gebe in einigen Regionen nicht genügend Personal, um Kindern versäumten Unterrichtsstoff zu vermitteln. Dennoch müsse man mit Optimismus ins neue Schuljahr gehen, sagte der Verbandspräsident weiter. Noch seien die Inzidenzzahlen niedrig und vollständiger Präsenzunterricht möglich.

Das Tempo bei den Erstimpfungen ist derzeit so gering wie seit Monaten nicht. Mittlerweile haben 51,3 Millionen Menschen oder 61,7 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens eine Dosis bekommen, wie aus Daten des Robert Koch-Instituts vom Montag hervorgeht. „Allerdings ist Zahl der Erstimpfungen so niedrig wie zuletzt im Februar“, schrieb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf Twitter und fordert die Menschen auf, sich impfen zu lassen.

Vollständig geimpft sind nunmehr 52,3 Prozent der Bevölkerung – also knapp 43,5 Millionen Menschen.

dpa

urn:newsml:dpa.com:20090101:210801-99-656974/11

Unna am Abend

Täglich um 18 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.