Schleswig-Holstein

Das Corona-Vorzeige-Land: Drei Gründe für den erstaunlichen Erfolg von Schleswig-Holstein

Kein anderes Bundesland schlägt sich in der Pandemie bisher so gut wie Schleswig-Holstein. Doch woran liegt das? Fachleute sehen in dem Bundesland aber gleich mehrere günstige Voraussetzungen.
Seit dem 12. April dürfen Regionen unter einer Inzidenz von 100 in Schleswig-Holstein die Außengastronomie wieder öffnen. © picture alliance/dpa

Für Schleswig-Holstein meldet das Robert Koch-Institut (RKI) am 14. April eine Sieben-Tage-Inzidenz von 79,4. Damit ist auch im Norden der Wert gestiegen. Dennoch bleibt ein erheblicher Vorsprung – sogar gegenüber den direkten Nachbarn: In Niedersachsen beträgt die Inzidenz 119,6, in Hamburg 144,8 und in Mecklenburg-Vorpommern 162,8.

Während in Mecklenburg-Vorpommern an diesem Tag nur noch ein Kreis unter 100 bleibt, ist dies bei den 15 Kreisen und kreisfreien Städten in Schleswig-Holstein der Fall. Lediglich der Kreis Segeberg und Herzogtum Lauenburg reißen bereits die 100er-Latte.

Wie aber lässt sich das erklären? Wer die Infektionsforscher und Epidemiologen im Land fragt, hört außer dem Hinweis auf das Glück immer wieder die gleichen drei Argumente.

Die geografische Lage: Schleswig Holstein hat wenige Nachbarn

Da ist zunächst die geografische Lage: Schleswig-Holstein hat Nachbarn, aber dank der Nord- und Ostsee sind die gemeinsamen Landgrenzen relativ klein.

Heißt, die Ein- und Ausreise aus und in Nachbarländer mit womöglich höheren Inzidenzen fällt weitgehend weg. Vor allem ist es ein Flächenland mit relativ dünner Besiedelung. Das erleichtere das Social Distancing, sagt Prof. Alexander Katalinic, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologe am Universitätsklinikum in Lübeck.

Die Mentalität: Norddeutsche verhalten sich vernünftiger

Auch die norddeutsche Mentalität könnte ein günstiger Faktor sein, glaubt Professor Helmut Fickenscher, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin an der Kieler Universität: „Während Personen in südlicheren Bundesländern gerne einmal betont bockig sind, ist solch ein Verhalten bei uns verpönt.“ Das mache das Einhalten von Corona-Regeln sicher leichter. Auch für Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) ist es zentral, dass „sich die Menschen hier bei uns im Land zu einem sehr großen Teil mit norddeutscher Ruhe und Gelassenheit an die vielen Maßnahmen gehalten haben. Dafür bin ich unglaublich dankbar.“

Was das Verhalten bewirken kann, zeigt der Kreis Plön. Der direkte Nachbar der Landeshauptstadt Kiel wird immer wieder als bundesweite Vorzeigekreis genannt. Obwohl es rege Pendler- und Freizeitverkehre mit den Nachbarregionen gibt, blieb die Inzidenz in dem Kreis seit Ende Februar konstant unter 35. Erst in dieser Woche liegt sie erstmals wieder darüber.

Allerdings scheint dafür vor allem der Ausbruch in einer Einrichtung verantwortlich zu sein, und das Gesundheitsamt ist dafür bekannt, dass es sehr schnell und sehr konsequent Ausbrüche eindämmt und die Quarantäne nutzt. „Meine Mitarbeiter schauen bei der Kontaktverfolgung sehr genau hin“, sagt Amtsleiter Josef Weigl. „Insgesamt“, lobt Landrätin Stephanie Ladewig (parteilos), „halten sich die Menschen im Kreis besonders gut an die Regeln.“

Auch der Anteil älterer Menschen beeinflusst das Infektionsgeschehen: In Kreisen mit vielen alten Menschen – und davon gibt es in dem Bundesland einige – ist die Vorsicht und Rücksichtnahme offenbar besonders ausgeprägt. Möglicherweise haben die vielen Todesfälle, die es dort in Pflegeheime nach Ausbrüchen gab, das Verhalten nachhaltig beeinflusst. So ist trotz insgesamt mehr als 1400 Todesfällen im Zusammenhang mit dem Coronavirus die Todesrate bundesweit die niedrigste: In Schleswig-Holstein kommen auf 100.000 Einwohner 50,3 Todesfälle – in Bayern ist die Rate doppelt, in Thüringen dreimal und in Sachsen sogar viermal so hoch.

Der Corona-Stufenplan: Rechtzeitig und strikt

Als Hauptfaktor für die vergleichsweise moderate Inzidenzentwicklung in Schleswig-Holstein sieht der Virologe Fickenscher aber die frühe und konsequente Einführung eines Stufenplans. „Dadurch konnte die brenzlige Situation in Flensburg mit einer Inzidenz um 200 gut bewältigt werden. Ein anderes Beispiel ist die Maskenpflicht, die früh in Schulen eingeführt wurde.“

Auch für Ministerpräsident Günther hat sich der Stufenplan der Landesregierung bewährt. „Und zwar in beide Richtungen. Wenn die Infektionszahlen es zulassen, dann nehmen wir vorsichtige Öffnungen vor, dann machen wir in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens kleine Schritte in Richtung Normalität.“ So ist zurzeit in allen Gebieten unter 100 die Außengastronomie geöffnet.

Allerdings gelten strenge Regeln: Pro Tisch sind maximal fünf Erwachsene plus Kinder aus zwei Haushalten erlaubt. Wenn sich die Lage regional verschlechtert, so Günther weiter, „dann ziehen wir früh und in aller Klarheit die Notbremse, um die Ausbreitung zu stoppen und die Menschen vor Ort zu schützen.“ Auch die Modellprojekte in Tourismus, Sport und Kultur, die in Kürze unter strengen Auflagen starten, könnten jederzeit abgebrochen werden. Die Regeln müssen nachvollziehbar sein, findet Günther, „weil das der Grundstein für Akzeptanz ist“.

RND

Der Artikel "Das Corona-Vorzeige-Land: Drei Gründe für den erstaunlichen Erfolg von Schleswig-Holstein" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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