Am Mittwoch hatten Menschen ein Schild vor dem Schlachtbetrieb in Selm aufgestellt. © Jura Weitzel
Selmer Schlachthof

Schächt-Skandal in Selm: Bemerkenswerter Satz auf Video festgehalten

Das Videomaterial der Soko Tierschutz vom Selmer Schlachthof Prott umfasst insgesamt drei Wochen. Neben den schockierenden Szenen ist es besonders ein Satz, den die Soko für bemerkenswert hält.

Sieben Monate sind vergangen, seit das Veterinäramt des Kreises Unna den Selmer Schlachtbetrieb Prott geschlossen und die Staatsanwaltschaft in Dortmund ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Der Vorwurf: Bei Prott sollen Schafe und Rinder im großen Stil geschächtet, also ohne Betäubung geschlachtet worden sein. Das ist ohne Sondererlaubnis illegal. Verdeckte Aufnahmen der Tierschutzorganisation Soko Tierschutz zeigen jedenfalls fast 200 Fälle von Schächtungen. Die Aufnahmen sind in einem Zeitraum von drei Wochen entstanden.

Insgesamt dreimal hat die Soko-Tierschutz das Videomaterial inzwischen angesehen und Informationen daraus zusammengetragen. Dreimal, „um sicherzugehen, dass wir nichts übersehen haben“, sagt Soko-Tierschutz-Gründer Friedrich Mülln unserer Redaktion. Für die Soko Tierschutz gilt das Material inzwischen als komplett gesichtet.

Szene aus den Aufnahmen beweist zweierlei

Eine Szene daraus ist für Friedrich Mülln besonders brisant. Darin ist Hubert Prott zu sehen, wie er durch den Betrieb geht. Prott unterhält sich in der Szene mit seinem Schlachter, der dabei ist, ein Messer zu schärfen. Prott sagt seinem Schlachter: „Vergiss den Bolzenschuss nicht.“ Unsere Redaktion hatte ebenfalls Einsicht in die Aufnahme. Für Friedrich Mülln zeigt die Szene zweierlei. „Die Szene beweist, dass Prott selber involviert war.“ Als die Aufnahmen der Soko Tierschutz öffentlich wurden, hatte Hubert Prott der ARD-Redaktion von „Fakt“ gesagt, er sei nie zugegen gewesen, als es zu den Schächtungen gekommen ist. Die Videoaufnahmen zeigen ihn aber. Zwar nie direkt bei einer Schächtung, aber im Betriebsgeschehen involviert, an Tagen, an denen auch Tiere geschächtet worden sind.

Zudem wundert sich Mülln über den Satz, den Prott seinem Schlachter sagt. „Das ist so, als wenn man jemandem sagt, mach die Autotür zu, wenn du auf die Autobahn fährst“, sagt er. Jedes Rind muss, so ist es vorgeschrieben, durch einen Bolzenschuss getötet werden. Eine vollkommene Routine-Arbeit auf einem Schlachthof. Bei Prott wurden aber – so legen es jedenfalls die Aufnahmen nahe – Tiere zuerst bei lebendigem Leib geschächtet und danach erst wurde der Kopfschuss gesetzt. Offenbar, um zu vertuschen, dass es zu illegalen Schächtungen kam. Warum Hubert Prott diesen Satz sagt, das bleibt unklar. Prott hatte in der Vergangenheit erklärt, dass er sich unserer Redaktion gegenüber nicht mehr äußern wolle. Friedrich Mülln jedenfalls glaubt: „Der Satz macht auf einem Schlachthof einfach keinen Sinn.“

Und wie ist der aktuelle Stand bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft? „Die Ermittlungen dauern weiterhin an“, erklärt Sonja Frodermann, Sprecherin bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Dortmund auf Anfrage. Weiterhin müsse das umfangreiche Material ausgewertet werden. Wann das erfolgt ist, „da kann man wirklich noch keine Prognose abgeben“, erklärt Frodermann.

Verfahren zum Thema Tierschutz dauern lange

Friedrich Mülln kritisiert schon länger, dass Tierschutzverfahren seiner Meinung nach zu lange dauern und nicht mit genug Priorität angegangen werden. „Es ist leider Standard, dass ein Tierschutzverfahren zwei bis drei Jahre bei der Staatsanwaltschaft liegt“, sagt Mülln. Es gebe entweder zu wenig Leute, oder zu wenig Interesse, ist die Meinung des Tierschützers.

Friedrich Mülln engagiert sich schon lange für die Rechte von Tieren. Hier ist er bei einer Demo in Ulm im Jahr 2016 zu sehen. Der Tierschützer war von den Aufnahmen aus Selm schockiert. © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

Nicht selten sei es dann auch so, dass die Strafen durch den Umstand, dass das Verfahren so lange gedauert habe, beziehungsweise die Taten schon länger zurückliegen, verringert werden, sagt Mülln.

Material inzwischen dreimal gesichtet

Zum Vergleich: Die Soko Tierschutz hatte das Material zu zweit innerhalb von einer Woche gesichtet. Etwa acht bis zehn Stunden hätten er und eine Mitarbeiterin daran gesessen, sagt Mülln. Auch unsere Redaktion hatte Einblick in die Aufnahmen. Zwar zeigt das Material einen Zeitraum von drei Wochen, doch es gibt immer wieder viel Leerlauf. So sieht man auf dem Material in der Nacht zum Beispiel nur Dunkelheit, bis dann – mitunter am frühen Morgen – das Licht angeht und der Betrieb wieder aufgenommen wird. Bei diesen Stellen in der Nacht könnte man zum Beispiel etwas schneller weiterspulen als zu anderen Zeiten, sagt Mülln.

Zwischenzeitlich hatte die Tierschutzorganisation im Kreis Unna auch noch den Fall um die Metzgerei Mecke in Werne ins Rollen gebracht. Dort zeigten Aufnahmen der Tierschützer, wie Tiere auf einem Sammelplatz von Mecke brutal misshandelt wurden. Inzwischen ist auch die Metzgerei Mecke geschlossen, der Fall zog sogar noch größere Kreise als der in Selm. Der Fall Prott ging etwas unter. „Das finde ich fast ein bisschen schade, weil der Fall Prott auch gravierend und wichtig ist“, sagt Mülln.

Über die Autorin
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Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder

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