Ab sofort ohne Mütze: Die zehnjährige Annika Kudella macht ihre Schularbeiten von zu Hause aus. So wird es noch bis zum 31. Januar weitergehen. © Kudella
Coronavirus

Schulen und Kitas bleiben geschlossen: „Das zerrt echt an den Nerven!“

Bis Ende Januar bleiben die Schulen geschlossen, so hat es das Land NRW am Mittwoch entschieden. Familienvater Sascha Kudella (44) versucht, gelassen zu bleiben. Doch das fällt schwer.

Als die Bundesregierung am Dienstag (5.1.) die Verlängerung und Verschärfung der Lockdown-Maßnahmen bekanntgegeben hat, werden sich viele Eltern gedacht haben: „Na Prost Neujahr.“ Bis zum 31. Januar, so hat es am Mittwoch (6.1.) das Land NRW beschlossen, werden Schulen und Kitas geschlossen bleiben.

Bereits im März 2020 hatte der erste Corona-Lockdown für Verzweiflung bei Müttern und Vätern gesorgt. Nach nur zwei Wochen Homeschooling machten Witze die Runde. Man begegnete dem Virus mit Galgenhumor. Das Bild mit Senioren im Klassenzimmer, dazu der Untertitel: „Grundschule nach Corona-Krise wieder geöffnet.“ Oder der Spruch: „Wenn das so weitergeht, werden die Eltern noch vor den Forschern einen Impfstoff entwickeln.“

Familienvater versucht, die Nerven zu behalten

Vielen fällt das Lachen inzwischen schwer. Der Impfstoff ist da, aber die Mutation des Coronavirus macht den zaghaften Hoffnungen zunächst einen Strich durch die Rechnung. Schulministerin Yvonne Gebauer hat am Mittwochnachmittag verkündet, dass Schulen und Kitas – abgesehen von einer Notbetreuung – dicht bleiben.

„Das zerrt echt an den Nerven“, sagt Sascha Kudella. Trotzdem versucht er, positiv zu denken. „Es gibt Generationen, die viel Schlimmeres durchgemacht haben. Wir müssen das Beste draus machen.“ Der 44-jährige Schwerter ist Vater von zwei Töchtern. Die zehnjährige Annika besucht die Reichshofschule in Westhofen. „Die Lehrer machen da einen guten Job“, sagt er. Mit Wochenarbeitsplänen und per Mail habe der Distanzunterricht an der Grundschule zuletzt gut funktioniert.

Sascha Kudella ist Vater von zwei Töchtern. Er sagt: „Man muss gelassen bleiben.“ © Dietmar Meinert © Dietmar Meinert

Die Große, 16 Jahre alt, besucht das Friedrich-Bährens-Gymnasium. Hier ist man in Sachen Digitalisierung schon ziemlich weit. Sogar Teamarbeit innerhalb der Videokonferenzen wird dort praktiziert. „Ich war richtig begeistert“, erzählt Sascha Kudella.

Sport, Shoppen, Treffen mit Freunden: alles weg.

Doch zum neuen Jahr hatte man sich eigentlich anderen Unterricht gewünscht. „Viele Kinder hatten die Erwartungshaltung, dass es bald weitergeht.“ Nicht nur die Schule fehle seinen Töchtern. „Es sind ja auch andere Dinge, die wegfallen. Sport, Shoppen, unbeschwerte Treffen mit Freunden.“ Zum Glück seien die Kinder sehr verständnisvoll.

Annika (10) verfolgt ihren Online-Ballettunterricht. Das ist sehr engagiert von ihrer Ballettlehrerin. Aber richtigen Unterricht fände sie schöner.
Annika (10) verfolgt ihren Online-Ballettunterricht. Das ist sehr engagiert von ihrer Ballettlehrerin. Aber richtigen Unterricht fände sie schöner. © Kudella © Kudella

„Aber es drückt schon alles auf die Stimmung“, sagt der Vater. „Es gibt nix, wo man als Jugendlicher hingehen kann. Da muss man versuchen, seinen Kindern eine gewisse Gelassenheit zu vermitteln.“

Der Schwerter weiß auch, dass es ihm und seiner Familie im Vergleich sehr gut geht. „Ich kann im Homeoffice arbeiten, das können andere nicht.“ Und viele Eltern würden sich gerade auch Sorgen um ihren Job machen. „Diese Familien brauchen mehr Unterstützung vonseiten der Regierung, damit es mit dem Distanzunterricht klappt“, sagt er.

Entscheidung ist „richtig und konsequent“

Heiko Klanke, Schulleiter des Friedrich-Bährens-Gymnasiums, hält die Lösung der Regierung für „richtig und konsequent“. Denn es sei wichtig angesichts des Infektionsgeschehens, Kontakte drastisch zu reduzieren. „Und wie soll man Kindern erklären, dass man zwar in der Schule zusammensitzen muss, sich danach aber nicht verabreden darf?“

Auch Klanke ist klar, dass der verlängerte Lockdown eine große Herausforderung ist. „Es ist eine Zumutung für die Eltern. Wir versuchen, zu helfen.“ Kurz vor dem Telefonat am Mittwoch hatte Klanke noch mit den Kollegen zusammengesessen. „Wir bereiten gerade die Abfrage für die Notbetreuung vor.“

Die Kinder, die ab Montag zur Notbetreuung in die Schule kommen, sollten wenn möglich auch ihr „digitales Endgerät“ mitbringen, um von dort aus am Distanzunterricht teilzunehmen. Wie genau das laufen soll, werde man den Eltern mitteilen. „Wir sind gut vorbereitet und stehen in ständigem Kontakt.“

Eltern sollen nicht zu viel verbessern

Für zu Hause rät der 46-jährige Schulleiter den Eltern, nicht alle Aufgaben mit den Kindern gemeinsam zu machen. „Hin und wieder gucken oder etwas verbessern – das ist in Ordnung.“ Aber für Korrekturen seien die Lehrkräfte da.

Unterricht per Videokonferenz: Bis Ende Januar werden Schulen und Kitas zubleiben. Eine große Herausforderung für viele Eltern.
Unterricht per Videokonferenz: Bis Ende Januar werden Schulen und Kitas geschlossen bleiben. Eine große Herausforderung für viele Eltern. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Deshalb gelte für Eltern: „Sie sollen die Kinder dazu anhalten, sich bei Rückfragen direkt selbst beim Lehrer zu melden.“ Wenn man natürlich den Eindruck habe, das Kind sei überfordert, dürfe man auch gern selbst eine Mail schicken.

Landeselternschaft: „Der Frust ist da“

Den Kontakt zur Schule und zu den Lehrern halten – das empfiehlt auch Professor Franz-Josef Kahlen von der Landeselternschaft Gymnasien NRW e.V. mit Sitz in Düsseldorf. „Eltern müssen ihr Mitbestimmungsrecht wahrnehmen und an die Schulen ran“, sagt er. Der 55-Jährige hat selbst vier Kinder im Alter von 8, 14, 17 und 19 Jahren. „Der Frust ist da“, sagt Kahlen.

Trotz des Verständnisses angesichts hoher Inzidenzwerte seien die Kinder einfach enttäuscht. Die Kleine und der Achtklässler hatten sich auf ihre Freunde gefreut. „Der 17-Jährige hat geflucht, als er erfahren hat, dass er nicht zur Schule darf.“ Und der Älteste wäre lieber in richtigen Uni-Vorlesungen als in der Teams-Konferenz. „Jeder muss durch sein Tal durch.“

Forderung nach „Corona-Gipfel“ und Planungssicherheit

Bei vielen Kindern sei die Motivation in Sachen Schule bereits „im Keller“. Das sei auch ein Versäumnis der Landesregierung, glaubt Kahlen. Eine richtige Zusammenarbeit zwischen Schulen und dem Ministerium habe es nicht gegeben – obwohl Eltern und Lehrer diese stets angeboten hätten.

Franz-Josef Kahlen von der Landeselternschaft fordert einen „Corona-Gipfel“ – und mehr Planungssicherheit. © Tabea Hahn © Tabea Hahn

„Viel Vertrauen ist verspielt worden“, sagt er. Die Landeselternschaft fordert jetzt vor allem Klarheit – und einen Coronagipfel mit allen Beteiligten. „Vor allem müssen Entscheidungen für die Abschlussjahrgänge her. Im Laufe dieses Monats müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit wir wissen, was im Februar und März auf uns zukommt. Die Corona-Schwangerschaft ist vorbei“, spielt er auf die neun Monate an, die seit dem ersten Lockdown vergangen sind.

Kürzere Sommerferien? „Sowas macht mich wütend“

Der Schwerter Sascha Kudella hofft ebenfalls auf langfristige Lösungen. „Eltern, Arbeitgeber und Schulen brauchen Planungssicherheit.“ Was ihn momentan wütend mache, seien unbedachte politische Diskussionen – etwa darüber, eventuell die Ferien jetzt zu verlängern und dafür die Sommerferien zu verkürzen.

„Der Sommer ist für viele gerade der einzige Lichtblick. Den Familien tut es sicher gut, dann etwas zusammen zu machen“, sagt Kudella.

Und damit meint der Familienvater nicht etwa Englischvokabeln oder mathematische Gleichungen.

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Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus
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