Coronavirus

Corona-Fallzahlen unter Migranten: „Es gibt kein Tabu“

Medienberichten zufolge beklagt der RKI-Chef, dass hohe Corona-Fallzahlen unter Migranten tabuisiert werden. Das RKI relativiert die Aussagen – die aus Sicht von Fachleuten aber berechtigt sind.
Auf Intensivstationen werden womöglich überproportional viele Menschen mit Migrationshintergrund behandelt – doch die Hintergründe sind kompliziert. (Symbolbild) © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Die türkisch-islamische Glaubensgemeinschaft Ditib erhebt angesichts von Medienberichten über Probleme bei der Corona-Prävention unter Menschen mit Migrationshintergrund schwere Vorwürfe gegen das Robert-Koch-Institut (RKI). Es sei „unredlich und unprofessionell“ von Fachleuten, die Verantwortung für die Pandemie bei Minderheiten zu suchen, erklärte der Verband. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung berichtet, dass RKI-Leiter Lothar Wieler aus Angst vor Rassismusvorwürfen eine Tabuisierung der hohen Zahl an Erkrankungen unter Menschen mit Migrationshintergrund befürchtet.

Hintergrund ist ein Gespräch unter Chefärzten, ein „persönlicher, informeller Austausch“, wie das RKI auf Anfrage des RND erklärte. Der „Bild“-Zeitung zufolge sagten Mediziner in der Runde, dass bis zu 90 Prozent ihrer Patienten einen Migrationshintergrund hätten – und dass sprachliche Barrieren den Umgang mit den Erkrankten, aber auch die Prävention erschweren würden. „Da sind Parallelgesellschaften mitten in unserem Land. Wenn man dort etwas ausrichten will, klappt das nur mit beinharter Sozialarbeit in den Moscheen. Und da kommen wir nicht rein. Und das ist Mist“, soll Wieler das kommentiert haben.

„Die Behauptung, man sei erfolglos auf Muslime zugegangen, ist schlichtweg falsch“, erklärte der Ditib-Vorstand in einer Stellungnahme. „Unsere Hygienekonzepte gelten weltweit als vorbildlich“, betonte die Ditib zugleich. Die dem türkischen Staat untergeordnete Religionsgemeinschaft bezeichnete die Berichterstattung als „reißerisch“. „Auch zitierte Fachleute setzen sich offensichtlich nicht kultursensibel und selbstkritisch mit dem angeblich tabuisierten Thema ‚Corona unter Migranten‘ auseinander“, heißt es weiter.

RKI relativiert Aussagen Wielers

Es habe sich bei Wielers Aussagen um Überlegungen und nicht um abschließende Feststellungen gehandelt, teilte das RKI nun auf Anfrage des RND mit. „Die Inhalte sind nach der Erinnerung von Herrn Wieler in einigen Teilen nicht korrekt wiedergegeben“. Dass etwa auf Intensivstationen deutlich über 50 Prozent der Patienten einen Migrationshintergrund aufweisen, sei ausschließlich auf die Situation auf drei Intensivstationen in drei deutschen Großstädten bezogen gewesen. „Die Zahlen spiegeln nicht die Situation in ganz Deutschland wider“, so die Sprecherin. „Dem RKI liegen hierzu generell keine Daten vor“.

Es sei ihm keine Datenquelle bekannt, die bei Patienten deutschlandweit Merkmale wie Sprachbarriere oder Migrationshintergrund erfasse, bestätigte der wissenschaftliche Leiter des Divi-Registers, Christian Karagiannidis, auf Twitter. „Wir behandeln auf den Intensivstationen schwerkranke Menschen – alles andere ist für uns unerheblich! Geschlecht, Herkunft, sozialer Status: Das interessiert uns nicht“, bekräftigte Divi-Präsident Gernot Marx.

Trifft es Migranten härter?

Indes gibt es durchaus Indizien dafür, dass die Sorgen der Mediziner um Wieler in Punkto Fallzahlen nicht gänzlich unberechtigt sind. „Wir merken zunehmend, dass Menschen mit Migrationshintergrund stärker betroffen sind“, sagte etwa die Berliner Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial dem RND. Die Ursachen dafür sind nicht ganz klar, zentral sind aus ihrer Sicht die vergleichsweise häufig prekären Arbeits- und Lebensbedingungen von Menschen mit Migrationshintergrund. „Die Leute sind dem Virus mehr ausgeliefert und kämpfen zugleich überproportional häufig etwa als Pflegekräfte an vorderster Front gegen die Pandemie.“

Armut als Hauptproblem

„Wir dürfen Probleme nicht kulturalisieren, sondern müssen auch soziale und strukturelle Faktoren betrachten“, meint auch Cihan Sinanoglu, Leiter des Rassismus-Monitorings am Dezim-Forschungsinstitut. Man wisse etwa aus den USA, dass dort schwarze Menschen besonders gefährdet seien. „Studien deuten darauf hin, dass das viel mit den Arbeits- und Wohnbedingungen von Menschen zu tun hat, die oftmals von Armut bedroht sind“, so Sinanoglu. In Deutschland besteht ihm zufolge bei dem Thema hingegen noch viel Forschungsbedarf.

Dafür, dass Wieler laut „Bild“ eine Tabuisierung der hohen Fallzahlen unter Menschen mit Migrationshintergrund befürchtet, hat Niewiedzial kein Verständnis. „Es gibt kein Tabu“, sagte die Integrationsbeauftragte. Die Risiken speziell für Migranten seien der Fachöffentlichkeit bekannt, auch das RKI habe dazu schon Untersuchungen durchgeführt. Tatsächlich empfiehlt das RKI Behörden und Institutionen schon länger, gezielt auf Herausforderungen bei der Pandemiebekämpfung in migrantischen Communities zu achten. Unter anderem rät das RKI dabei, mehrsprachige Informationsmaterialien bereit zu halten und mit Multiplikatoren – also gut vernetzten Einzelpersonen – zusammenzuarbeiten.

Stärker auf die Belange von Migranten achten

Auch Niewiedzial meint, dass die Bewältigung der Pandemie in einer Migrationsgesellschaft neue Herausforderungen berge. Sie habe als Integrationsbeauftragte allerdings viel Unterstützung aus migrantischen Communities bekommen, als es etwa um die Übersetzung von Hygieneregeln ging. „Ich kann als Integrationsbeauftragte aber nicht die Gesundheitsbehörden ersetzen, wir müssen auch andere Institutionen stärker auf die Erfordernisse einer Migrationsgesellschaft ausrichten – etwa, indem Gesundheitsämter mehrsprachige Gesundheitslotsen beschäftigen“, ist sie überzeugt.

Auf eine stärkere Berücksichtigung der Belange von Menschen mit Migrationshintergrund bei der Pandemiebekämpfung hofft auch die Ditib – und macht das an der Impfstrategie fest: Gerade ältere und pflegebedürftige Migranten würden meist nicht in Alters- und Pflegeheimen, sondern im Familienverbund leben. „Auch die Impfstrategie, erst in den Alters- und Pflegeheimen zu impfen, ist insofern rückblickend nicht erfolgreich, um die vulnerablen Gruppen außerhalb dieser Einrichtungen zu schützen“, erklärte die Ditib. „Wir wünschten uns, das RKI wäre tatsächlich an uns als größte islamische Religionsgemeinschaft oder an den Koordinationsrat der Muslime herangetreten, um unsere Bedenken und Bedürfnisse diesbezüglich zu kommunizieren.“

Der Artikel "Corona-Fallzahlen unter Migranten: „Es gibt kein Tabu“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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