Heimische Fußball-Promis zeigen der Nationalmannschaft die Gelbe Karte

dzFußball

Einer Meinung sind die heimischen Fußball-Experten nicht. Aber eines ist klar: Die einst heiße Leidenschaft für die deutsche Nationalmannschaft droht mächtig abzukühlen.

von Michael Friehs, Ulrich Eckei

Kreis Unna

, 13.11.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Über Jahrzehnte waren die Übertragungen der Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft ein Quotenbringer. Das hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Das Testspiel des Löw-Teams gegen Tschechien (1:0) in Leipzig verfolgten nur noch 5,55 Millionen Menschen. Samstag tritt die Löw-Truppe zur Partie der Nations League um 20.45 Uhr gegen die Ukraine an. Die dürfte auch nicht allzu viele Zuschauer vor den Bildschirm locken. Unsere Sportredaktion hat heimische Fußballpromis gefragt, welchen Stellenwert die Nationalmannschaft bei ihnen hat.

Günter Schütte, Geschäftsführer Holzwickeder SC: „Natürlich sehe ich mir die Länderspiele weiterhin an. Die Kritik an Löw kann ich nicht nachvollziehen, er muss doch schließlich einmal personell etwas ausprobieren. Warum er allerdings Hummels, Boateng und Müller nicht mehr berücksichtigt, verstehe ich nicht. Löw wird wohl seine Gründe dafür haben.“

Ralf Mäkler, Obmann SSV Mühlhausen: Als Fan des deutschen Nationalteams outet sich Ralf Mäkler. „Zuerst kommt der SSV, dann der BVB und dann auch schon unsere Nationalmannschaft, in deren Fanclub ich sogar Mitglied bin. Wenn es irgendwie geht, schaue ich mit alle Spiele an und reise sogar auswärts mit. So war ich unter anderem schon in Südafrika, Russland und Frankreich mit dabei. Über den Sinn einiger Länderspiele kann man sicher streiten. Auch die Nations League habe ich zunächst kritisch gesehen, doch das hat sich geändert. Da geht es doch um etwas. Ich finde es auch gut, dass Löw jungen Spielern eine Chance gibt.“

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Sebastian Eckei, ehemaliger Trainer BSV Heeren: „Freundschaftsspiele schaue ich mir nicht mehr an, die sind mir zu langweilig. Interessante Nations-League-Begegnungen wie gegen Spanien dagegen schon. Ich habe das Gefühl, dass einige Spieler nicht mehr gerne zur Nationalmannschaft fahren. Es fehlen mir die absoluten Leader, wie es zum Beispiel Lahm, Schweinsteiger, Podolski und Klose in vergangenen Jahren waren. Bis zur EM 2016 hatten wir ein gutes Team, das hat nun leider mächtig nachgelassen. Außerdem ist mir die Anstoßzeit 20.45 Uhr viel zu spät. Dass man in Freundschaftsspielen jungen Spielern eine Chance gibt, finde ich in Ordnung. Da können sich einige für höhere Aufgaben empfehlen. Ansonsten bin ich schon der Meinung, dass Trainer Joachim Löw Hummels und Müller mit zur EM nehmen sollte. Das sind derzeit absolute Führungsspieler mit guten Leistungen, die auch junge Akteure mitreißen können.“

Karl-Heinz Agethen, ehemaliger Gastwirt und Sportexperte: „Wenn möglich, sehe ich mir alle Begegnungen unserer Nationalmannschaft an. Ich finde sicherlich nicht sämtliche Spiele gut, aber ich kann die Leute nicht verstehen, die ständig was zu meckern haben. Sie sollten sich mal ihre Vereinsmannschaften anschauen, wie schlecht da manche Partien sind. Diese Personen, die meinen, wir müssen ständig Traumfußball abliefern, sollten auch mal in andere Länder gucken, wie zum Beispiel Italien, Spanien, England oder Niederlande. Dort sind auch nicht alle Länderspiele super. Ich finde es gut, dass Joachim Löw den jungen Spielern eine Chance gibt. Wir können nicht jedes Mal Welt- oder Europameister werden, andere Nationen können auch Fußball spielen. Für mich wäre viel wichtiger, von den Unsummen, die im Fußball teilweise ausgegeben werden, auf ein vernünftiges Maß zurückzukommen.

Karl-Heinz Agethen verfolgt auch weiterhin Spiele des Nationalteams.

Karl-Heinz Agethen verfolgt auch weiterhin Spiele des Nationalteams. © Archiv

Helge Kleinjohann, Vorsitzender SuS Lünern: „Aktuell schaue ich mir kein Länderspiel an, da diese Begegnungen völlig überflüssig sind. Am Mittwochabend spielte ein bunt gemischter Haufen gegen Tschechien und gewann so gerade mit 1:0. Was Joachim Löw angeht, er sollte jetzt endlich mal die beste Truppe nominieren und nicht immer nur die jungen Talente als Lückenbüßer einladen. Bezüglich der EM 2021 wäre alles andere als Halbfinale nicht tragbar. Sollte Jogi das nicht hinbekommen, dann sollte man eine neue Lösung finden. Ich persönlich könnte mir Jürgen Klopp gut vorstellen, der hat richtig Dampf.“

Martin Klüting, Sportexperte: „Ich sehe mir als fußballinteressierter Mensch alle Spiele unserer Nationalelf an. Mit einigen Personalentscheidungen bin ich nicht zufrieden. Müller und Hummels, ja auch Boateng sind noch nicht zu ersetzen. Unserem Jogi würde es guttun, mal auf den ein oder anderen Experten zu hören. Jogi hat sich durch solche Entscheidungen unter Druck gesetzt. Beim nächsten Turnier muss er liefern. Ansonsten ist sein Job mehr als gefährdet.“

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Alexander Berger, 2. Vorsitzender SuS Kaiserau: „Ehrlich gesagt habe ich schon immer nur die Spiele der deutschen Nationalmannschaft bei den Endturnieren verfolgt, dann allerdings mit Leib und Seele. Qualifikationsspiele, Nations League und Testbegegnungen sehe ich sehr selten. Daher kann ich Leistungen der Mannschaft auch nicht bewerten, genauso wenig wie die Arbeit des Trainers. Das Thema Nationalteam interessiert mich einfach nicht. Ich bin gespannt, ob sich das im kommenden Sommer bei der EM wieder ändert, sofern diese überhaupt stattfinden kann. Deutlich wichtiger und aus meiner Sicht viel interessanter und emotionaler sind die Bundesliga und vor allem der Amateurfußball.“

Daniel Knapp, Trainer VfK Weddinghofen: „Ich persönlich schaue keine Begegnungen unserer Nationalelf. In dieser Mannschaft sollten die besten Spieler des Landes stehen. Bei Joachim Löw scheint diese „Vorgabe“ nicht wichtig zu sein. Rüdiger hat bei Chelsea London nicht eine Minute in der Premier League absolviert. Schulz sitzt bei Borussia Dortmund nicht mal auf der Bank und hat in 1 1/2 Jahren dort lediglich 12 Partien bestritten. Müller und Hummels dagegen werden trotz Topleistung nicht mehr berücksichtigt. Dazu fehlen mir einfach „Typen“ im Team.“

Daniel Knapp kritisiert, dass nicht die besten Spieler aufgestellt werden.

Daniel Knapp kritisiert, dass nicht die besten Spieler aufgestellt werden. © Archiv

Oliver Bartosch, Juniorentrainer Kamener SC: „Mein Interesse an den Spielen der Nationalmannschaft hat nach der WM 2018 in Russland deutlich nachgelassen. Die Partie am kommenden Dienstag gegen Spanien werde ich mir sicherlich anschauen. Das ist ja zumindest mal ein Klassiker. Ich kann den Wunsch von Trainer Joachim Löw nach Verjüngung sicherlich verstehen, aber grundsätzlich sollte für die Berufung in die DFB-Elf ausschließlich Leistung herangezogen werden. Und das ist momentan nicht der Fall. Spieler wie Hummels und Müller gehören einfach dahin. Da darf Jogi auch gerne mal eingestehen, dass er mit der Aussortierung einen Fehler gemacht hat. Zudem finde ich, dass durch die Vielzahl der Spiele derzeit auch eine Übersättigung eintritt. Qualifikationsspiele und mal ein Testspiel Klassiker gegen England, die Niederlande oder ein südamerikanisches Team sind interessant. Aber diese Nations League braucht wirklich niemand.

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Thomas Gebhardt, Kassierer und Damentrainer BSV Heeren: „Soweit es meine Zeit zulässt, schaue ich mir die Spiele der Nationalmannschaft gerne an. Ob man eine Nations League ins Leben rufen muss, ist schon sehr fraglich. Joachim Löw macht einen Riesenjob und hat uns nach etlichen Jahren wieder einen WM-Titel aus Brasilien mitgebracht. Zudem ist es richtig, immer wieder auch junge Spieler zu berufen. Ich denke aber, dass es so langsam an der Zeit ist, auch auf der Trainerbank neue Ideen und frischen Wind reinzubringen.“

Stefan Kortmann, Trainer SV Langschede: „Ich finde, die Spiele der Nationalmannschaft sind momentan nichts Besonderes. Mit der Nations League kann ich mich nicht anfreunden, das ist ein ziemlich komischer Wettbewerb. Da ich selbst Trainer bin, halte ich mit der Kritik an dem Trainerteam zurück. Fest steht allerdings, dass Joachim Löw in den vergangenen Jahren viel Gutes geleistet und nun einen etwas anderen Ansatz gefunden hat. Es ist durchaus legitim, dass er in den Freundschaftsspielen viele neue junge Akteure testet, um zu schauen, wer sich für höhere Aufgaben anbietet. Wenn er das nicht machen würde, könnte man ihm vorwerfen, er hätte zu lange an der gleichen Generation festgehalten. Demzufolge steht auch nicht immer das Topteam auf dem Platz. Löw ist bei vielen Fans natürlich angezählt. Ich bin mit seiner Arbeit zufrieden, auch wenn die Spiele etwas spektakulärer sein könnten. Wichtig für ihn wird sein, dass er mit seinem Team im kommenden Jahr bei der EM gut abschneidet.“

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