Das große Krabbeln. Uwe Norra hat die Käfer, die sich in sein Haus verirrt hatten, eingesammelt und Bringt sie wieder hinaus - nicht ohne die Gäste Im Bild festzuhalten. © Uwe Norra
Naturphänomen

Maikäfer im Aufwind: Große Brummer lassen es gerade mächtig krabbeln

Wenn sich nachts die Erde öffnet und seltsam brummende Wesen ungelenk aus dem klumpigen Boden kriechen, ist entweder Weltuntergang. Oder es ist Mai. In dieser Woche war es wieder so weit.

Gerade noch war nur die jubilierende Nachtigall zu hören an diesem lauen Montagabend im Mai (10. Mai). Da setzt unvermittelt eine Rhythmusgruppe ein: „Plong! Peng-peng!“ Und dazu ein wenig melodiöses Brummen. Von dem unermüdlichen Singvogel ist im Abendlicht nichts zu sehen. Selbst bei Tag ist er in dem Wäldchen gegenüber nicht auszumachen, sondern nur zu hören. Bei den seltsamen Trommlern ist das anders. Sie drängen sich geradezu auf. Kaum, dass sie aus dem lockeren Erdreich des etwas ungepflegten Rasens gekrochen sind, versuchen sie auch schon zu fliegen und stoßen mit allem zusammen, das im Weg steht: auch mit den etwas erschrockenen Menschen, die mit dieser Maikäfer-Invasion nicht gerechnet hatten.

Nach vier Jahren in der Dunkelheit ans Licht

Naturfreund Uwe Norra aus Selm-Beifang ist es ebenso gegangen. Nur, dass der Ornithologe nicht draußen saß, sondern im Haus – allerdings bei geöffnetem Fenster. „Ruckszuck war ich nicht mehr alleine“, sagt er schmunzelnd. So schnell habe er nicht die Fenster verschließen können, wie die Maikäfer hineingeflogen seien – immer dem Licht nach. Und das mit Wucht – ob gegen die Lampe, die Scheibe oder Norras Kopf. Wer vier Jahre im Dunkeln unter der Erde gehockt hat, ist eben nicht zu halten.

„Es gibt keine Maikäfer mehr“, sang Reinhard Mey 1974. Norra kennt das Lied. Und er kennt auch die Sorge, dass die etwa drei Zentimeter großen Krabbeltiere ausgerottet würden. Der Grund: sein Appetit in allen Lebenslagen. Als Engerling – so heißt die Larve des Maikäfers, die vier Jahre unter der Erde lebt – macht er sich über Pflanzenwurzeln her und gilt als Bedrohung für ganze Gemüseäcker und Getreidefelder. Und als ausgewachsener Käfer hat er Anfang des 20. Jahrhunderts ganze Wälder kahl gefressen.

Von Menschen lange gnadenlos bekämpft

Dieses Verhalten hat Menschen nachhaltig gegen ihn aufgebracht. Zwischen den 1950er- Jahren und Anfang der 1970er-Jahre haben sie sich angestrengt, die Welt von dem vermeintlichen Plagegeist zu befreien – unter anderem mit dem inzwischen verbotenen Insektizid DDT. Aber auch da, wo der sechsbeinige Käfer nicht bekämpft wurde, gingen die Bestände nicht nur für Reinhard Meys Geschmack dramatisch zurück. „Ich bin froh, seit einigen Jahren regelmäßig wieder Käfer zu sehen“, sagt Norra. Denn Gifte und moderne Pflüge, die die weißen Engerlinge vor dem Ende ihrer Verwandlung zum braunen Käfer an die Erdoberfläche holen, lassen Massenaufkommen wie einst nicht mehr zu. Aber immerhin gute Jahre wie offenbar jetzt.

„Während in Südhessen und Nordbaden erst 2022 wieder ein Waldmaikäferjahr ansteht, werden die Feldmaikäfer in Bayern bereits 2021 erwartet. Auch im Großraum Hannover erscheinen aktuell viele Maikäfer“, berichtet der Naturschutzbund Deutschland Nabu. Und in NRW werden aktuell ebenfalls größere Vorkommen gemeldet. Das bedeutet: Innerhalb einer Region entwickeln sich die Tiere im gleichen Takt. Eiablage, Entwicklung der Engerlinge, Verwandlung zum Käfer, Begattung, Eiablage – und alles wieder von vorne: Das passiert bei den Tieren derselben Gegend parallel – aus gutem Grund: So finden sie beim Schlüpfen in großer Zahl Partner vor.

Das Leben über der Erde dauert nur wenige Wochen

Die Käfer, die an diesem Montag aus der Erde geklettert sind, scheinen es nicht so eilig damit zu haben. Statt den Partner fürs kurze Leben zu suchen – nur höchstens vier bis sieben Wochen bleiben ihnen dafür -, scheinen sich einige mit allen sechs Beinchen an der Baumwollhose ihres menschlichen Gegenübers festzukrallen. Erst sanftes Schubsen bringt Bewegung in die Sache. Und die ist erstaunlich.

Eigentlich gegen die Gesetze der Schwerkraft, und doch können Maikäfer fliegen Dank einer Pumptechnik. © Uwe Norra © Uwe Norra

Die Maikäfer öffnen nicht etwa die Flügel und summsen davon, sondern sie hocken und pumpen. In einem fort. Ihr Chitinleibchen geht auf und ab. Auf und ab. Auf und ab. Während der Mensch schon nicht mehr daran glaubt, dass irgendetwas anderes passiert, öffnen sich plötzlich die Flügel und das Tier hebt ab – gegen alle Gesetze der Schwerkraft. Die harten Deckflügel dienen als Tragflächen, die dünnen Hautflügel darunter wirken wie Propeller.

Acht Kilometer pro Stunde langsam

Das Tempo ist eher beschaulich. Die dicken Brummer bringen es auf gerade mal acht Kilometer pro Stunde: ein Bummelzug in der Insektenwelt. Andere sind da mit 50 Stundenkilometern unterwegs, etwa die fixe Stechmücke. Anders als sie tut der Maikäfer dem Menschen nichts. Die Berührung zwickt zwar, Aber das hat nichts mit Stechen und Beißen zu tun. Die Beine des Käfers haben lediglich kleine Widerhaken.

Uwe Norra kam damit in Berührung, als er die Käfer, die sich in seinem Wohnzimmer verirrt hatten, einer nach dem anderen einsammelte. Zwölf Stück kamen zusammen. Deren Kinder werden ihn vermutlich in drei bis vier Jahren wieder besuchen.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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