Warum trinkt der Bengel in der Videokonferenz so viel Wasser, und warum grinst er so? Eins ist klar: Die Lehrerin kann sich auf etwas gefasst machen... © Martina Niehaus
Homeschooling

Jetzt reden die Lehrer: Hausaufgaben „aus der Hölle“ im Lockdown (Teil II)

Sie schummeln und stören, sind neunmalklug oder völlig talentfrei. Und ihre Eltern stehen ihnen in nichts nach. Wie Kinder es schaffen, Lehrern im Lockdown auf den Digital-Wecker zu fallen.

Mannomann, was haben wir gemeckert. Lehrerinnen und Lehrer hatten mich und andere Eltern mit Aufgaben wie „Zeichne tote Tiere“ oder „Bastel eine Corona-Maske aus Müllresten“ fertiggemacht. Mitunter hatten die Kinder sogar ihre Chemie-Experimente an den heimischen Herd verlagert und dort für brenzlige Situationen gesorgt. Lockdown-Hausaufgaben sind eben nichts für schwache Nerven.

Doch jetzt stellt sich heraus, wer im Corona-Alltag wirklich Nerven wie Drahtseile braucht. Diejenigen, die sich jeden Tag aufs Neue die Videokonferenzen und Hausaufgaben unserer Kinder um die Ohren schlagen müssen. Die Lehrer.

Um eines vorwegzunehmen: Auch wenn an einigen Stellen Heiko Klanke, der Leiter des Schwerter Friedrich-Bährens-Gymnasiums, zitiert wird, stammt diese kleine Sammlung von verschiedenen Schulen. Die nicht namentlich genannt werden. Ist auch besser für die Kinder, ganz ehrlich….

Wichtige Geschäfte

Videokonferenzen können eine Herausforderung sein. Eine befreundete Grundschullehrerin erzählt, dass sie es aufgegeben habe, das Einmaleins abzufragen. „Das ist einfach nicht möglich, weil viele Muttis immer wieder im Hintergrund stehen und vorsagen.“ Sie nimmt es mit Humor: „Es kann ja nicht schaden, solche Übungen halten eben die grauen Zellen fit.“

Die Lehrerin kennt mittlerweile sämtliche Familienmitglieder, weil die Kinder gern unaufgefordert mit dem Handy durchs Haus laufen und alle Ecken zeigen. Manche Eltern kennt sie besser, als sie sich das je gewünscht hätte.

„Und das da ist mein Papa auf dem Klo.“ (4. Schuljahr, Klassenlehrerstunde)

Das dringende Geschäft kann einem schon mal dazwischenkommen. Ein Zehntklässler musste mal – und fragte in der Videokonferenz brav nach. Die scherzhafte Antwort seiner Lehrerin nahm er wörtlich. Fraglich ist, ob er es noch ins Bad geschafft hat.

Schüler: „Äh, Entschuldigung? Kann ich kurz aufs Klo?“

Lehrerin: „Ja, aber trag dich bitte in die Toiletten-Liste ein.“

Schüler (geht weg und kommt kurz darauf zurück): „Äh, ich weiß nicht, wo wir die Liste hier zu Hause liegen haben.“ (Religion, 10. Klasse)

Fremde Lebensformen

Haustiere wie Katzen, Hunde oder Wellensittiche sind ebenfalls das Highlight vieler Videokonferenzen. „Ich kenne alle Tiere meiner Schüler“, erzählt eine Gesamtschullehrerin. Und die passenden Ausreden kennt sie auch.

„Leider konnte ich meine Hausaufgaben nicht machen. Meine Katze ist über die Tastatur gelaufen, und jetzt ist alles gelöscht.“ (Italienisch, 7. Klasse)

Die Katze in der Konferenz sorgt bei den Kindern für Abwechslung. Und löscht manchmal auch den Text.
Die Katze in der Konferenz sorgt bei den Kindern für Abwechslung. Und löscht manchmal auch den Text. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Auch akustische Störungen beeinflussen die Konferenzabläufe. Eine Deutschlehrerin muss immer ihre Echobox ausschalten, bevor sie in die Stunde geht. Ansonsten fühlt sich das Gerät unweigerlich angesprochen. Nur weil eine Schülerin genauso heißt.

Lehrerin: „Alexa, erkläre mir bitte, was in eine Bewerbung gehört.“

Echobox: „Ich bin mir leider nicht sicher.“

Lehrerin: „Alexa, STOPP!“ (Deutsch, 8. Schuljahr)

Die digitalen Klassenclowns

Quatsch machen ist im Digitalunterricht nicht möglich. Sollte man glauben. Schulleiter Heiko Klanke weiß das leider besser. „Manche Kinder schicken sich heimlich Whatsapps oder versuchen, alle möglichen Funktionen auszuprobieren. Zum Beispiel auf dem interaktiven Whiteboard herumzukritzeln.“

Die Pädagogen haben sich an solche Tricks längst gewöhnt und setzen sich durch – auch wenn man niemanden vor die Tür schicken kann. „Wir drohen dann das Kind stummzuschalten oder werfen es schon mal aus der Konferenz. Aber nur kurz“, sagt Klanke und lacht.

Besonders amüsant sei es, wenn ein Kind versehentlich den Bildschirm teile und die ganze Klasse dann den Chatverlauf lesen kann, in dem gerade über die Lehrerin gelästert wird.

Quatsch machen geht auch digital. Anstelle von fliegenden Zetteln piepsen die Handys in der Videokonferenz.
Quatsch machen geht auch digital. Anstelle von fliegenden Zetteln piepsen die Handys in der Videokonferenz. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Manchmal komme es auch vor, dass ein Lehrer selbst unfreiwillig für Gelächter sorgt. „Wir hatten eine Konferenz, und die Kollegin bekam einen Anruf. Sie ging vor die Tür, ließ aber das Mikro an. Das war sehr lustig“, erzählt Heiko Klanke.

Lehrerin: „Hallo? Ja, hi. Ich bin hier gerade schon wieder in so einer blöden Konferenz. Dauert sicher ewig.“

Schulleiter: „Frau Kollegin? Wir hören Sie laut und deutlich!“

Mitunter ist es so, dass die Aufgabenstellung einer Videokonferenz die Klassenclowns geradezu herausfordert. Als mein Sohn die folgende Aufgabe bekam, konnte er einfach nicht anders. Behauptet er.

Lehrerin: „Ihr sucht euch jetzt alle ein Wort aus. Zum Beispiel gurgeln, schmatzen, ächzen, rülpsen, flüstern, zischen oder so. Dieses Wort schreibt ihr auf. Und dann macht ihr das Geräusch nach.“

Schüler: „Alles klar. Ich nehme rülpsen….Mama! Bring mir bitte SOFORT eine Flasche Sprudel!“ (Deutsch-Sprache, 6. Schuljahr) Der Rest ist Schweigen.

Die Oberschlauen

Das Lösen von Gleichungen ist so eine Sache. Besonders wenn die Beispiele so herrlich realitätsfremd sind. Weshalb sich Lehrer mit oberschlauen Antworten ihrer gereizten Schützlinge herumschlagen müssen.

Aufgabe: „Polizist Krause weiß, dass der Ladendieb 1,95 m groß sein muss, weil er die Ware aus dem obersten Regal gestohlen hat. Herr Meier, Herr Steffens und Frau Lasik sind verdächtig. Zusammen sind sie 510 cm groß. Herr Meier ist 25 cm kleiner als Frau Lasik, Herr Steffens ist 25 cm größer als sie. Wie groß ist jede Person?“

Schüler: „Warum misst Polizist Krause nicht einfach jede Person? Wenn ich Kommissar wäre, würde ich diesen unfähigen Kerl feuern.“ (Mathe, 8. Schuljahr) Auch digitale Feedbacks sind üblich. Die Deutschlehrerin einer Gesamtschule bekommt manchmal sogar Reaktionen ihrer Schüler.

Lehrerin: „Lieber Mats, denk bitte daran: Im Brief schreibt man die Anrede immer groß. Und das Wort Argument wird mit einem r geschrieben.“

Schüler: „Danke. Ich habe ihr Agument verstanden.“ (Deutsch, 6. Schuljahr)

Die Philosophen

Der nächste Exkurs hat nicht ausdrücklich mit digitalem Unterricht zu tun. Die Lehrer wollten aber unbedingt die folgenden Schülerantworten veröffentlicht wissen. Los gehts:

Aufgabe: „Beschreibe die Berufe zur Zeit Jesu und ihre Bedeutung für die Gesellschaft.“

Antwort: „Der Kranke tat nichts und war in der Gesellschaft deswegen sehr unbeliebt.“ (Religion, 6. Schuljahr)

Zur Zeit Jesu gab es viele unbeliebte Berufe, wie es scheint. Am unbeliebtesten waren die Kranken.
Zur Zeit Jesu gab es viele unbeliebte Berufe, wie es scheint. Am unbeliebtesten waren die Kranken. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Auch die Hirten fand der Elfjährige unnütz, was er in der Tabelle und im Aufsatz auch vermerkte. Mit den Jobs ist das halt so eine Sache. Und mit der Arbeitsmoral erst recht.

Frage: „Wie heißt die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Böll?“ Antwort: „Der Fischer und der Terrorist.“ (Deutsch, 8. Schuljahr) Hier vermutet die Lehrerin, dass das Rechtschreibprogramm des Kindes mitmischte, weil es den „Touristen“ nicht erkannte. Später schrieb der Schüler noch: „Dann schoss der Terrorist ein Foto.“ Auch die nächste Aufgabe handelt von Touristen. Von Campingtouristen.

Frage: „Was ist ein Karawanenführer?“

Antwort: „Das ist der Wohnwagen, der auf dem Weg in den Holland-Urlaub ganz vorne an der Spitze fährt.“ (Religion, 8. Schuljahr) Die Lehrerin räumt ein, sich in diesem Augenblick ebenfalls urlaubsreif gefühlt zu haben.

Die Granaten

Ein Diktat in der Videokonferenz? Gar kein Problem. Die Kinder fotografierten ihre Ergebnisse ab. Das Feedback der Deutschlehrerin ließ nicht lange auf sich warten.

Lehrerin: „Glückwunsch. Du hast es geschafft, drei Rechtschreibfehler in das Wort UND einzubauen. Das hat noch niemand hingekriegt.“ (Deutsch, 6. Schuljahr)

Der Schüler hatte das Wort mitten im Satz groß geschrieben, es getrennt und am Ende auch noch mit t geschrieben. Respekt! Das würde den Achtklässlern einer Gesamtschule nicht mehr passieren. Wobei hier in Sachen Wortschatz noch Luft nach oben ist. Die Jugendlichen sollten im virtuellen Berufs-ABC im Chat eintragen, welche Berufe ihnen einfallen.

Aufgabe: „Nenne einen Beruf mit P.“

Schülereintrag: „Popologe“ (Deutsch, 8. Schuljahr)

Die Eigentor-Schießer

Ausreden über nicht gemachte Hausaufgaben sind für Lehrer nichts Neues. Besonders kreativ war der 15-Jährige, der es auf die klassische Digital-Tour versuchte. Mit seiner Familie hatte er allerdings nicht gerechnet.

Schüler: „Ich konnte leider meine Französischaufgaben nicht machen. Im ganzen Haus war das Internet weg. Mein Vater und meine Schwester konnten auch nicht arbeiten.“

Lehrerin: „Hochinteressant. Deine Schwester hat ihre Hausaufgaben schon eingereicht, und mit deinem Vater habe ich gerade mehrfach gemailt, weil ich deine Hausaufgaben vermisse.“ (Französisch, 9. Schuljahr)

Ganz zuletzt kommt hier die Mail einer Mutter, die das Prinzip des Digitalunterrichts noch nicht so ganz verinnerlicht hat. „Immer wenn ich schlechte Laune habe, schaue ich mir diese Mail an. Dann geht es mir wieder gut“, erzählt die Lehrerin.

Mail einer Mutter: „Meine Tochter kann heute morgen leider nicht an der Videokonferenz teilnehmen. Sie ist erkältet, und ich möchte nicht, dass sie jemanden ansteckt.“ (Deutsch, 6. Schuljahr)

Vielleicht sollte die Mutter sich diese Ausrede noch einmal gut überlegen. Schließlich hat heutzutage jeder Computer ein Anti-Viren-Programm.

Über die Autorin
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Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus
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