Die Vorwürfe gegen einen Schlachtbetrieb aus Selm ziehen weitere Kreise. © Günther Goldstein
Schächtungsvorwürfe

Nach Schlacht-Skandal: Soko Tierschutz erstattet Anzeige gegen Kreis Unna

Nach Schächtungsvorwürfen gegen einen Selmer Schlachtbetrieb hat die Tierschutzorganisation Soko Tierschutz nun auch Anzeige gegen den Kreis Unna erstattet. Wieso jetzt? Das erklärt ihr Gründer.

Die Tierschutzorganisation Soko Tierschutz in München hat in der vergangenen Woche eine Strafanzeige gegen unbekannte Mitarbeiter des Kreises Unna bei der Staatsanwaltschaft Dortmund eingereicht. Eine detaillierte Ausführung der Anzeige wollte die Organisation zudem noch in dieser Woche folgen lassen, so Soko-Tierschutzgründer und Sprecher Friedrich Mülln. Auch das NRW-Umweltministerium hatte in Unterlagen für eine Sitzung des Umweltausschusses am Mittwoch die Anzeige publik gemacht.

Die Staatsanwaltschaft Dortmund konnte keine genaueren Angaben zu der Anzeige machen, Sprecher Henner Kruse lag sie noch nicht vor. Dem Kreis Unna war die Anzeige am Montagnachmittag ebenfalls bislang nicht bekannt, wie Kreissprecher Volker Meier sagte.

Ermittlungen laufen

Die Tierschutzorganisation Soko Tierschutz hatte vor rund einem Monat Anzeige gegen den Selmer Schlachthof Prott wegen Verstoßes gegen das Tierschutzrecht erstattet. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen ihre Ermittlungen begonnen und auch Durchsuchungen bei dem Schlachthof durchgeführt.

Zeitgleich mit der Anzeige hatte die Organisation Soko Tierschutz auch Videomaterial, das verdeckt in dem Hof aufgenommen wurde und zahlreiche Schächtungen von Rindern und Schafen zeigt, an die Staatsanwaltschaft und den Kreis selbst übermittelt. Der Kreis hatte den Hof Prott auf den Bildern identifiziert und den Schlachthof noch am selben Tag bis auf weiteres wegen der Verdachts auf illegales Schächten geschlossen.

Tierschützer Mülln hatte von Anfang an auch Konsequenzen für den Kreis-Veterinär gefordert. Bei den Aufnahmen, die zwischen dem 25. Februar und dem 18. März – also dem Tag der Schließung – entstanden seien, sei niemals ein Veterinär anwesend gewesen, sagt Mülln.

Keine Beteiligung an Aufklärung, so der Tierschutzverein

Doch warum hat der Tierschutzverein erst jetzt Anzeige erstattet? „Wenn wir eine Anzeige machen, hat das Hand und Fuß“, sagt Sprecher Mülln. Die Verstöße seien so eklatant von Seiten des Kreises, nun gelte es zu klären, wie es dazu kommen konnte, dass nicht eingegriffen wurde, obwohl es schon seit 2002 immer wieder Hinweise auf Verstöße gegen den Betrieb gab, sagt Mülln. „Wenn ein Amtstierarzt gegen seine Pflichten verstößt – warum auch immer – ist es die Aufgabe des Staates zu klären, warum“, sagt er.

Der Tierschutzverein habe gewartet, ob sich das Veterinäramt selbst an der Aufklärung beteilige und Verantwortliche direkt von ihren Posten enthebt. „Sie bleiben aber bei der These, dass es eine ganz normale Überwachung gab“, sagt Mülln. Laut Angaben des Kreises hätten im Monat 100 Schlachtungen unter Aufsicht stattgefunden. „Es gab aber in der Zeit der Aufnahme nur Schächtungen“, sagt Mülln. Kontrollierte Schlachtungen? „Die gab es nicht“, sagt er.

Glaube an „Märchenerzählung“

Wenn es Aufzeichnungen über Kontrollen gegeben habe, dann sollte der Kreis diese auf den Tisch liegen, fordert Mülln. Nach Unterlagen des Ministeriums liegen diese weder dem Lanuv noch dem Ministerium vor. Auch unsere Redaktion gegenüber hatte der Kreis dazu keine Angaben gemacht, mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen, die sich bis dahin nur auf den Schlachthof Prott bezogen. Auch jetzt macht der Kreis mit Verweis auf die Ermittlungen in beide Richtungen keine Angaben.

Auch vom Ministerium ist die Tierschutzorganisation enttäuscht. „Die hatten jetzt einen Monat Zeit, um die Dokumente zu bekommen“, sagt Mülln. Doch sie glaubten weiterhin „der Märchenerzählung“ des Kreises und arbeiteten mit dem Kreis zur Aufklärung des Falles zusammen. Das zeige, „dass das Ministerium mit dem Skandal wie mit anderen Schlachthof-Skandalen in NRW umgeht“, sagt Müll, „Teppich drauf und gut.“ Das Ministerium hatte gerade angekündigt, dass es in diesem Jahr Schwerpunktkontrollen zur Betäubung von Schlachttieren geben soll. Der Fall ist am Mittwoch auch Thema im Umweltausschuss des NRW-Landtags.

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder
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