Sie sind eine glückliche Familie – und rücken in ihrer kleinen Wohnung eng zusammen: Nada (19), Ahmed (6), Abdulkader (47), Mohammad (11), Elaf (13), Fawzia (46) und Sara (17) Ismail. © Jan Wandschneider
Verzweifelte Wohnungssuche

Siebenköpfige Familie lebt auf 69 Quadratmetern: „Es ist hart“

Familie Ismail lebt in Schwerte auf 69 Quadratmetern. Im Lockdown ist das besonders hart – und die Wohnungssuche läuft schleppend. Es seien zu viele, sagte die letzte potenzielle Vermieterin.

Wenn man sie so sieht, wie sie gemeinsam auf dem Sofa sitzen und lächeln, merkt man ihnen den täglichen Stress gar nicht an. Denn Abdulkader Ismail (47), seine Frau Fawzia (46) und ihre fünf Kinder sind eine glückliche Familie. Sie sind froh darüber, dass sie zusammen sind. „Dafür danke ich Gott jeden Tag“, sagt der Familienvater aus Schwerte.

Denn das Familienleben ist keine Selbstverständlichkeit für sie. Sie haben eine lange Trennung hinter sich. Vier Jahre lang. Alles begann im Jahr 2015, als der Vater aus der Heimatstadt Amuda flüchtete.

Kein Strom, kein Wasser, kein Essen

In der knapp 50.000 Einwohner zählenden Stadt im Nordosten Syriens arbeitete Abdulkader Ismail als Jurist im örtlichen Finanzamt. Die Familie lebte in einem großen Haus mit sechs Zimmern.

Doch die Versorgungslage im Bürgerkrieg wurde immer schlimmer. Selten gab es Strom, noch seltener sauberes Wasser. Auch Tage ganz ohne Nahrung seien immer wieder vorgekommen. Ismail wusste, dass es hier für seine Familie keine Zukunft mehr gab.

Im September 2015 floh er nach Deutschland. „Mein kleiner Sohn war damals gerade sieben Monate alt“, erinnert sich der Vater an den Abschied. Es fällt ihm schwer, darüber zu sprechen. „Jeder, der selbst Kinder hat, kann sich vorstellen, wie hart so etwas ist.“ Seine Flucht über die Türkei mit einem Schlauchboot nach Griechenland und von dort über die Balkanroute bis nach Deutschland dauerte knapp einen Monat.

Sohn kannte den Papa nur von Bildern

In Deutschland lernt Abdulkader Ismail Jan Wandschneider vom Caritasverband Unna e.V. kennen. „Das war eine glückliche Fügung“, erzählt Wandschneider. Ismail lernt Deutsch und arbeitet zunächst ehrenamtlich für die Caritas – mittlerweile hat er dort einen Vollzeit-Job. „Er kann fließend Kurdisch, Arabisch und Englisch und arbeitet heute als Flüchtlingsberater.“

Im Rahmen des Familiennachzugs im Mai 2019 kann endlich auch die Familie nachkommen. Da ist Ahmed schon über vier Jahre alt. „Er hat mich zuerst gar nicht wiedererkannt und nannte mich Onkel, denn er kannte mich ja nur von Bildern“, erzählt Abdulkader Ismail.

Die Enge ist Alltag

Die Familie lebt in Wandhofen, in der Straße Am Bruch in einer Wohnung von Vonovia. Auf 69 Quadratmetern, mit zwei Schlafzimmern. Die Mädchen sind mittlerweile 19, 17 und 13 Jahre alt. Die Jungs sind 11 und 6 Jahre alt. Abends klappen die Eltern das Sofa im Wohnzimmer aus.

Homeschooling bei den Ismails: Zu zweit und zu dritt teilen sich die Kinder jeweils ein Zimmer.
Homeschooling bei den Ismails: Zu zweit und zu dritt teilen sich die Kinder jeweils ein Zimmer. © Jan Wandschneider © Jan Wandschneider

Was zum Schlafen noch einigermaßen funktioniert, ist zu Corona-Zeiten eine ganz andere Herausforderung. Ein Laptop steht den Kindern fürs Homeschooling zur Verfügung, die anderen nehmen über ihre Smartphones teil. „Für die Kinder ist die Enge Alltag, deshalb gibt es selten Streit. Sie sind sehr diszipliniert und halten zusammen“, sagt Jan Wandschneider.

Spielt der Name eine Rolle? Vermutlich schon.

Trotzdem ist Abdulkader Ismail seit zwei Jahren auf der Suche nach einer größeren Bleibe. „Fast jeden Tag rufe ich irgendwo an.“ Erst vor wenigen Tagen habe er mit einer Vermieterin gesprochen. „Die Wohnung hatte sechs Zimmer und 130 Quadratmeter, aber sie sagte, wir seien zu viele.“ Dann lacht er verlegen. „Sie war sehr nett. Aber es hat wieder nicht geklappt.“

Ob auch der syrische Nachname eine Rolle bei der Wohnungssuche spielt? Jan Wandschneider ist sich sicher, dass es so ist. Als Projektverantwortlicher für Wohnraumakquise bei der Caritas betreut er zurzeit 50 Familien und rund 70 Singles auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum. „Grundsätzlich herrscht gerade für kinderreiche Familien und Singles ein eklatanter Wohnungsmangel“, sagt der 46-Jährige.

Kein Kennenlernen in Corona-Zeiten

Zu den Wohnungssuchenden, die er bei der Suche unterstützt, gehören auch Menschen mit Migrationshintergrund. „Offiziell sagt kein Vermieter, dass er keine ausländischen Mieter haben möchte.“ Makler hingegen seien oft direkt. „Die sagen klipp und klar: Der Vermieter will das nicht.“

Wandschneider glaubt, dass Ängste dabei eine große Rolle spielen. Dafür hat Abdulkader Ismail Verständnis. „Viele haben vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht oder davon gehört. Das verstehe ich.“

Jan Wandschneider von der Caritas weiß, welche Schicksalsschläge hinter den Räumungen stecken. © privat © privat

Und auch Corona verhindert, dass sich die Parteien zumindest kennenlernen. An dieser Stelle springt Jan Wandschneider ein. „Wir kennen unsere Kandidaten. Auch wenn wir nie eine Garantie geben können.“

Kinder besuchen Schwerter Schulen

Was Familie Ismail betrifft, findet Wandschneider deutliche Worte: „Es ist eine Familie, wie Vermieter sie sich nur wünschen können.“ Sara (17) und die 13-jährige Elaf besuchen die Gesamtschule Gänsewinkel, die große Schwester Nada absolviert gerade ihren C1-Deutschkurs bei einem Dortmunder Bildungsträger. Mohammad ist in der vierten Klasse, Ahmed besucht noch die Kita Wandhofen.

Obwohl sie nur wenige Monate am Präsenzunterricht teilnehmen konnten, sprechen alle Kinder sehr gut Deutsch und sind gute Schüler. „Mohammad hat eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen, und Sara möchte ihr Fachabi machen“, erzählt der Vater stolz.

„Das Wichtigste ist, dass wir uns haben“

Der einzige Punkt, mit dem ein Vermieter hadern könnte: Die Kinder sind nicht nur gut in der Schule, sondern auch musikalisch. Elaf spielt Geige und Mohammad lernt Klarinette. „Aber das tun ja viele deutsche Kinder auch“, sagt Vater Abdulkader Ismail und lacht.

Und am Ende des Telefonats sagt der Mann, der seit Jahren vergeblich eine Wohnung sucht, noch: „Das Wichtigste ist, dass wir uns haben – selbst wenn wir gerade nur ein Zimmer hätten, würden wir gerne zusammen darin wohnen.“

Wer eine Wohnung in Schwerte kennt oder vermietet, kann gerne über Jan Wandschneider Kontakt zu der Familie aufnehmen: wandschneider@caritas-unna.de

Über die Autorin
Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus
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