Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle unter anderem in Selm, Nordkirchen und Werne läuft. © picture alliance/dpa
Missbrauchsskandal

Missbrauch in der Kirche: In vielen Fällen waren die Priester Intensiv- und Langzeittäter

Elf Jahre. So alt waren durchschnittlich die Opfer sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Das Bistum Münster hat Wissenschaftler eingesetzt, um die Verbrechen aufzuarbeiten. Die ersten Zahlen sprechen Bände.

Die ersten Ergebnisse der Forscherkommission zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche fallen für das Bistum Münster ziemlich vernichtend aus. Ein deutliches Führungsversagen habe es gegeben – und das nicht nur von einzelnen. Sondern von vielen Verantwortlichen und über mehrere Jahrzehnte. Viele der Täter seien zudem Intensiv- und Langzeittäter gewesen, die über viele Jahre hinweg Kinder missbrauchten.

Seit etwas mehr als einem Jahr beschäftigen sich fünf Forscher von der Universität Münster mit der historischen Aufarbeitungen sexualisierter Gewalt durch Priester und Diakone im Bistum Münster im Zeitraum von 1945 bis zur Gegenwart. Auch die Fälle um die Priester Albeck (unter anderem St. Mauritius in Norkirchen und St. Konrad in Werne) und Priester Theo Wehren (unter anderem St. Josef in Selm) versuchen sie, näher zu untersuchen.

Beide Pfarrer sind bereits verstorben. Ihnen wird von mehreren Betroffenen aber vorgeworfen, sie als Kinder sexuell belästigt zu haben. Seit Bekanntwerden der Vorwürfe im vergangenen Jahr haben sich beim Bistum Münster zum Fall Albeck fünf Betroffene gemeldet, zum Fall Wehren vier. Das erklärte Peter Frings, der beim Bistum Interventionsbeauftrager ist, auf Anfrage der Redaktion. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir die Orte, aus denen die Meldung stammen, nicht näher bezeichnen“, erklärte er zudem – zum Schutz der Opfer.

Auch wenn in dem ersten Zwischenbericht, den das unabhängig arbeitenede Forscherteam jetzt gegeben hat, nicht explizit diese Fälle genannt wurden, sprechen die Zahlen und Fakten, die die Analyse der Wissenschaftler bis jetzt ergeben hat, Bände.

Opfer im Durchschnitt elf Jahre alt und zu 90 Prozent männlich

Demnach gibt es im Zeitraum von 1945 bis 2018 im Bistum Münster Beschuldigungen gegen insgesamt rund 200 Priester. „Die Analyse einer Stichprobe von bisher 49 Beschuldigten ergab 82 Betroffene, die zu 90 Prozent

männlich und zum Zeitpunkt des ersten erfahrenen Übergriffs durchschnittlich elf Jahre alt waren. Die Dauer des erlebten Missbrauchs erstreckte sich von einmaligen Übergriffen bis zu Zeiträumen von über zehn Jahren“, heißt es in einer Pressemitteilung der Uni Münster.

Das ist der erste Akt des Skandals. Einen zweiten gibt es auch – nämlich in Bezug auf den Umgang der Führungspersonen im Bistum. „Zahlreiche Taten in den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren sind den Forschern zufolge auf Intensiv- und Langzeittäter zurückzuführen, die bis zu 25 Jahre lang Minderjährige missbrauchten. Sofern die Bistumsleitung von entsprechenden Taten wusste, verfuhr sie nach dem Modell des ,schweigenden Arrangements‘: Zum Teil auch in

Verletzung des kircheneigenen Regelwerks verzichteten die Verantwortlichen auf ein kirchenrechtliches Verfahren oder die Suspendierung des Täters“, so das Fazit der Forscher.

Oft wurden die Täter einfach aus der Gemeinde genommen und woanders wieder eingesetzt – in der Seelsorge, als Schutzbefohlene für andere Kinder. So soll es auch bei den Fällen Albeck und Wehren gewesen sein. Theo Wehren war wegen mehrere sexueller Handlungen an Minderjährigen beispielsweise schon zu einem Jahr Freiheitsstraße auf Bewährung verurteilt worden, bevor er danach weiter als Pfarrer in einer Gemeinde arbeitete.

Und auch im Falle Albeck scheint es viele Vertuschungen gegeben zu haben: So berichtete ein Betroffener im vergangenen Jahr im Gespräch mit der Redaktion, dass er die Vorwürfe gegen den Priester schon 2010 an das Bistum weitergegeben und auch eine Geldzahlung erhalten habe. Beim Bistum allerdings fanden sich dazu keine Dokumente mehr, wie es auf Anfrage der Redaktion erklärte.

„In nicht wenigen Fällen wiederholten sich die Taten

Wie sowas kommen konnte? „Den Skandal zu vermeiden und

damit die Kirche als Institution zu schützen, aber auch den ‚Mitbruder‘ in seiner priesterlichen Existenz nicht zu gefährden – das waren Motive für diese Vorgehensweise“, sagt Thomas Großbölting. „In nicht wenigen Fällen wiederholten sich die Taten. Die Betroffenen wurden dabei zumeist übergangen – kam es überhaupt zu einem Gespräch mit ihnen, so endete dies zumeist in einer Vereinbarung wechselseitigen Stillschweigens“, heißt es in der Pressemitteilung der Uni Münster weiter.

„Wir sehen darin ein deutliches Führungs- und Kontrollversagen der

Bistumsleitung, das sich nicht auf Einzelfälle begrenzt, sondern über

Jahrzehnte zu beobachten ist“, betont Prof. Dr. Thomas Großbölting. Der Historiker leitet das fünfköpfige Forschungsteam zusammen Prof. Dr. Klaus Große Kracht.

Dass das Bistum nun aber an einer Aufarbeitung interessiert ist, zeigt die seit einem Jahr laufende Aufarbeitung durch eine unabhängige Stelle. Das Bistum stellt dem Projekt zur Forschung und Analyse der Verbrechen 1,3 Millionen Euro zur Verfügung. Die Wissenschaftler haben umfassende Akteneinsicht und führen Interviews mit Betroffenen. Ihr Abschlussbericht soll in der ersten Jahreshälfte 2022 vorliegen.

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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher
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