Coronavirus

Hausarzt aus Corona-Impfzentrum: „Die Impfungen sind im Moment eine trügerische Hoffnung“

Marc Hanefeld betreibt eine Hausarztpraxis und hilft als Impfzentrumsarzt in Pflegeheimen. Im Interview sagt der Mediziner, wieso er eine konsequente Zero-Covid-Strategie für überfällig hält.
Hausarzt Marc Hanefeld bemerkt bei den Impfungen von Pflegern und Pflegeheimbewohnern, dass sehr viele Menschen verunsichert sind wegen Falschmeldungen zu den Corona-Impfstoffen © picture alliance/dpa

Marc Hanefeld betreibt eine Hausarztpraxis in Bremervörde im Norden Deutschlands. Seit Beginn der Impfungen gegen Covid-19 ist der Mediziner nicht nur für die Sorgen seiner Patienten da, sondern hilft auch anderthalb Tage die Woche in einem Impfzentrum des Landkreises Rotenburg. In mobilen Teams verimpft der 43-Jährige den Impfstoff von Biontech und Pfizer in den Alten- und Pflegeheimen.

Bevor es Hanefeld aufs Land zog, hat er auch jahrelang als Intensivmediziner im Krankenhaus gearbeitet. Er kennt also viele Bereiche, die während der Coronavirus-Pandemie besonders in den Fokus rücken. Zuletzt sprach das RND Mitte November vergangenen Jahres mit ihm – als Impfungen noch in weiter Ferne zu sein schienen. Nun ist Hanefeld selbst zwar geimpft. Die Herausforderungen für 2021 blieben allerdings mindestens so groß wie 2020 – wenn nicht sogar noch größer, berichtet der Arzt im Gespräch.

Herr Hanefeld, Sie haben vor wenigen Tagen Ihre erste Impfdosis vom Biontech-Vakzin bekommen. Wie lief das ab?

An dem Tag hatte ich gerade eine Schicht als Arzt im Impfzentrum und war mit einem mobilen Team in Pflegeheimen unterwegs. In der Mittagspause hatten wir etwas Zeit. Da habe ich mich dann eben impfen lassen. Das geht an sich ganz schnell und war nicht wirklich spektakulär.

Spektakulär ist aber sicherlich der Zeitpunkt. Haben Sie im vergangenen Jahr damit gerechnet, Anfang 2021 gegen Covid-19 geimpft zu sein?

Ich habe es natürlich gehofft. Aber konkret vorstellen konnte ich mir das im letzten Herbst noch nicht. Was da in den Arm geht, ist ja wirklich ein Stück Medizingeschichte. Das ist eine unglaubliche Entwicklung mit den mRNA-Impfstoffen. Die Technologie dahinter ist wirklich genial. Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, mich jetzt damit impfen zu lassen. Ganz im Gegenteil: Das ist wahrscheinlich mit das beste Mittel, das jemals entwickelt worden ist. So viele Studienteilnehmer vor der Zulassung wie bei diesem Mittel hat es noch nie zuvor gegeben.

Mit dem Start der Impfungen gibt es aber auch vermehrt Kritik an der Umsetzung in den Bundesländern. Können Sie das nachvollziehen?

Es ist klar, dass es am Anfang gewisse Probleme gibt. Wenn beispielsweise die Infohotline für Anrufer überlastet ist, ist das blöd. Wir wissen teilweise von einem Tag auf den anderen nicht, ob wir nun Impfstofflieferungen bekommen oder nicht. Aber ich denke, dass die Abläufe langsam immer einfacher und besser werden. Daran arbeiten alle Beteiligten vor Ort hart.

Wir haben bislang auch alle vorhandenen Impfstoffdosen in unserem Zentrum verimpfen können. Das ist ein großer Vorteil von Impfzentren, in denen die Abläufe für den schwer lagerbaren Biontech-Impfstoff extrem gut geplant werden, wahrscheinlich besser, als es in der Arztpraxis der Fall wäre. Bei den Mitteln von Moderna und Astra Zeneca wird das insgesamt einfacher.

Als Hausarzt helfen Sie im Moment beim Impfen in den Pflegeheimen. Was ist dort besonders herausfordernd?

In Heimen müssen vorab eine Reihe Unterlagen zu den Betreuern und Bewohnern gebracht werden. Es müssen vorab sehr viele Fragen beantwortet werden. Und ich lege sehr viel Wert darauf, persönlich mit den Pflegerinnen und Pflegern über die Impfungen zu sprechen. Denn es hat sich gezeigt, dass viele sehr verunsichert sind wegen Falschmeldungen, die durch die sozialen Medien geistern.

Es kam beispielsweise die Sorge auf, dass Frauen nach einer Impfung unfruchtbar werden könnten – was eine komplette Lüge ist. Auch bei Angehörigen braucht es viel Überzeugungsarbeit und Aufklärung, um den Menschen die Angst zu nehmen. Ich halte deshalb im Moment auch nicht viel davon, eine Impfpflicht durchzusetzen. Aufklären und überzeugen hilft viel mehr als Zwang.

Nach der ersten Phase sollen Impfungen auch in den Hausarztpraxen stattfinden. Sind Massenimpfungen dort überhaupt zu leisten?

Hausärzte verimpfen jedes Jahr 15 bis 20 Millionen Grippeimpfungen in rund drei Monaten. Das ist also schon zu machen, wenn man sich ranhält. Weil die Corona-Impfung aber neu ist, ist der Aufklärungsbedarf bei meinen Patienten wesentlich größer als bei der Grippeimpfung. Dafür braucht es also Zeit. Ich bin aber sicher, dass mit der Zulassung des Impfstoffes von Astra Zeneca der Impfprozess beschleunigt werden kann, weil die Lagerung dieses Mittels auch in den Hausarztpraxen einfacher wird.

Seit Beginn der Impfungen gab es erste Meldungen über starke allergische Reaktionen. Ist das bei Ihnen auch schon vorgekommen?

Nein. Mit Allergikern gibt es vorher auch immer ein Arztgespräch, um eventuelle Risiken abzuklären. Wir haben während der Impfung auch immer Notfallmedikamente parat und beobachten Risikopatienten nach einer Injektion länger. Es ist eine Rarität, dass es schwere Impfreaktionen gibt. Bei uns gab es bislang nur ein paarmal Kreislaufprobleme, wenn die Nadel ansetzt. Und ganz oft extreme Erleichterung, dass die Impfung jetzt endlich drin ist.

Ist Ihnen da ein Patient im Gedächtnis geblieben?

Ich erinnere mich beispielsweise gut an einen relativ jungen Heimpatienten mit einer schweren neurologischen Grunderkrankung. Wir waren gerade durch mit der Impfung, die etwas betagtere Mutter war auch dabei. Zum Schluss erwähnte sie, dass sie sich jeden Tag um ihren Sohn kümmere und sich deshalb auch gerne impfen lassen würde. Wir haben dann nachgeschaut, ob sich das auch realisieren ließe, wir konnten sie dann spontan auch impfen. Sie ist vor Erleichterung in Tränen ausgebrochen.

Sie haben mit vielen Ärzten einen offenen Brief an die Bundesregierung und Ministerpräsidenten verfasst, in dem Sie eine Zero-Covid-Strategie fordern. Warum?

Den Ministerpräsidenten fehlt eine Strategie mit ganz klarer Zielsetzung. Es wurden Maßnahmen ergriffen, Geschäfte wie die von Friseuren und Buchhändlern einzuschränken. Das restliche Leben läuft aber normal weiter. Wir gehen zum Beispiel weiterhin in unsere Büros und Firmen. Es ist aber ganz klar, dass wir uns noch weiter rausnehmen müssen. Das Virus braucht uns zur Verbreitung.

Was hätte die Politik konkret anders machen können?

Es ärgert mich, dass der Anstieg nicht im Oktober gestoppt wurde durch harte Maßnahmen für rund zwei bis drei Wochen. Es war im Herbst glasklar, was sonst passieren würde. Es ist einfach ignoriert worden. Auch jetzt sind im öffentlichen Diskurs wieder verwässerte Positionen zu hören, und das Senken der Fallzahlen wird infrage gestellt. Bundesländer sagen plötzlich doch wieder, die Schulen bleiben offen. Die 15-Kilometer-Regel gilt dann doch nicht überall. So funktioniert das aber nicht. So rücken auch Lockerungen in immer weitere Ferne. So sind wir genau da gelandet, dass täglich tausend Tote in der Statistik auftauchen. Das ist unerträglich.

Wir wissen einfach nicht, wie das Virus eingetragen wurde. Irgendjemand, Superspreader, womöglich asymptomatisch.

Wäre es denn eine Alternative, die Risikogruppen besser zu schützen?

Um mal ein paar Beispiele zu nennen: In unserer Praxis haben sich zwei Mitarbeiter mit Corona angesteckt – obwohl wir alle Maßnahmen und Schutzkonzepte umgesetzt haben, die irgendwie denkbar sind. Wir wissen einfach nicht, wie das Virus eingetragen wurde. Irgendjemand, Superspreader, womöglich asymptomatisch.

Und in einem Pflegeheim hier in unserer Region gibt es gerade einen Riesenausbruch, obwohl alle Mitarbeiter und Besucher mehrmals die Woche abgestrichen und alle erdenklichen Maßnahmen umgesetzt wurden. Mittlerweile sind 70 Bewohner infiziert, fast 20 sind gestorben. Ich bin täglich dabei, Totenscheine auszufüllen. Was ich damit sagen will: Gibt es so viele Infektionen in der Bevölkerung wie jetzt, kann man niemanden wirklich schützen.

Also reichen Schutzkonzepte allein in dieser Lage nicht aus?

Natürlich braucht es überall die Umsetzung von Schutzkonzepten. Aber sie sollten nicht gegen die sonstigen Regeln gestellt werden, sondern als ein Teil von vielen Maßnahmen. Vulnerable Gruppen zu schützen ist nicht die Lösung, sondern das Ziel all unserer Anstrengungen – und das seit über einem Jahr. Es gibt ja auch nicht nur vulnerable Menschen in Pflegeheimen. Viele wohnen in ihren Familien. Im Moment liegen in den Intensivstationen auch nicht nur die 80-Jährigen, sondern auch sehr viele junge Menschen, die schwer krank sind. Und die Hinweise verdichten sich immer mehr, dass bei vielen Infizierten mit Langzeitfolgen von Covid-19 zu rechnen ist.

Die Impfungen sind im Moment eine trügerische Hoffnung. Ich rechne für mich persönlich mit einem relativ hohen Arbeitsaufkommen. Ich hoffe darauf, dass bei den Landespolitikern Vernunft einkehrt. Und ich plädiere dafür, dass man endlich auf Experten wie etwa Viola Priesemann, Christian Drosten, Sandra Ciesek und Melanie Brinkmann hört, die mit großem Konsens konkrete Vorschläge zur Pandemiebekämpfung machen. Wenn das weiter verwässert wird, erwarte ich ein schlimmeres Jahr 2021, als es das vergangene Jahr war. Und das würde ich unerträglich finden.

Der Artikel "Hausarzt aus Corona-Impfzentrum: „Die Impfungen sind im Moment eine trügerische Hoffnung“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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