Sie kann etwas erzählen und hat etwas zu erzählen. 50 Jahre lang hat Erika Ernst den Massener Turnnachwuchs trainiert - jetzt ist nach einem halben Jahrhundert Feierabend.

Massen

, 24.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Seit 1968 - also fast genau 50 Jahre lang - ist Erika Ernst als Übungsleiterin beim Geräteturnen der SG Massen aktiv. Ein halbes Jahrhundert für den Turnsport - und ein halbes Jahrhundert stets mit Jungen und Mädchen ab dem Schulalter. „Der Sport hat mir immer viel gegeben“, sagt die nunmehr 79-Jährige, die nun aufhört. „In der Schule habe ich bei allen Fächern schon einmal gefehlt, nur nicht bei Musik und Sport“, blickt sie mit einem lachenden Auge zurück. „Ich kann alles: Schwimmen, Turnen und Laufen. Ich spiele Flöte, Orgel und Mundharmonika - alles auswendig“, ist sie auch ein wenig stolz auf sich.

1958 hat die gelernte Industrieschneiderin und spätere Speditionskauffrau aus Frankfurt/Oder aus der DDR (Deutsche Demokratische Republik) „rübergemacht“. „Meine Mutter hat mir erst am Abend vor der Flucht in die Bundesrepublik erzählt, dass es am nächsten Tag soweit ist“, erinnert sich die ehemalige DDR-Bürgerin.

Vorgetäuschter Urlaub

Immerhin war es besser, dass das Vorhaben solange wie möglich unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehalten wurde. Nicht auszudenken, wenn die Statssicherheit dahinter gekommen wäre. Mit einem vorgetäuschten Ostsee-Urlaub wurden auf der Zwischenstation Berlin die Seiten gewechselt. Über das Notaufnahmelager Marienfelde ging es in die BRD (Bundesrepublik Deutschland) und schließlich nach Massen. „In Marienfelde hatte ich immer noch den Beutel mit meinem Badeanzug auf dem Rücken geschnallt. Wir wollten ja ursprünglich in den Urlaub und durften nicht auffallen“, weiß Erika Ernst. In Massen lernte sie ihre Mann Hans kennen. Beide bauten ein Haus in der Stettiner Straße und heirateten 1961.

Über Edelgard und Jürgen Albrecht (damals Schwimmwart) kam Familie Ernst während einer gemeinsamen Feier mit den Nachbarn schließlich zur SG Massen. „Zunächst bin ich nur alleine gegangen, aber dann ist auch Hans mitgekommen“, weiß Erika Ernst noch. Leichtathletikwart Fritz Klathaar habe ihr geraten, sich bei der Sportgemeinschaft aktiv als Leiterin zu engagieren. Nach dem Vereinseintritt 1965 wurde dann gleich der Übungsleiterschein gemacht. Erika Ernst mit Blick zurück: „Zunächst habe ich das Frauenturnen geleitet. Dann aber tauschte ich meine Gruppe mit Lotti Bahrke und war fortan für das Kinderturnen bei der SG Massen zuständig.“

Familie eingebunden

Mit der Turnerei wurde dann auch gleich die gesamte Familie eingebunden. Ehemann Hans engagierte sich wie auch die beiden Töchter. Heute leitet Eva Bergerhoff die Mutter-Kind-Gruppe und ihre Schwester Sabine Barnefeld das Turnen der vier- bis sechsjährigen Kinder. Auch die Enkelkinder Yanna Bergerhoff und Christin Barnefeld sind und waren bei der SG Massen aktiv. Marc Barnefeld zog es hingegen gleich zum Fußball.

Besonders in Erinnerung bleiben Erika Ernst die Teilnahmen an den Deutschen Turnfesten in Hamburg, München, Berlin und Leipzig. „Das war immer ein großes Spektakel, egal wo“, erzählt die 79-Jährige. „Die SG Massen ist immer mit einer großen Gruppe angereist. In Leipzig beispielsweise waren wir so weit außerhalb der Stadt untergebracht, dass wir mit den quietschenden Straßenbahnen erst nach Mitternacht in unserer Unterkunft waren. Nach einer Beschwerde wurde uns eine zentrumsnahe Unterkunft zugeteilt – in einer Wohnung in einem Plattenbau“, grinst die erfahrenen Übungsleiterin mit DDR-Vergangenheit. „Ich wollte schon immer einmal in einem Plattenbau wohnen. Wir waren 20 Personen, konnten keine Nägel in die Wände hauen, sodass die Wäscheleinen zwischen den Türscharnieren gespannt wurden. Darunter haben wir geschlafen.“

Erika Ernst ist ein halbes Jahrhundert für den Turner-Nachwuchs im Einsatz

Stets aufmunternd unterwegs: Erika Ernst mit Lara Pabst und ihrer Enkelin Yanna Bergerhoff (rechts). © Teimann

Für Erika Ernst und die Mitreisenden der SG Massen kein Problem. „Wir sind ja eine Sport-Gemeinschaft, treiben gemeinsam Sport“, sagt sie immer, auch wenn sich die Kinder einmal in die Haare kriegen. Überhaupt bringe das Turnen nur Vorteile mit sich. „Man kann nicht schlechter werden, sondern immer nur besser“, ruft sie den Jungen und Mädchen in der Übungsstunde zu. „Turnen fördert die Disziplin, die Haltung und die Bewegung und ist vielseitig. Wir können alles – ein bisschen.“

Problem Purzelbaum

Aber: Der Aufwand werde immer größer, die Beweglichkeit der Kinder herzustellen. Nicht jeder könne sofort einen Purzelbaum. Dafür seien die Kleinen technisch weiter, als Erika Ernst selbst in jungen Jahren. „Mit dem Handy können sie alle umgehen, wenngleich das in der Übungstunde nicht zu suchen hat.“

Gravierende Unterschiede zum Geräteturnen heute und vor einem halben Jahrhundert sind für Erika Ernst eher bürokratischer Natur. „Heute benötigt man ein polizeiliches Führungszeugnis, wegen des Datenschutzes bei Bildern das Einverständnis der Eltern und muss Fluchtpläne vorlegen, wenn man mal in der Turnhalle übernachten möchte“, erklärt sie durchaus verständnisvoll. Zum anderen müssen sich die Vereine durch den Ganztagsschulbetrieb mehr mit der Schule arrangieren. Und ja, das habe sich mit der Zeit in der Tat verändert: „Ich habe mit den Kindern einmal eine Keulengymnastik für eine Vereinsfeier einstudiert. Ich hatte die Musik ausgesucht, die nun wirklich nicht so auf Hipp-Hopp ausgelegt war. Da haben mir die Mädchen gesagt, dass sie das nicht noch einmal haben müssten“, schmunzelt Übungsleiterin Ernst. Für den „guten Ton“ in den Übungsstunden ist numehr ihr Nachfolger Tobias Schröder zuständig. Ob er aber noch das eigens für Erika Ernst angeschaffte Kassettendeck an der Musikanlage benutzt, ist aber in Zeiten von Bluetooth und Musik-Stick eher fraglich.

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