Ein Juniorentrainer wird der Pädophilie verdächtigt, er wehrt sich mit einem Anwalt. Westfälische Amateurvereine versuchen, eine imaginäre Schutzmauer gegen ihn zu errichten. Teil 1 der Geschichte.

NRW

, 18.06.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 6 min

Als ein westfälischer Vereinsverantwortlicher telefonisch auf den ehemals in seinem Klub angestellten Benjamin C. (Name geändert) angesprochen wird, dröhnt es nur durch den Hörer: „Ich sage Ihnen nichts darüber.“ Dann legt er auf – und es herrscht Stille.

Im gesamten Fußballkreis geht das schon lange so. Vielen ist C., der junge Fußballtrainer und -spieler, gut bekannt, viele können sein Gesicht zuordnen oder hatten schon persönlich mit ihm zu tun. Und viele begegnen C. mittlerweile maximal abweisend, wünschen sich, dass ihm die Trainerlizenz entzogen würde – und er nie wieder (fremde) Kinder in seiner Obhut hätte.

Der Grund: C. soll sich Jugendspielern in der Position des Übungsleiters mehrmals ungebührlich genähert haben, in der Kabine wie auch außerhalb des Trainingsgeländes.

Monatelange Recherche

Diese Recherche, die in monatelanger Arbeit entstanden ist, fußt auf Gesprächen mit über einem Dutzend Verbandsverantwortlichen, Vereinsvertretern und Eltern. Sie blockten nicht nach wenigen Sekunden ab, sondern sprachen über C. – obschon meist gleich zu Beginn eingefordert wurde, nicht öffentlich zitiert zu werden. Aus unterschiedlichen Gründen baten sie um Anonymität, zum einen wegen des Täter- und Opferschutzes, zum anderen wegen der Gefahr, persönlichen Anschuldigungen ausgesetzt zu sein. Das Thema in Gänze sei schließlich höchst sensibel.

Und wahrlich: Gegen Benjamin C. liegen zwar einige Anschuldigungen vor, rechtlich belangt aber wurde er nie. Diese Geschichte kann deshalb nicht identifizieren. Sie kann zeigen, warum ein Trainer auf einmal der Pädophilie verdächtigt wird. Sie kann erklären, wie im betroffenen Fußballkreis versucht wird, eine imaginäre Schutzmauer gegen ihn zu errichten. Und sie kann darstellen, wie schmal der Grat ist, der dafür beschritten werden muss. Denn so einhellig die Meinung über den Nachwuchstrainer auch sein mag, handfeste Beweise gibt es nicht.

C. sei ein Stehaufmännchen

C., sagt einer, der ihn in einem westfälischen Amateurverein vor Monaten kennengelernt hat, C. sei „ein Stehaufmännchen. Er hat ein Gespür dafür, wann er wo sein muss, damit ihn die Leute mögen. Ihm konnte man sagen, dass morgens die Bänke in der Sporthalle aufgebaut werden müssten, dann war er da.“ Er sei immer „vollmotiviert“ gewesen.

Als Trainer, ergänzt der Vater, habe sich C. stets so verhalten, „als würde er auf Junioren-Bundesliganiveau coachen. Die Jungs mussten sich sehr früh mit ihm treffen, da wurde stundenlang an der Taktiktafel gearbeitet. All das beeindruckt einen Verein“, glaubt er.

„Einerseits hätten ihn einige im Klub gerne entlassen, andererseits hieß es, so einen Verrückten bräuchte man.“

„Einerseits hätten ihn einige im Klub gerne entlassen, andererseits hieß es, so einen Verrückten bräuchte man.“ C. habe sich unentbehrlich gemacht. Zumindest für eine gewisse Zeit. Dann war er weg, offiziell einvernehmlich – und heuerte gleich beim nächsten Klub an. So oder so in der Art geschah es häufiger. C.s Karriereweg, das analysiert ein Verbandsangestellter, kennzeichne ein „auffälliges Nomadentum“.

Wird der Vater auf C.s abruptes Ende beim Klub seines Sohnes angesprochen, sagt er: „Es gab wohl wieder einen Kabinenvorfall.“ Danach habe sich der Verein vom Trainer getrennt. „Das Allererste, was C. bei uns einführen wollte“, so stellt er es dar, „war die Duschpflicht für alle Jungs. Er wollte mit in die Kabine. Als ihm gesagt wurde, dass das nicht gehe, war er stinksauer. Er bestand darauf.“

Vor der Kabine Wache gestanden

Bisweilen hätte ein weiterer Übungsleiter dann vor der Kabine Wache gestanden – und C. grimmig schauend vor ihm ausgeharrt. Schon da sei sein Ruf beschädigt gewesen. Trotzdem habe er darauf gepocht, zu jeder Zeit in der Kabine bleiben zu dürfen. „Wir dachten uns“, betont der Vater, „wie dumm ist der eigentlich?“

Diese Schilderung, dass C. während des Duschens der elf-, zwölf- oder dreizehnjährigen Kinder zwingend innerhalb der Kabine sein wollte, sie kommt unserem Medienhaus nachfolgend von verschiedenen, außer- und innerhalb des Klublebens positionierten Personen zu Ohren. Dabei jedoch, so wird berichtet, sei es nicht geblieben: C. habe Kindern penetrant beim Abtrocknen helfen und sich mit ihnen privat treffen wollen. Während eines Trainingslagers soll er mit zwei von ihnen auf einer Matratze gesehen worden sein.

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Als diese Redaktion bei C. anfragt, trudelt rasch Anwaltspost herein. Der hinzugerufene Jurist droht mit gerichtlichen Folgen. Die Anschuldigungen bestreitet er allesamt. Er hat schon Übung darin, wehrte sich bereits vor ein paar Jahren mit großer Vehemenz. Sollte es zu einer Veröffentlichung kommen, so warnt er diesmal, werde der Autor dieser Zeilen auf Schadensersatz, Verdienstausfall und Schmerzensgeld verklagt.

„Unser Mandant hat sich zu keiner Zeit in irgendeiner Art und Weise unangemessen verhalten“

„Unser Mandant hat sich zu keiner Zeit in irgendeiner Art und Weise unangemessen verhalten“, meint er. C. hege „keinerlei Begehren gegenüber Kindern. Entsprechende Vorwürfe sind und waren frei erfunden – halten sich im Bereich der Kinder- und Jugendbetreuung gleichwohl naturgemäß auch über lange Zeiträume.“ Nie habe es „einen konkreten Vorfall“ gegeben, „welcher objektiv geeignet wäre, ein Fehlverhalten zu begründen“, teilt der Anwalt mit.

„Die ‚Idee‘ eines ungebührlichen Verhaltens“ sei durch 2016 erhobene Vorwürfe einer Mutter entstanden, behauptet er. Sie habe sich beim damaligen Sportlichen Leiter von C.s Verein beschwert – und bar jeder Grundlage „entsprechende Gerüchte“ im Elternkreis und über die Vereinsgrenzen hinaus verbreitet. Daraufhin seien sie und ihr Mann auf Unterlassung in Anspruch genommen worden.

„Mit circa acht Kindern allein in einer Umkleidekabine geschlafen.“

Der Sportliche Leiter, der C. damals hierarchisch vorgestellt und unmittelbar über die Angelegenheit informiert war, meint auf Anfrage, er könne sich an nichts mehr exakt erinnern. Es sei zu lange her. Die Mutter, die laut C.s Anwalt den so schweren Stein ins unvermeidliche Rollen brachte, stellt hingegen ihre Sicht der Dinge in aller Ausführlichkeit dar. Auf Unterlassung seien sie und ihr Mann nie in Anspruch genommen worden, betont sie. Androhungen des Anwalts habe sie einfach ignoriert. Zudem sei sie nicht bar jeder Grundlage an den Verein herangetreten. Keinesfalls.

C. habe versucht, sich mit ihrem Sohn privat per WhatsApp zu verabreden, schreibt sie in einer Mail an diese Redaktion – und legt den passenden Chatverlauf vor. Darüber hinaus sei es zu folgenden Situationen gekommen: C. habe ihren Sohn „oft auf den Schoß genommen und mit ihm ‚geknuddelt‘“. Er habe das „untenherum“ nackte Kind mal nach dem Duschen zu sich gerufen und ihm hockend einen Arm um die Schulter gelegt. Ihrem Sohn, bekräftigt die Mutter, sei das damals „äußerst unangenehm“ gewesen.

Eltern beschweren sich

Mehr als komisch kam ihr obendrein das schon thematisierte Trainingslager vor. C. habe da den „ausdrücklichen Wunsch“ geäußert, gemeinsam mit einem anderen Trainer und ohne Eltern fahren zu dürfen. Dabei habe er, so schildert sie es, „mit circa acht Kindern allein in einer Umkleidekabine geschlafen.“ Nachts sei C. zwischen den elf- und zwölfjährigen Jungen umhergelaufen – und habe anschließend behauptet, „er hätte Fliegen gejagt.“ Zudem, das berichten andere Gesprächsteilnehmer, sei er mit zwei Kindern auf einer Matratze gesehen worden. Verschiedene Eltern beschwerten sich nach dieser Fahrt. Kollektiv jedoch schlossen sie sich nie wirklich effektiv zusammen. Das wird diesem Medienhaus mehrfach bestätigt.

Noch heute versetzt es die Mutter in Rage, wie der Amateurklub mit ihrem Anliegen umging. Eine vertrauliche Mail, in der sie auf C. hinwies, landete demnach über den Sportlichen Leiter umgehend bei C. selbst. Zwar sollte der Trainer später nicht mehr die Mannschaft ihres Sohnes trainieren, er übernahm aber ein anderes Juniorenteam innerhalb des Vereins. Und ihr Kind, sagt die Mutter, sei danach wie sie persönlich mehr und mehr in die Schusslinie geraten. Es sei gemobbt, geschlagen und gemeinsam mit seinen Eltern für C.s Abzug verantwortlich gemacht worden, erklärt sie. Letztlich verließ die Familie den Verein. Vor allem von Klubseite hätte sie sich mehr Unterstützung erhofft.

Der FLVW schritt zur Tat

Stattdessen aber, so erzählt es eine andere Mutter, habe der Verein das Thema „eher totgeschwiegen“. Außerdem hätten einige „offensichtlich sehr gutgläubige Eltern“ unverdrossen zu C. gehalten. „Ich habe mich häufiger gefragt, was da denn los ist. Einmal kam mein elfjähriger Sohn die Treppe herunter und sagte, C. habe ihm geschrieben, er wolle sich morgen mit ihm treffen. Das macht man einfach nicht. Schon gar nicht, ohne die Eltern vorher zu fragen.“ Ferner habe C. zuweilen „Wutausbrüche“ offen ausgelebt - „und war kurz danach wieder ganz nett.“ Sein Gebaren in Gänze, sagt sie, sei ihr „verdächtig“ vorgekommen. So etwas habe sie in vielen Jahren Amateurfußball noch nie erlebt.

Sicher ist, dass grundverschiedene Personen solch massive Zweifel an C.s Eignung äußerten – und die Causa schließlich über den Kreisjugendausschuss zum Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen gelangte. Konkret möchte der „aus Gründen des Opfer- und Datenschutzes“ nicht auf Benjamin C. eingehen, vermeldet aber, „in einem Fall“ zusammen mit dem zuständigen StadtSportBund „ein Gespräch im Verein initiiert“ zu haben. Nach unseren Informationen wurde es wegen C. anberaumt.

„Der Schlussstrich sei in beidseitigem Einvernehmen vollzogen worden“

Der FLVW schritt also zur Tat. Mehr als eine strenge Unterredung mit dem umstrittenen Coach wurde allerdings nicht erwirkt. Es fehlte offenbar die Handhabe.

Im Fall von C. kann – sofern sich die Vorwürfe irgendwann überhaupt bewahrheiten sollten – nicht von klaren sexuellen Übergriffen gesprochen werden. Er hätte sich im juristischen Graubereich bewegt, wäre deshalb nicht einfach so aus dem Verkehr zu ziehen. Ein Trainer wie C. überschreite vielleicht manches Mal die moralisch-ethische Grenze, sagt eine Person, die von den Vorwürfen unterrichtet wurde. Strafrechtlich indessen sei die Lage komplizierter.

Mutige Eltern müssen gefunden werden

Um einen Prozess erfolgreich bestreiten zu können, so heißt es, müsste schon mehr vorfallen. Und es müssten sich dann aufgrund des Opferschutzes zuvorderst mutige Eltern finden, die auch eine Anzeige erstatten wollten. Bis dahin sollten andere Maßnahmen greifen, um Kinder bestmöglich zu schützen. Einer aus der oberen sportlichen Verantwortungsriege des Verbandes spricht vom „klassischen Flurfunk“. Im Fall von C. habe der zumindest einigermaßen funktioniert.

Vor allem bei seinen letzten Stationen nämlich verbreiteten sich die Vorwürfe immer recht zügig. Die Vereine, die C. zunächst erfolgreich angesteuert und von seinem fußballfachlichen Wissen überzeugt hatte, wurden gewarnt – und trennten sich dann wieder von ihm. Viele der regionalen Klubs, so scheint es, haben sich inzwischen gegen C. formiert.

Verein hat mit dem Anruf gerechnet

Sein eiligst beauftragter Anwalt richtet aus: „Welche Eltern (…) riskieren, ihr Kind bei einem Trainer in Obhut zu geben, über welchen derartige Gerüchte kursieren, ganz gleich wie fadenscheinig und schwammig diese formuliert werden? Nur die wenigsten Vereine sind darüber hinaus bereit, ein solches ‚Risiko‘ zu tragen.“ Wenn sie es dann aber doch mal seien, scheiterten „die meisten Vereine letztlich trotz nobler Ziele an der Hysterie einzelner Eltern.“

Vor Kurzem noch ist C. für ein Juniorenteam außerhalb seines früheren Tätigkeitsbereichs verantwortlich. Auf Nachfrage teilt der dort tätige Jugendleiter mit, sich nicht zum Nachwuchstrainer äußern zu wollen. Er habe mit dem Anruf unseres Medienhauses gerechnet, sagt er. Gemeinsam mit den übrigen Verantwortlichen sei die Entscheidung gefallen, keinerlei Auskünfte zu C. und dem Arbeitsverhältnis zu geben. Das Telefonat ist deshalb schnell beendet.

In „beidseitigem Einvernehmen“ getrennt

Zwei Wochen später indes trennt sich der Klub dann plötzlich vom Juniorentrainer. Der Schlussstrich, so formuliert es der Erste Vorsitzende, sei in „beidseitigem Einvernehmen“ gezogen worden. Detaillierte Aussagen mag auch er nicht treffen. Er schweigt.

Um Benjamin C. herrscht wieder Stille.

Teil 2 der Geschichte folgt am Freitag.
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